Filmkritik zu The Souvenir

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  • Bewertung

    Im Käfig einer ungesunden Beziehung

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Bei den bisherigen Spielfilmen der britischen Regisseurin Joanna Hogg handelte es sich zumeist um Beobachtungsstudien, die sich während einer gewissen Zeitspanne dem Leben einer bestimmten Person widmeten. Dieser Fall tritt auch wieder bei Hoggs neuestem Werk „The Souvenir“ ein, in dem sie sich beeinflusst von ihrer eigenen Vergangenheit auf eine junge Filmstudentin konzentriert, die eine fragwürdige Beziehung mit einem älteren Mann eingeht. In die Rolle der jungen Frau schlüpfte Honor Swinton-Byrne, die Tochter von Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton, und gibt hiermit ihr Schauspieldebüt. Mama Tilda, die seit Kindheitstagen mit der Regisseurin befreundet ist, ist auch in einer Nebenrolle als On-Screen-Mutter ihrer Tochter zu sehen.

    Julie (Honor Swinton-Byrne) ist eine junge, aufstrebende Filmemacherin, die aus einer wohlhabenden Familie stammt und ihre schüchterne Ader beim Filmemachen überwinden kann. Eines Tages lernt sie auf einer Party den weit älteren Anthony (Tom Burke) kennen, dessen nach außen hin selbstsicheres Auftreten eine Faszination in ihr auslöst und beginnt eine Beziehung mit ihm. Anthony hat jedoch eine dunkles Geheimnis, das Julie erst nach einer Zeit zu begreifen scheint: er ist heroinabhängig. Plötzlich sieht sich die junge Frau gefangen in einer toxischen Beziehung, die ihr Leben mehr einnimmt als sie es sich ursprünglich erhofft hätte.

    Zwar ist die eigentliche „Story“ von „The Souvenir“ recht dünn geraten, jedoch ist Hogg eine tiefgehende Charakterstudie gelungen, die sich langsam aber umso kraftvoller entfaltet. Trotz einer gewissen emotionalen Distanz, schafft es der Film in das Gefühlsleben seiner Protagonistin einzudringen und dadurch ein glaubwürdiges Porträt einer jungen Künstlerin zu kreieren, die durch eine ungesunde Beziehung an alter Kraft verliert, aber schlussendlich auch an neuem Selbstbewusstsein dazugewinnt. Diese komplexe Darstellung unserer Protagonistin wird von Honor Swinton-Byrne mit einer unglaublichen Hingabe getragen, die nur so vor Natürlichkeit strotzt. Ein furchtloses Schauspieldebüt, das Hoffnung auf weitere Rollen für die junge Swinton gibt!

    Auch Tom Burke mimt den von Leid getriebenen Anthony mit einer rauen Authentizität, die einen in manchen Szenen regelrecht erschüttern lässt. Tilda Swinton weiß als beschützerische Mutter ebenfalls zu überzeugen, auch wenn sie nur in wenigen Momenten auftaucht.

    Hogg beweist zudem ein makelloses Gespür für eine stilsichere Inszenierung, das sich vor allem in den verspielteren Momenten des Films breitmacht. So hat Hogg ihren Film mit einem wundervollen 80er-Jahre-Soundtrack ausgestattet, der oft einen großen Kontrast zum eher dramatischen Geschehen im Film setzt, jedoch mühelos mit der stilisierten Bildsprache harmoniert. Auch das Kostüm- und Szenenbild bestechen mit einer Detailverliebtheit, die einen auf eine Reise zurück in die Achtziger schicken lässt.

    Bevor der Film immer mehr in den destruktiven Lebensstil der Protagonistin abtaucht, blitzen hier und da auch eher leichtfüßige Momente auf, die für angenehmes Kontrastprogramm zum schwerwiegenden Drama sorgen. Während der Szenen in der Filmhochschule kommen Referenzen und Insider-Witze ins Spiel, die Cineasten-Herzen höher schlagen werden lassen.

    Zusammengefasst lässt sich „The Souvenir“ wohl am ehesten als eine sich anschleichende Beobachtungsstudie zusammenfassen, deren monumentale Erschütterung sich erst von Zeit zu Zeit offenbart, aber am Ende des Tages dafür umso tiefer sitzt. Ein unvergesslicher Film voller Sinnlichkeit, Schmerz und Wehmut zusammengehalten von einer wundervollen Honor Swinton-Byrne in ihrer ersten Rolle!
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    (Christian Pogatetz)
    17.02.2019
    19:06 Uhr