Uncut live von der Berlinale 2019

Filmkritik zu Systemsprenger

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Ein brutaler Blick auf die Tücken der Jugendfürsorge

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Mit „Systemsprenger“, einem der deutschen Beiträge im diesjährigen Wettbewerb, will Regisseurin Nora Fingscheidt die Problematik jener jugendlichen Problemfälle aufzeigen, die regelmäßig durch sämtliche Raster der Jugendfürsorge fallen. Der Film, der sich zunächst auch atmosphärisch dicht und gnadenlos ohne Filter der Sache widmet, kann diese Kompaktheit aber nicht bis zum Ende durchhalten. Die überflüssigen letzten 30 Minuten verlieren sich in nutzlosen Übersteigerungen.

    Der konkrete Problemfall nennt sich Benni (eine großartige Helena Zengel), die regelmäßig Tobsuchtanfälle bekommt und dabei die Menschen in ihrem Umfeld gefährdet. Die Mutter, bei aller Liebe für ihr Kind, kann und will sich nicht um sie kümmern und in den Heimen fliegt sie regelmäßig wieder raus. Fingscheidt konzentriert sich im weiteren Filmverlauf auf die zwei Seiten des Systems. Zum einen ist da Benni, die in einem Moment auf die Menschen einprügelt, im nächsten aber wieder um Liebe bettelt. Zum anderen sind da die Sozialarbeiter, die ratlos sind und überfordert, was sie mit dem Kind anfangen sollen. Denn eines ist klar. Bald wird es für Benni vorbei sein, wenn sie nicht einen stabilen Heimplatz findet. Statt eines Tages zur Mutter zurückzukehren, wie sie sich das wünscht, wird sie wohl in die geschlossene Anstalt wandern.

    Die Hochs und Tiefs im Alltag und im Zustand Bennis sind ungeschönt und bedrückend. Fingscheidt umschifft gekonnt die typischen Genretücken und versucht eine hoffnungsvolle aber doch pragmatisch-realistische Geschichte zu erzählen. Wenn Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) mit ihr drei Wochen in den Wald zu einer verlassenen Hütte fährt um an ihren Aggression zu arbeiten, mag man vielleicht zunächst irritiert die Augen rollen. Aber der Film erzählt nicht die Wundergeschichte einer Heilung, des klassischen am Riemen reißen. Er zeigt die Hoffnungslosigkeit, die Kreise, in denen sich die Behörden drehen und zu guter Letzt auch wie hinderlich die Eltern der Kinder sein können, dass diese je genesen können.

    Genau da hätte der Film auch ein rundes Ende finden können. Nachdem Benni doch erste Fortschritte macht und die Mutter (Lisa Hagmeister) sich zunächst bereit erklärt sie wieder nach Hause zu holen, wird in einer schwerwiegenden Szene klar, dass diese doch nicht bereit ist mit ihrer Tochter unter einem Dach zu wohnen. Sogar von regelrechter Angst ist die Rede. Dass diese Flatterhaftigkeit sich auf den psychischen Zustand Bennis auswirkt ist klar und der Film hätte alles gesagt was es zu sagen gibt.

    Dass Fingscheidt dann inhaltlich noch ein paar Extrarunden dreht dünnt die Wirkung des Filmes aus. Vor allem, da sie zwangsweise der Devise folgen muss, mach das gleiche noch mal, nur noch extremer. Genau in diesem Moment verliert sie aber den Zuschauer, der bald nicht mehr Mitgefühl mit Benni hat, sondern nur mehr Genervtheit gegenüber ihren Macken verspürt.

    „Systemsprenger“ ist ein klassisches Beispiel, dass zu viel des Guten das Gesamtwerk entkräften kann. Das ist schade, denn der Film verfügt über eine herausragende Darstellerriege und eine Ablehnung gegen jegliche Art von Schmalz. Ein Projekt, dass mehr Mut zur Lücke hätte beweisen sollen.
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    (Susanne Gottlieb)
    09.02.2019
    08:06 Uhr
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