Filmkritik zu Mr. Jones

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Zu glatt geratene Geschichtsstunde

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Berlinale Liebling Agnieszka Holland kehrt zurück in den Wettbewerb mit dem Biopic „Mr. Jones“, ein Film über den walisischen investigativen Journalisten Gareth Jones, der als erster westlicher Journalist in den 30er-Jahren über die sowjetische Hungersnot in der Ukraine berichtete. „Mr. Jones“ ist ein routiniert gemachter, nie langweilender Historienfilm, der dennoch manchmal die falschen Akzente setzt. Zudem hätte man von einer Regisseurin wie Holland etwas mehr kreatives Handwerk und weniger „BBC Ware“ erwarten können.

    Im Jahr 1933 arbeitet der walisische Berater und Journalist Gareth Jones (James Norton) nicht nur für den angesehenen Diplomaten Lloyd George (Kenneth Cranham), er kann auch bereits journalistische Erfolge mit einem exklusiven Interview mit Adolf Hitler vorzuweisen. Die Tatsache, dass Hitler und Goebbels darin sehr offen zugaben „große Pläne“ zu haben, schlagen die kriegsmüden britischen Diplomaten in den Wind. Jones, der auch als Experte für den sowjetischen Raum gilt, möchte die UdSSR mit als Verbündeten gegen Hitler ins Boot holen. Und überhaupt interessiert er sich generell für das Wirtschaftswunder im Osten, während der Rest von Europa finanziell brach liegt.

    Holland zeichnet hier bereits ganz deutlich einen etwas naiven Jones. Norton porträtiert einen Mann, der zwar bei Hitler den totalen Durchblick hat, aber Stalins Land unreflektiert idealisiert, selbst als er bereits vor Ort ist. Nachdem er aus dem Dienst von George entlassen wird, reist Jones als Freelancer nach Moskau, in der Hoffnung dort den Staatschef persönlich interviewen zu können. Helfen soll dabei sein Journalistenfreund vor Ort, der aber bei der Ankunft Jones bereits tot ist. Politischer Mord, wie er später erkennt. Vermitteln soll ihm die Kontakte zunächst der ambivalente Journalist und Pulitzerpreisträger Walter Duranty (Peter Sarsgaard), der aber nicht sonderlich an kritischer Berichterstattung interessiert scheint.

    Hilfe bekommt er schließlich von Durantys Schreiberling Ada Brooks (Vanessa Kirby), die Jones auf die richtige Fährte, die Ukraine, locken kann. Bis der Film jedoch an dieser Stelle angekommen ist, ist schon viel Zeit vergangen. Holland konzentriert sich unnötigerweise lange darauf den unreflektierten Jones darauf aufmerksam zu machen, dass er abgehört wird und Dinge vertuscht werden, ebenso verwertet sie wertvolle Minuten auf eine anbandelnde Romanze zwischen Jones und Brooks, die der Historie nach sowieso nirgends hinführen wird.

    Als Jones sich in die Ukraine einschleust und das einstige „Land der schwarzen Erde“ als Todeszone und Schauplatz einer verheerenden Hungersnot erlebt, bleibt somit nicht mehr viel Zeit um den Handlungsbogen voll auszuschöpfen. Hier dreht Holland aber visuell endlich auf, die flott geschnittenen, mit historischen UdSSR-Bildern überlegten Zugfahrten wirken wie ein Express in den Untergang. Je weiter Jones in das Herz des Landes vordringt, desto dunkler und farbloser werden die Bilder, bis nur mehr ein Mix aus Schwarz auf Weiß besteht.

    Die Leichen am Straßenrand, der Kannibalismus, die verzweifelte Suche nach Schutz und Brot – die Bilder schockieren, aber der Film handelt sich schnell an ihnen ab. Holland will immerhin auch noch den dritten Akt der Ukrainereise inkludieren, die nachfolgende Diffamierung Jones als Lügners durch die Stalin getreue Auslandspresse unter Duranty und die britischen Lords, die keinen weiteren Krieg provozieren wollen.

    „Es gibt nur eine Wahrheit“ legen Ada und Jones in einem ihrer zahlreichen Gespräche fest. Dass Holland diesen Punkt und ethische journalistische Arbeit so hervorheben will ist legitim, aber es geht dadurch viel Zeit für trockenen Szenen in Moskauer und Londoner Bürogebäuden drauf als wirklich das Ausmaß der Vertuschung und des Hungers in den Vordergrund zu stellen.

    Joseph Mawle als optisch einwandfreies Look Alike von George Orwell, den Jones Berichte zu „Animal Farm“ inspirierten, ist zwar noch ein nettes Extra, hebt den Film aber nicht mehr über seine solide aber doch schnörkellose Fernsehserien-Machart hinaus. Hier wurde eindeutig die Chance vergeben in einem interessanten Thema tiefer zu graben.
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    (Susanne Gottlieb)
    13.02.2019
    23:49 Uhr
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