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  • Bewertung

    Kampf gegen das Schweigen

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    In „Grâce à Dieu“ widmet sich der französische Regisseur François Ozon einem realen Missbrauchsfall in der Kirche von Lyon, der 2015 bekannt wurd, und zeichnet nach, wie eine Gruppe Männer sich gegen ihren ehemaligen Peiniger mobilisieren als sie merken, dass dieser Priester immer noch mit Kindern arbeitet. Ozon bietet eine penibel entworfene, entlarvend funktionierende Aufarbeitung der Geschichte, lässt aber in punkto Emotionalität zu wünschen übrig.

    Es ist Alexandre (Melvil Poupaud), der in einer Zeitung entdeckt, dass Pater Bernard Preynat (Bernard Verley), sein Peiniger aus Pfadfindertagen in den 80ern, wieder in der Gegend eine Kirche führt und nach wie vor mit Kindern zusammenarbeitet. Erbost wendet er sich an Kardinal Barbarin (François Marthouret) um Konsequenzen zu fordern. Der Kardinal zeigt sich verständnisvoll, aber nach einem Gespräch mit Kirchen-Psychologin Régine Maire (Martine Erhel) und einer Aussprache mit Preynat, der die Belästigung zwar zugibt aber nicht um Vergebung bittet, passiert nicht mehr viel. Alexandre versucht weitere Wege über die Kirche zu gehen, die ihn aber konsequent vertröstet. Schließlich meldet er seinen Fall, der aufgrund der Zeitspanne für einen Prozess schon verjährt ist, bei der Polizei.

    Dies bringt die Polizei auf die Spur des nächsten Opfers, François Debord (Denis Ménochet), der mit der Angelegenheit zunächst nichts zu tun haben will. Als er ebenfalls erkennen muss, dass Preynat nach wie vor im Umfeld von Kindern aktiv ist, und der Priester auch ihm nur scheinheilige Ausreden gibt warum er ihn belästigt hat, beschließt François gemeinsam mit einem weiteren Opfer, Gilles (Éric Caravaca), aktiv zu werden und einen Verein zu gründen um Aufmerksamkeit von Seiten der Bevölkerung und der Medien zu erlangen. Man mache es nicht für die Kirche, lautet das Motto, sondern für sie. Doch die Institution rund um Barbarin hält sich weiter lange bedeckt.

    Ozon nähert sich dem Thema von einer eher dokumentarischen Seite, lässt die Geschichte Szene um Szene Revue passieren. So ist der Film immer von langen Briefkorrespondenzen durchzogen, in denen der fordernde Ton der Opfer der Unverbindlichkeit der Kirche gegenübersteht. Der Film arbeitet sich chronologisch an den Opfern ab, wie in einem Staffellauf wird von einem an das nächste weiter gereicht, in kurzen Flashbacks werden die Umstände ihres Missbrauchs gezeigt. Die Gesichter der Buben, die ängstlich in die leicht getönten Brillengläser eines jüngeren Preynats starren und sein schmieriges Lachen schaffen bedrohliches Unbehagen. Emotionen, die Ozon durchaus in der Gegenwart verwurzeln möchte, die aber an seiner pragmatischen Herangehensweise zu der Materie scheitern.

    Die teils nüchterne Art, in der „Grâce à Dieu“ funktioniert gibt aber auch die Möglichkeit, die Absurdität der Situation vor Augen zu führen. Wenn Preynat beispielsweise meint, er wolle nicht an die Öffentlichkeit gehen, die Eltern würde ja gewalttägig werden, was absolut nicht nötig sei, reagiert man als Zuschauer fassungslos. „Gott sei Dank“ seien viele Fälle verjährt, meint etwa auch Barbarin, nur um sich nachher zu korrigieren er sei nicht gut mit den richtigen Worten. Wenn die Mitglieder des Vereins intern zu streiten beginnen, wie und mit welcher Botschaft sie sich präsentieren wollen, zeigt das, welches Opfer die Unternehmung fordert, und wie selbst die besten Absichten sich in Meinungspluralismus und Ideologie verlieren können.

    „Grâce à Dieu“ zeigt einen wichtigen Abschnitt der jüngeren gesellschaftlichen Entwicklung Lyons, bleibt aber trotz emotionaler Momente etwas auf Distanz. Der Film, der durchaus zurecht kein Tränendrücker sein will, hätte sich gelegentlich durchaus mehr Zeit für leise Momenten nehmen können. So bleibt er handwerklich einwandfreie Ware entsprechend der Fragen des gegenwärtigen Zeitgeists und ein Begleitdokument zu jenem Prozess, der in Frankreich gerade die Wogen hochgehen lässt.
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    (Susanne Gottlieb)
    11.02.2019
    12:33 Uhr
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