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    Wer nichts kann, der lehrt...

    Exklusiv für Uncut vom Toronto Film Festival
    Dieses Netflix-Remake eines israelischen Dramas von Sara Colangelo handelt von der Kindergartenlehrerin Lisa Spinelli (Maggie Gyllenhaal), die ein Poesie-Wunderkind unter ihren Schülern entdeckt. Der kleine Jimmy beginnt aus dem Nichts Wörter vor sich hinzusagen, die zu berührenden Gedichten werden. Lisa beginnt diese niederzuschreiben, da Jimmy selbst noch nicht schreiben kann. In ihrem Poesie-Weiterbildungskurs für Erwachsene gibt Lisa Jimmys Gedichte als ihre eigenen aus und erntet großes Lob von ihrem Lehrer (Gael García Bernal). Ihre irrwitzige Obsession zu dem Jungen und seinem Talent, lässt uns aber nicht nur an ihrer Person zweifeln, sondern auch an unserer ganzen Gesellschaft.

    Lisa Spinelli trägt lange Röcke, blumengemusterte Blusen und Libellenohrringe. Sie ist das Ebenbild der leicht schrullige Lehrerin aus all den Klischees. Doch eine Maggie Gyllenhaal schafft es, einem so harmlos anmutenden Charakter eine derartige Intensität zu verleihen, die uns den ganzen Film über nicht loslässt. Wir wissen nicht, ob wir sie mögen oder fürchten oder sogar sie sind. Doch das herauszufinden ist ein tiefenpsychologisches Experiment, das es wert ist, sich darauf einzulassen.

    Lisa ist definitiv eine der komplexesten Frauenrollen des letzten Jahres, was ihre Handlungen und somit auch den Verlauf des Films unvorhersehbar machen. Als Mutter ist sie frustriert, weil ihre Kinder, alle bereits junge Erwachsene, ihr Potenzial verschwenden, indem sie sich mehr ihrem Smartphone anstatt ihren Talenten widmen. Lisa selbst ist dagegen sehr ehrgeizig und zielstrebig, ihr mangelt es aber dafür an Potenzial – etwas, was ihr schmerzlich bewusst wird in ihrem Poesie-Kurs. Der junge Jimmy dagegen ist für sie der Mozart der Dichtkunst – ein Wunderkind, das noch nicht gelernt hat zu prokrastinieren, frei und ungezwungen vor sich hin dichtet. Doch leider tut er dies unbemerkt. Niemand außer Lisa hört dem Kind zu oder realisiert seine Begabung. Als Lehrerin blüht sie dadurch tatsächlich auf, unterstützt und fördert das begabte Kind. Auch in ihrem Kurs erwacht sie zu neuem Leben, da die Anerkennung, die sie für Jimmys Gedichte bekommt, ihr sichtlich gut tun. Doch in ihrem Eifer übertritt sie immer wieder Grenzen und beschließt bald darauf, diese Grenzen gänzlich zu sprengen.

    Maggie Gyllenhaal spielt in „The Kindergarten Teacher“ eine der interessantesten Frauen des letzten Filmjahres und wird ihr mit ihrem Spiel mehr als gerecht. Der Film selbst spielt gekonnt etwas mit den Erwartungen des Publikums und überrascht uns immer wieder. Auch besonders schön gestaltet ist die Beziehung zwischen Lisa und Jimmy. Auch wenn wir sehen, dass Lisas Obsession ungesund oder gar gefährlich ist, entwickelt sich zwischen den zweien eine zarte Freundschaft mit einer spannenden Dynamik. „The Kindergarten Teacher“ ist zwar eine der Netflix-Produktion, die im letzten Jahr sehr wenig Beachtung gefunden hat. Sie hätte diese jedoch mehr als verdient.
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    (Marina Ortner)
    06.01.2019
    23:09 Uhr