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  • Bewertung

    Ein Meisterwerk

    Exklusiv für Uncut
    Martin Scorsese gehört zu den wenigen Filmemachern, die für Kinokunst geliebt werden. Und mit „The Irishman“ ist ihm wieder ein Film gelungen, der Cineasten begeistern sollte. Ich bin happy, dass dieser Film unter Berücksichtigung der schweren Entstehungsgeschichte auch nur für kurze Zeit ins Kino kommt. Dort gehört er hin!

    Man taucht als Zuschauer nicht nur in die Vergangenheit ein, man hat das Gefühl selbst in den 60ern und 70ern dabei zu sein. In diesem Stile werden kaum noch Filme gemacht. Hätte Netflix nicht das Risiko übernommen, wären die angeblichen 200 Millionen Dollar als Produktionskosten nie finanziert worden, geschweige den von einem Major-Studio.

    Der Zuschauer bekommt ein Bild vom Aufstieg eines Kraftfahrers zum verlässlichen Killer der Mafia. Robert DeNiros darstellerische Leistung sowie die Maske sind zum Niederknien. Es wird ihm auch der Job des Beschützers von Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa angeboten. Al Pacino als der korrupte und übersensible, aber mächtige Dickschädel war nicht mehr so gut auf der Leinwand seit mindestens einem Jahrzehnt. Joe Pesci, der seine Karriere bereits an den Nagel gehängt hatte, bricht sein Vorhaben und überzeugt hier als ruhiger Gangsterboss, genau das Gegenteil seiner bekannten Rollen aus „Good Fellas“ und „Casino“, wo er als nervöser Gangster einem Angst einjagte.
    Was bedeutet mehr - Freundschaft oder Loyalität? Oder hat DeNiro gar nicht die Wahl zu entscheiden?
    Alle drei Schauspieler laufen zur Höchstform auf und würden sich den Oscar verdienen.

    Alles an „The Irishman“ ist Filmkunst auf höchstem Niveau. Die erwähnte Regie, die erwarteten Leistungen der Top-Schauspieler, die wunderbar geführte Kamera, der sensationelle Schnitt, die unglaublichen Maske, die bestens ausgewählte Musik und über allem das außergewöhnlich phantastische Drehbuch von Steven Zaillian.

    Er macht geschichtliche Zusammenhänge wie die Invasion bei der Schweinebucht auf Kuba verständlich. Auch das Interesse bzw. das Desinteresse der Mafia an den Kennedys und Fidel Castro wird nachvollziehbar erklärt. Der Rubel rollt nicht nur im Casino.

    Magisch herausgearbeitet hat der gefeierte Drehbuchautor nicht nur die Beziehung von DeNiro zum Mob und Hoffa, sondern auch das Verhältnis zu seinen Frauen und seinen vier Töchtern. Insbesondere eine Tochter weiß, was der Vater beruflich macht. Ob sie ihm verzeihen kann?

    Die 3 1/2 Stunden im Kino vergehen wie im Flug. Ich frage mich, wann ich wieder so ein Ereignis erleben darf.
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    16.11.2019
    18:55 Uhr