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    Nervous Translation – Yael allein zu Haus

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    In „Nervous Translation“ verarbeitet Shireen Seno ihre Kindheitserinnerungen auf traumähnliche Art und Weise und versucht ihnen so mehr Sinn zu verleihen. Erzählt wird deshalb aus der Perspektive der achtjährigen philippinischen Yael, die die meiste Zeit alleine zuhause verbringt und sich ihre eigene Welt schafft, die primär aus einem Miniaturofen, Heften mit lustigen Aufgaben auf Englisch und einer Boombox besteht. Auf ihrem Ofen kocht sie sich jeden Tag ihre Miniessensportionen mithilfe eines Teelichts, die sie vorher gekonnt mit ebenfalls unterdimensionierten Küchenutensilien präpariert. Auf der Boombox ihrer Mutter hört sie sich am liebsten Kassetten von ihrem im Ausland arbeitenden Vater an, die nicht für sie bestimmt sind. So bestreitet sie Tag für Tag ihre Freizeit nach der Schule, bis ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kommt. Im Laufe des Films verwischen ihre kindlichen Spielereien die Grenze zwischen Realität und Illusion, bis nicht mehr klar erkennbar ist, was Traum und was Wirklichkeit ist.

    Eingebettet ist der Film auf den Philippinen in der Folgezeit nach der Abdankung von Präsident Ferdinand Marco durch die People Power Revolution 1986, die seiner 21-jährigen Diktatur ein Ende gesetzt hat. Dieser historische Kontext steht jedoch wie in der Wahrnehmung eines Kindes nur im Hintergrund der Erzählung und wird nur durch kurze Radio- oder Fernsehbeiträge thematisiert. Als Inspirationsquelle für die Zentrierung der Erzählung um ein Mädchen nennt die in Japan geborene Regisseurin unter anderem „The Spirit of the Beehive“ (El espiritu de la colmena, 1973) von Victor Erice. Die Protagonistin ist dort ebenfalls ein junges Mädchen, das durch den Film „Frankenstein“ (1931) von James Whale – ähnlich wie Yael vom Fernsehen bzw. der Werbung – beeinflusst wird.

    Neben der Perspektive zeichnet sich der Film stark durch seine Ästhetik aus, die mithilfe zahlreichen Frontalaufnahmen schön symmetrisch ausfällt. Die Kamera hält die Distanz zu Yael gering, obwohl sie darauf bedacht ist, Momente aufzunehmen, in denen die professionelle Kinderschauspielerin Jana Agoncillo nicht schauspielt. Die Farben entsprechen der bunten Kinderwelt und werden vom Ton noch ergänzt, der ebenfalls eine große Rolle spielt. Bereits die Anfangsszene, in der der Titel auf kreative Art und Weise eingeführt wird, ist durch ein poppiges Lied unterlegt. Es stammt von einer Band der Philippinischen New Wave der 80iger Jahre, im Film „The Futures“ genannt, in der Yaels Onkel mitspielt. Ansonsten wird die Tonspur durch Yaels Stimme bestimmt, wobei vor allem ihre Nachahmungen verschiedener Geräte und Personen herausstechen.

    Für jeden Ästhetik- und Miniaturfan ist „Nervous Tranlsation“ mehr als empfehlenswert. Doch auch für Filmliebhaber, die sich gerne ungewöhnliche Filme anschauen, bei denen nicht sofort ersichtlich ist, in welche Richtung sie gehen, ist dieses Werk einen Kinobesuch wert.
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    (Nina Isele)
    03.11.2018
    20:41 Uhr