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  • Bewertung

    Aufruhr in Chinas Gangsterszene

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Wenn Kung-Fu-Einlagen auf mit „YMCA“ untermalten Disco-Sequenzen treffen, dann handelt es sich nicht um einen skurril erscheinenden Traum, sondern um den neuesten Film des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke. Neben ein paar stylisch gestalteten Actionszenen werden vor allem trostlose Gegenden und hoffnungslose Beziehungen zum Gegenstand der filmischen Auseinandersetzung Zhangkes mit Chinas Unterwelt. Und eine starke Frau, die sich im Zentrum der Handlung befindet und sich trotz allen Widrigkeiten nicht unterkriegen lässt.

    Qiao (Tao Zhao) ist die Freundin von Bin (Fan Liao), einem Nachtclubbesitzer und Triaden-Boss. Anfangs ist ihr gemeinsames Leben geprägt durch ihre Vorherrschaft über die chinesische Mafia und das damit einhergehende Machtgefühl, später kristallisieren sich jedoch immer mehr Gefahren und Feinde heraus. Als Qiao dann für Bin ins Gefängnis geht, hat sie ihren persönlichen Tiefpunkt erreicht. Nach ihrer Entlassung schöpft sie neue Hoffnung, die allerdings bald wieder zerschlagen wird. Denn Bin hat sie längst vergessen.

    Gleich zu Beginn von „Jiang hu er nv – Asche ist reines Weiß“ werden wir Zeuge von Qiaos Alltagsleben als „Gangsterbraut“: selbstbewusst gibt sie an der Seite von Bin den Ton an, erscheint ihm aber immerzu untergeordnet. Die Sorge nach dem kranken Vater und der Wunsch nach Stabilität scheinen ihre einzigen Angriffspunkte zu sein. Die filmischen Mittel unterstreichen hierbei immerzu ihre Gefühlswelt: Am Anfang sind beispielsweise ausgelassene Tanzszenen auffällig, die etwas an Claire Denis’ „Beau Travail“ erinnern. Die Musik, die hier Verwendung findet, ist eine, die jeder kennt und den vorhergehenden, ruhigeren Handlungsverlauf aufbricht und eine gelöste Stimmung vermittelt. Später erfolgt dieselbe Taktik anhand ernsterer Gegebenheiten, die durch melancholischere Musik unterstrichen wird. Zum Ende des Filmes hin wird dann ohnehin ein immer düstereres Bild gezeichnet, welches vor allem anhand der Landschaften und Farbgebung ihren Ausdruck findet.

    Dem gelungenen Schnitt ist es zu verdanken, dass man trotz der Länge von knapp zwei Stunden erst in der letzten halben Stunde das Gefühl bekommt, der Film könnte nun bald zum Ende kommen. Denn obwohl dem Film zwar viel Potential – gerade aufgrund der Thematik – zugrunde liegt, gelingt es Zhangke nicht wirklich, ein vollends positives Bild zu vermitteln. Das Drehbuch hat seine Lücken, gerade durch die Erstreckung des behandelten Zeitraums über mehrere Jahre verliert sich mit der Zeit die Linearität. Die Schauspieler sind zwar ganz okay, aber glänzen auch nicht gerade mit überragenden Darstellungen ihrer Charaktere. Vor allem von Tao Zhao hätte man dahingehend mehr erwarten können, gerade aufgrund der Wichtigkeit ihrer Rolle. Ihre Performance wirkt zeitweise etwas hölzern, was sich zwar gegen Ende hin bessert, aber trotzdem bestenfalls durchschnittlich erscheint.

    Bei „Jiang hu er nv – Asche ist reines Weiß“ handelt es sich um einen sehr inhomogenen Film, der zum Ende hin dann auch ziemlich langatmig erscheint. Es scheint, als wäre er sich unsicher, was er denn nun sein will – Actionthriller, Gesellschafts- oder doch eher Liebesdrama? Der Schnitt und die Kameraführung sind aber Faktoren, die den Film dann doch noch aufwerten. Und immerhin sind die Kampfszenen sehr gelungen, wenn auch nicht viele vorkommen.
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    (Marion Schlosser)
    10.11.2018
    15:25 Uhr