Das große Uncut-Special von der Viennale 2018

Filmkritik zu In My Room

Bilder: Polyfilm, Pandora Film Fotos: Polyfilm, Pandora Film
  • Bewertung

    Out in the nature, in my room

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    „Now it’s dark and I’m alone, but I won’t be afraid (in my room)“ heißt es im titelgebenden Lied von den Beach Boys. Es beschreibt das einschneidende Ereignis, das den Film in zwei Segmente teilt: das Davor und das Danach. Ulrich Köhler hat eine mutige Entscheidung getroffen und die Geschichte um einen eher unsympathischen Charakter herum entwickelt. Wir lernen Armin gleich zu Beginn als einen Menschen kennen, der aufgrund seiner unmoralischen, gleichgültigen Persönlichkeit alleine durchs Leben und von einem Job zum anderen taumelt. Vielleicht findet er sich deshalb recht schnell zurecht, wenn er sich eines Morgens plötzlich vollkommen verlassen wiederfindet. Alle Personen in seinem Umfeld sind von einem Tag auf den anderen auf wundersame Art und Weise verschwunden und seine einzigen Begleiter sind lange Zeit nur mehr tierischer Natur. Und Armin, der zuvor ein Leben am Rande der Gesellschaft fristet, blüht in der Natur und Einsamkeit auf. So verlagert sich auch der Handlungsort im ersten Teil von der Großstadt Berlin, in eine Kleinstadt und im zweiten Teil schließlich ganz in die Natur.

    In den ersten Minuten des Films ist man sich nicht sicher, ob man im richtigen Film sitzt, bzw. ob das schon der Film ist. Köhler spielt hier gekonnt mit der Erwartung des Zuschauers, dass der Kameramann die Kamera im Griff hat und genau das zeigt, was er zeigen „sollte“. Stattdessen sieht man aber die Momente, in denen die Kamera für gewöhnlich ausgeschaltet ist. Diese ungewöhnliche Herangehensweise zieht sich durch den Film, denn es werden auch (oder vor allem) die unangenehmen Aspekte des Lebens fokussiert.

    Das Ausgangsinteresse für das Filmteam war nämlich die Frage, ob sich ein Charakter verändern kann – unter solchen Umständen. Man freut sich im zweiten Teil zuerst, Armin fit und voller Tatendrang zu sehen und dass er mit den Tieren friedsam koexistiert. Ob er sich persönlich weiterentwickelt hat, ist jedoch Ansichtssache und muss jeder für sich entscheiden.

    Fest steht hingegen, dass „In the Room“ eine Bereicherung zu all den Beiträgen rund um das eine oder andere Apokalypsenszenario darstellt. Denn Köhler hat sich dafür entschieden, den Quasi-Weltuntergang naturalistisch und ohne unnötige Special Effects zu inszenieren. Dazu sei hier noch eine Szene erwähnt, die meiner Meinung nach die spannendste des ganzen Films ist. Armin ist auf der verlassenen Brennerautobahn unterwegs, schnappt sich einen Lamborghini der Polizia und rast in einen nicht mehr beleuchteten Tunnel. Er hat vergessen das Licht einzuschalten, so wie das manchen Leuten regelmäßig passiert. Und plötzlich ist der Bildschirm zur Gänze in Schwarz getaucht.
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    (Nina Isele)
    09.11.2018
    12:30 Uhr