Das große Uncut-Special von der Viennale 2018

Filmkritik zu Diane

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Die Risse sitzen im Kopf weit hinter den Falten.

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Atemgeräusche. Eine Frau ist in einem Krankenhaussessel eingeschlafen. Sie wird von einer Kranken aufgeweckt und entschuldigt sich im selben Moment dafür, eingeschlafen zu sein. Sie ist es doch, die wachbleiben hätte sollen, aufpassen, da sein. Hier schläft Diane (Mary Kay Place). Ihre Cousine Donna (Deirdre O’Connell), die an Krebs stirbt, weckt sie. Diane wird sich im Film noch oft entschuldigen. Der Moment, in dem sie gegen das System und seine Enge rebelliert hat, wird zum wiederkehrenden (Selbst-)Vorwurf, den sie trotz ihrer Bemühtheit um die anderen und aller Kompensationstechniken nicht abschütteln wird. Sie duldet, leidet und kümmert sich, denn sie hat Schuld auf sich geladen.

    Kent Jones, den man als Filmkritiker und Dokumentarfilmer kennt, hat für seinen ersten Spielfilm eine verlorengegangene Welt nachgebaut, die Welt seiner Tanten im ländlichen Massachusetts. Die Frauen, die sich um die Hauptfigur Diane anordnen, sind starke Frauen, harte Frauen, witzig und bissig bis zum bitteren Ende, mit einem Stachel unter der Haut, den sie sich manchmal gegenseitig in die Seite rammen, und einem Humor, der die Abgründe, die zum Vorschein kommen, gerade so erträglich macht. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, weil sie nur einander haben, halten einander so fest, damit keine fällt, aber auch nicht herausfällt aus dem, was üblich und gut ist. Die Gesichter, Mimik und Gestik dieser Frauen machen den Film zu einem Erlebnis. Man kann sich kaum sattsehen an dem, was aus diesen Gesichtern und Augen herauswill.

    Landschaftsbilder erzählen die Geschichte mit. Diane im Auto, Dianes sattelbraunes Auto vor dem ziegelbraunen Haus ihres Sohnes. Ein Sonnenstrahl. Die Straße. Immer wieder die Straße. Noch ein Sonnenstrahl, der sich in den Autoscheiben spiegelt und mit dem Wald ein Netz bildet, hinter dem Dianes Konturen durchschimmern. Ein kleines Gefängnis. Ihr Gefängnis. Der Wald. Die Straße. Dianes Silhouette im schneekalten Wald. Klaviertöne. Dianes Blick flieht nach oben, in die Zweige, zwischen die Äste. Das Leben ist die Reise auf der Straße zwischen den Häusern, zwischen den Wäldern. Die Menschen ein Teil davon, der rasch vorüberzieht und trotzdem tief sitzt. Am Ende bleibt der Blick nach oben, in die Zweige, zwischen die Äste, die sich rechts und links verlieren. Ein paar Blätter daran. Der Tod ist elementarer Baustein dieser Welt. Der Tod, das Essen und die Liebe. Vielfältig und einseitig.
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    (Irene Hetzenauer)
    09.11.2018
    13:24 Uhr