Uncut live von der Berlinale 2019
Bilder: 20th Century Fox Fotos: 20th Century Fox
  • Bewertung

    Driving Mr. Shirley

    Exklusiv für Uncut
    Die beiden Brüder Peter und Bobby Farrelly haben sich in erster Instanz als Macher populärer Blödel-Komödien à la „Dumm und Dümmer“ (1994), „Kingpin“ (1996) oder „Verrückt nach Mary“ (1998) einen Namen in der Filmwelt gemacht. Umso überraschender kommt es jetzt also, dass sich Peter Farrelly, die ältere Hälfte des Duos, mit seinem neuesten Werk „Green Book“ zum ersten Mal einem ernsten Stoff gewidmet hat. Bruder Bobby entschied sich wegen einer familiären Tragödie dazu eine Pause vom Filmemachen einzulegen, weswegen Peter erstmals alleinig das Steuer als Filmemacher übernahm.


    „Green Book“ basiert auf der wahren Geschichte des afroamerikanischen Pianisten Dr. Don Shirley und dessen kleinbürgerlichen Chauffeurs Frank Vallelonga aka Tony Lip, die wohl kaum ungleicher sein könnten. Tony (gespielt von Viggo Mortensen) ist ein Italo-Amerikaner aus einfachen Verhältnissen, der sich mit gelegentlichen Jobs über Wasser hält und bis vor kurzem in einem Club arbeitete. Als besagter Club im Jahre 1962 wegen Umbauarbeiten seine Pforten schließt, muss sich Tony auf die Suche nach einem neuen Job begeben. Aufgrund seiner toughen Natur erhält er schon bald das Angebot, dem erfolgreichen Jazz-Pianisten Dr. Don Shirley (Oscar-Preisträger Mahershala Ali) bei dessen Tour, die von New York bis in die Südstaaten reicht, als Chauffeur beistehen zu dürfen. Da Tonys Gemüt von rassistischen Vorurteilen geprägt ist, sieht er dem Angebot zunächst noch skeptisch gegenüber, willigt schlussendlich aber doch ein. In den 60er-Jahren hatten es Afroamerikaner besonders in den südlicheren US-Staaten noch besonders schwer, weswegen den beiden für ihre Reise ein sogenanntes „Green Book" zur Seite gestellt wird. Dabei handelte es sich um einen Guide für die afroamerikanische Gesellschaft, der diesen dabei helfen sollte, im Süden der USA, die dort damals raren Unterkünfte und Lokalitäten, die schwarze Mitbürger verwenden durften, ausfindig zu machen. Als Don und Tony ihre Reise quer durch die Staaten antreten, haben sie sich anfangs noch wenig zu sagen, jedoch entwickelt sich schon bald eine Freundschaft zwischen den beiden, die über jegliche Stereotypen hinwegblickt.

    Peter Farrelly hat mit „Green Book“ eine Culture-Clash-Tragikomödie geschaffen, die streckenweise an ähnliche Genre-Vertreter aus Frankreich erinnern lässt, jedoch mehr Charme und schauspielerische Finesse an den Tag legt.

    In den USA musste der Film teilweise sehr harter Kritik einstecken und erhielt von mancher Seite gar den Vorwurf Rassismus zu relativieren. Auch wenn diese Kritik in bestimmten Aspekten sicher nicht ungerechtfertigt ist (dazu später genaueres), muss dem Film definitiv zu Gute geheißen werden, dass er auf jeden Fall daran bemüht ist, die klassische Trope des „White savior“ umzukehren. Der Begriff „White savior“ wird oft abfällig gegenüber Filmen verwendet, in denen ein weißer Protagonist praktisch eine „Messias“-Rolle einnimmt, in der er/sie einen (zumeist ärmlichen) afroamerikanischen Bürger aus seiner Misere befreit (z.B.: „Driving Miss Daisy“). „Green Book“ versucht immerhin diese oft kritisierte Charakter-Trope umzukehren, in dem hier bis zu einem gewissen Grad eben genau einem ärmlicheren weißen Bürger von einem Afroamerikaner aus seinen finanziellen Problemen gerettet wird. Trotz guter Intentionen bleiben jedoch leider ein paar fragwürdige Momente, in denen der Charakter des Tony Lip kurzerhand doch ins „White savior“-Klischee rutscht, nicht völlig aus. Besonders bedenklich ist in dieser Hinsicht eine Szene, in der Tony Don dazu nötigt zum ersten Mal in seinen Leben ein Hünchen von KFC zu probieren, da „das angeblich doch ein jeder schwarzer Bürger liebt“. Was als charmantes Product Placement intendiert war, geht leider völlig nach hinten los.

    Dies bringt mich zum leider größten Schwachpunkt des Films: die Simplizität. Man könnte meinen, dass es bei einem Thema wie Rassismus und Toleranz durchaus angebracht ist, dieses einfach und für jedermann verständlich aufzubereiten, jedoch geht in diesem Fall durch die Herangehensweise einiges an Potenzial verloren. Zwar weiß der brachiale Farrelly-Humor, der hier streckenweise durchblitzt, durchaus mit Charme zu punkten, wirkt aber gepaart mit den drastisch ernsteren Momenten etwas fehl am Platz. Der Dialog des Films wirkt an vielen Stellen unnatürlich und kalt kalkuliert, um im Zuschauer auf manipulative Art und Weise eine Träne hervorzubringen. Schlussendlich wirkt der Film dadurch in vielen Momenten wie ein Märchen, das die Bekämpfung rassistischer Stereotypen auf banale Art und Weise als Kinderspiel darstellen möchte.

    Aber tatsächlich schafft es der Film trotz aller Banalitäten einen über die meiste Zeit hinweg zu fesseln, was ohne den geringsten Zweifel den beiden phänomenalen Hauptdarstellern zu verdanken ist. Viggo Mortensen präsentiert sich einmal mehr als enorm wandlungsfähiger Schauspieler und schafft es der radikalen Sinneswandlung seiner Figur Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mahershala Ali hingegen zeigt sich nach seinem Oscar-Gewinn in „Moonlight“ einmal mehr als sehr versierter Charakterdarsteller und schafft es alleinig durch sein subtiles Spiel die Probleme und Nöte, mit denen (selbst wohlhabende) Afroamerikaner zu dieser Zeit zu kämpfen hatten, weit besser auf den Punkt zu bringen als das weichgespülte Drehbuch. Nicht umsonst gilt Ali wieder als einer der Hauptfavoriten auf den Oscar für den Besten Nebendarsteller. Auf der positiven Seite sei noch die ansehnliche Kameraarbeit zu erwähnen, die das winterliche Ambiente toll in Szene setzt, sowie zudem auch der stets harmonische Einsatz des Soundtracks. Farrelly zeigt hier ein zuvor ungesehenes Händchen für Style.

    Somit lässt sich zusammengefasst also sagen, dass „Green Book“ bei der Darstellung der komplexen Thematik zu sehr an der Oberfläche kratzt und definitiv mehr Biss vertragen hätte, durch Stil, Charme, einer wichtigen Grundbotschaft und zwei sensationellen Hauptdarstellern aber dennoch einen Kinobesuch wert ist.
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    (Christian Pogatetz)
    14.01.2019
    22:32 Uhr