Uncut live von der Berlinale 2019

Filmkritik zu Fahrenheit 11/9

Bilder: Polyfilm Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Land of the rich - home of the poor

    Exklusiv für Uncut
    Wir schreiben den Morgen des 9. November 2016. Die Welt steht in Schockstarre: soeben wurde verkündet, dass Republikaner Donald J. Trump die US-Präsidentschaftswahl gegen die demokratische Kandidatin Hilary Clinton für sich entschieden hat und als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ins Weiße Haus einziehen würde. Monate, Wochen und selbst noch Tage zuvor wurde Trumps Kandidatur gegen Clinton stets belächelt und dessen Chancen, die Wahl tatsächlich zu gewinnen, auf ein Minimum reduziert. Umso tiefer saß der Schock innerhalb der US-amerikanischen wie auch internationalen Bevölkerung dann also, als obwohl Clinton den „popular vote“ eindeutig für sich entschied, Trump am Ende des Tages mehr Wahlmännerstimmen im Electoral college erhielt und somit die Wahl zum neuen US-Präsidenten gewinnen konnte.

    Wie konnte es nun also dazu kommen, dass ein milliardenschwerer Business-Mann mit Hang zur Selbstüberschätzung und Egomanie plötzlich an der Spitze einer der einflussreichsten Staaten der Welt stand?

    Dies ist eine der Fragen, der Dokumentarfilmemacher Michael Moore in seinem neuesten Werk „Fahrenheit 11/9“ nachgeht. Der Titel ist neben dem eingefädelten Datum der Wahl eine smarte Referenz auf Moores eigene Doku „Fahrenheit 9/11“, dessen Titel wiederum eine Anlehnung auf den dystopischen Roman-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury war. Trotzdem Moore bereits für mehrere seiner Werke mit Preisen bedacht wurde und für den heißdisktutierten „Bowling for Columbine“ gar den Oscar für den „Besten Dokumentarfilm“ mit nach Hause nehmen durfte, spaltet sein recht subjektiver dokumentarischer Stil oft Publikum wie auch Rezeption. Moore ist über die Jahre hinweg zu einer sehr kontroversen Figur innerhalb der Dokumentarfilmszene geworden und muss kontinuierlich von rechter wie auch linker Seite harsche Kritik einstecken. Dabei sollte nie außer Acht gelassen werden, dass selbst, wenn man mit Moores Ansichten nicht Weise übereinstimmt, dessen Werke in der Regel dennoch fantastisch aufbereitete wie auch audiovisuell effektiv umgesetzte Filme sind, die ihre subjektive Haltung in keinster Weise verschleiern. Dieser Fall tritt nun erneut bei „Fahrenheit 11/9“ ein, bei dem es sich um Moores wütendstes wie auch persönlichstes Werk seit Jahren handelt.

    Eröffnet wird der Film von einer langen nervenaufreibenden Sequenz, in der Moore den gesamten Wahlkampf zwischen Trump und Clinton wiederaufrollen lässt und dabei die Frage aufwirft wie es zu diesem erschreckenden Ergebnis kommen konnte. Im Anschluss daran entfernt sich der Film streckenweise komplett von der Causa Trump und konzentriert sich unter anderem auf verschmutztes Trinkwasser in der Kleinstadt Flynt in Michigan oder auch den landesweiten Streiks von Teenagern, die das Blutbad an der Parkland High School zur Folge hatte. Es sei an dieser Stelle also betont, dass es sich hierbei keineswegs um eine Dokumentation handelt, die zu jeder Minute mit ausgestreckten Zeigefinger auf Trump einhauen würde, sondern viel mehr daran bemüht ist, die Makel im US-System und wie zahlreiche Bürger unter diesen Misständen zu leiden haben, aufzuzeigen. Man sollte sich diesem Film also nicht - wie das Marketing es suggerieren möchte - mit der Erwartungshaltung annähern, dass es sich hier um eine einzige Doku über Trump handle, sondern mit einem einfühlsamen Portrait eines verkappten Systems und was gegen dieses unternommen werden könnte, rechnen. Man muss jedoch zugeben, dass es sehr wohl einzelne Momente gibt, in denen Moores Assoziationen und Vergleiche etwas zu weit hergeholt wirken. So gibt es beispielsweise eine Szene, in der Moore einen direkten Vergleich zwischen Trump und Adolf Hitler setzt, der einigen Leuten bestimmt sauer aufstoßen lassen wird.

    Insgesamt lässt sich aber sagen, dass Michael Moore mit seiner Dokumentation „Fahrenheit 11/9“ eine nervenaufreibende wie auch erschütternde Momentaufnahme einer US-Gesellschaft, die genug von falschen Versprechungen und korrupten Politikern hat, gelungen ist und gleichzeitig auch ein Hilfeschrei dazu, selbst aktiv zu werden und sich gegen jegliche Missstände im Lande konsequent aufzulehnen. Get active!
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    (Christian Pogatetz)
    12.01.2019
    23:18 Uhr