Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Portrait of a Female Psychopath

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Jules und Jackie wirken nach außen hin wie ein stinknormales lesbisches Pärchen, das gerade sein einjähriges Hochzeitsjubiläum feiert. Was Jules aber zunächst nicht ahnt: ihre Ehefrau ist nicht die Person, die sie vorgibt zu sein.

    Aber alles auf Anfang: Die beiden verheirateten Frauen Jules und Jackie sind zu einem abgelegenen Waldhaus in der Nähe eines Sees gefahren, um dort gemeinsam ihren einjährigen Hochzeitstag zu verbringen. Als sie dort in der Nähe zufällig auf Jackies Kindheitsfreundin Sarah treffen, die Jackie unter dem Namen „Megan“ anspricht, bekommt Jules bereits ein mulmiges Gefühl. Nach und nach stellt sich heraus, dass es sich bei Jackies Liebe zu Jules tatsächlich um eine reine Farce handelte, um sie schlussendlich eine Klippe hinunterzustürzen zu können. Zu Jackies Überraschung überlebt Jules jedoch den tiefen Sturz und muss sich nun eingestehen, dass ihre angeblich große Liebe in Wahrheit eine kaltblütige Psychopathin mit Drang zum Morden ist. Dementsprechend artet das zunächst so sinnliche Hochzeitsjubiläum zu einer blutrünstigen Hetzjagd zwischen den beiden aus,.

    Diese Prämisse dient „What Keeps You Alive“, dem neuen Werk des kanadischen Genre-Meisters Colin Minihan (u. A.: „It Stains the Sand Red“), als Rahmenhandlung. Herausgekommen ist dabei ein fein exerzierter Hochspannungsthriller, der mit einem überraschend frischen Hauch Progressivität daherkommt.

    Schon zu Beginn, wenn Jackie von ihrer Schulbekannten unter einem anderen Namen angesprochen wird, wird einem unmissverständlich klar gemacht, dass ihr Charakter definitiv ein paar Leichen im Keller hat. Dadurch gelingt es Regisseur Minihan von Anfang an, Interesse im Zuschauer zu wecken und eine spannende Dynamik zwischen den beiden Protagonistinnen zu kreieren. Ab dem Punkt, an dem das wahre Ich Jackies offengelegt wird, artet der Film in ein zirka halbstündiges Katz-und-Maus-Spiel aus, das nach einiger Zeit aber in Leerlauf gerät. Kurz bevor dem Ganzen jedoch völlig die Puste ausgeht, schafft es Minihan durch verschiedenste Twists und Turns im Plot mit den Erwartungen des Publikums zu brechen und schafft somit ein neues Spannungshoch. Zugegebenermaßen wird manchen die eine oder andere Handlung der Hauptfiguren zu weit hergeholt oder gar stupide vorkommen - dadurch, dass der Film aber auch auf einer metaphorischen Ebene gelesen werden kann, tut das wenig zur Sache. So funktioniert der Film also nicht nur als spannungsgeladener Psychothriller, sondern auch als subversiver Kommentar auf moderne Beziehungen und wirft dabei die Frage auf: „Wie viel weiß ich eigentlich über meinen eigenen Partner?“. Dabei lässt der Film einen teilweise auch an Jordan Peeles preisgekrönten Horrorthriller „Get Out“ denken, der mit einem ähnlich gesellschaftssatirischen Beigeschmack daherkam. Daher kann „What Keeps You Alive“ auch als das „Get Out“ für homosexuelle Beziehungen oder Beziehungen in Allgemeinen betrachtet werden.

    Einen zusätzlichen Drift bekommt der Film noch von seinen beiden phänomenalen Hauptdarstellerinen verliehen. Britanny Allen schafft es in der Rolle der Jules sowohl ihre anfängliche Verzweiflung, als sie erfährt, dass ihre vermeintlich Geliebte nicht die Person ist, die sie vorgibt zu sein, als auch ihr in weiterer Folge wütendes Gemüt, auf den Punkt zu bringen. Ihr Gegenüber Jackie wird hingegen von „Jigsaw“-Darstellerin Hannah Emily Anderson verkörpert, die mit schauspielerischer Finesse mühelos zwischen der aufgesetzt freundlichen Attitüde wie auch der wahren kaltblütigen Persönlichkeit ihrer Figur hin- und herwechseln kann. Ebenfalls darf der Film sich mit einer raffinierten Inszenierung rühmen, die mit wunderschön stilisierten Aufnahmen und einem beklemmenden Soundtrack, für den man sich auch klassischer Musikstücke bediente, bestechen kann.

    Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Colin Minihan mit „What Keeps You Alive“ ein hochspannender wie auch wendungsreicher Psychothriller gelungen ist, der auf einer zusätzlichen Interpretationsebene als progressives Kommentar auf heutige Beziehungen gelesen werden. Ein von Spannung durchzogenes, schön ästhetisiertes und gesellschaftspolitisch gesehen hochrelevantes Stück Kino, das man sich als Genre-Liebhaber auf alle Fälle zu Gemüte ziehen sollte!