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Filmkritik zu Summer of 84

Bilder: Pandastorm Pictures Fotos: Pandastorm Pictures
  • Bewertung

    Bittersüßer 80er-Nostalgie-Aufguss

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Seit dem Start der hochpopulären Netflix-Serie „Stranger Things“ sind vor 80er-Jahre-Nostalgie triefende Coming-of-Age-Filme ala „Stand By Me“ und „Goonies“ wieder vollkommen in Mode. Spätestens mit dem Erfolg der letztjährigen Neuverfilmung von Stephen Kings „It“ hat das Revival an Jugendhorror- bzw Mysteryfilmen in 80er-Gewand wieder Einzug ins massentaugliche Kino gefunden. Wie im Genre-Urvater „Stand by Me“ geht es in diesen Filmen in der Regel um eine Gruppe an vier bis sechs Jugendlichen (wahlweise auch mit einem Mädchen in der Truppe), die sich während eines Sommers in ein aufregendes und zumeist auch gefährliches Abenteuer stürzen. Einem solchen Konzept bedient sich auch der Film „Summer of '84“, auch wenn den RegisseurInnen zufolge das Konzept zu ihrem Werk bereits vor dem Überraschungshit „Stranger Things“ entwickelt worden war.

    Angesetzt ist das Ganze - wie der Titel schon verrät - im Sommer des Jahres 1984 und erzählt von den vier besten Freunden Davey (Graham Verchere), Eats (Judah Lewis), Curtis (Cory Gruter-Andrew) und Woody (Caleb Emery), die sich ihre Ferienzeit in der Kleinstadt Cape May im US-Bundesstaat Oregon mit herkömmlichen Freizeitaktivitäten totschlagen. Als plötzlich ein mysteriöser Serienkiller, der sich für das Verschwinden mehrerer Jugendliche verantwortlich zeichnet, auftaucht, scheint in der sonst so unaufgeregten Stadt endlich mal ein Abenteuer auf die Jungs zu warten. Während die scheinheilige Vorstadt-Idylle also langsam aber sicher zu zerbröckeln scheint, hegt Davey schon einen große Verdacht, wer denn nun der Mörder sein könnte. Und zwar verdächtigt er seinen eigenen Nachbarn, den zurückhaltenden aber nach außen hin sehr freundlichen Polizisten Wayne Mackey (Rich Sommer), hinter der Mordserie zu stehen. So nehmen die vier Freunde den Fall also in die eigene Hand und legen sich ins Zeug, um den tatsächlichen Killer zu finden und überführen zu können.

    Bei „Summer of '84“ handelt es sich um das neueste Werk des französisch-kanadischen Regie-Trios François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whisell, die bereits 2015 mit dem B-Movie „Turbo Kid“ für Begeisterung bei Genre-Liebhabern sorgen konnten. Die FilmemacherInnen waren beim Screening auch höchspersönlich für ein anschließendes Publikumsgespräch anwesend und da deren vorheriger Film vor wenigen Jahren auch unter Slash-Gängern zahlreiche Verehrer versammeln konnte, ernteten die drei gleich beim Eintreten ins Wiener Filmcasino lautstarken Applaus vom Publikum. Ihr neuestes Werk ist zu einem unterhaltsamen Cocktail aus altbewährten Genre-Zutaten gemixt mit originell anmutenden neuen Ansätzen geworden, die aber nicht immer wirklich aufgehen.

    Einer der größten Stärken des Films ist zweifelsohne die Dynamik zwischen den vier Teenager-Jungen. Zwar bediente man sich einer fürs Genre herkömmlichen Charakterkonstellation, die auch in die üblichen Stereotypen innerhalb einer solchen Gruppe aufgeteilt wurde, aber durch charmante Figurenzeichnungen und stets überzeugendem Schauspiel nichtsdestotrotz auch in dieser Ausführung zu funktionieren weiß. Ebenso kann der Streifen mit einigen amüsanten Pointen und Anleihen auf essentielle Popkultur-Meilensteine der 80er-Jahre punkten. So ließ man einen der vier Jungs beispielsweise in einer Dialogszene die legendäre „I have a bad feeling about this!“-Catchphrase von Star Wars-Scoundrel Han Solo rezitieren. Die Inszenierung des Films orientiert sich in erster Instanz an der Effizienz des Drehbuchs und baut so in den düsteren Momenten auch seine Spannung auf, lässt aber mit keinen wirklich nennenswert eindrucksvollen audiovisuellen Spielereien aufwarten. Immerhin weiß der pulsierende Synthie-Score zu überzeugen und trifft stets den passenden Ton der Atmosphäre des Films.

    Der zunächst eher lockere und mit humoristischen Pointen geladene Ton des Films schwindet von Minute zu Minute immer mehr und mündet in einer für diesen Typ Film unüblich düsteren Note. Einerseits könnte man das gewagte Downbeat-Ende natürlich als Versuch, den herrkömmlichen Genre-Konventionen zu trotzen, lobenswert betrachten. Andererseits sei an dieser Stelle aber gesagt, dass sich das Finale tonal nicht wirklich in das restliche Narrativ des Films einreiht und just so wirkt als wollte man gezwungen anders sein. Ein Element, das ebenfalls eine Schwäche des Films darstellt, ist die Freundschaft zwischen unserem Protagonisten Davey und seinem Crush aus Kindheitstagen, Nikki, die im Handlungsverlauf auch quasi - wie sollte es denn auch anders ein - als einziges weibliches Mitglied dem „Boys Club“ beitritt. Leider fehlte es den Konversationen zwischen Davey und Nikki, die klar darauf bedacht sind Authentizität zu kreieren, an jeglicher Chemie, weshalb diese Momente nur so vor käsigen Pathos triefen.

    Am Ende des Tages möchte ich dennoch anmerken, dass „Summer of '84“ ein amüsanter und auch durchaus fesselnder Thriller voller 80er-Nostalgie geworden ist, dem es jedoch sicherlich gut getan hätte auf artifizielle Andersartigkeit zu verzichten und die Geschichte dadurch organischer verlaufen zu lassen.

    Wer schon den bisherigen Ritt auf der neuen Welle an 80er-Coming-of-Age-Filmen genossen hat und über einzelne Hürden problemlos hinweggleiten kann, wird bestimmt auch hier einen genussvollen Ausflug in die Vergangenheit erleben!
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    (Christian Pogatetz)
    27.09.2018
    14:10 Uhr