Filmkritik zu Piercing

Bilder: Busch Media Group Fotos: Busch Media Group
  • Bewertung

    Dunkle Komödie mit Eispickel

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Der Giallo ist nicht tot. Der junge US-Regisseur Nicolas Pesce lässt sich in seinem neuesten Film „Piercing“ von dem italienischen Thriller-Subgenre inspirieren, und damit ist nicht nur der „Tenebre“ Soundtrack gemeint, der hier immer wieder anklingt. Aber es gibt einen Mann, der einen Mord an einer Frau begehen will. Doch die Prostituierte, die er sich aufs Hotel holen lässt, tickt ein wenig anders als erwartet und bald befinden sich beide in einem unterhaltsamen erotisch angehauchten Katz- und Mausspiel, bei dem man nie so ganz genau weiß wer jetzt eigentlich die Oberhand hat.

    Dass der junge Reed (Christopher Abbott) ein paar Dämonen mit sich rumträgt, wird schon gleich in der Eröffnungsszene klar. Da steht er mit dem erhobenen Messer vor seiner Babytochter, der Schlag wird aber nicht ausgeführt da seine Frau Mona (Laia Costa) rechtzeitig erwacht. Nachdem das Würgen des eigenen Halses ebenfalls keine vielversprechenden Ergebnisse liefert ist für Reed klar: Was immer er ausleben muss, er wird es an einer Prostituierten in einem Hotel tun. Akribisch beginnt er den Mord zu planen, bei seiner Ankunft in der Hotelsuite geht er sogar zu slasherhaften Soundeffekten noch einmal jeden Handgriff durch. Seine Handgriffe wirken geübt, dennoch ist ob seiner Nervosität klar, dass Reed erst am Anfang seiner Mordsserie steht.

    Womit er jedoch nicht gerechnet hat, ist wer ihm da gleich durch die Tür baumeln wird. Jackie (Mia Wasikowska) wirkt nur auf den ersten Blick wie ein harmloses Freudenmädchen. Als Reed sie nach einer kurzen Auseinandersetzung im Bad findet, steckt der unter Drogen stehenden Frau der Eispickel im Bein und Blut fließt quer über den Schenkel. Ab da läuft nichts mehr nach Plan, den Jackie scheint mindestens genauso verstört zu sein wie Reed. Der will den Mord noch durchziehen, doch mit der Zeit stellt sich die Frage, ob der Jäger nicht der Gejagte geworden ist und wer hier überhaupt Herr der Lage ist.

    Basierend auf der Romanvorlage des Japaners Ryū Murakami inszeniert Pesce einen schlicken Thriller der alten Schule. Ganz im Stil der großspurigen 70er spielt der Film in Räumen aus dunklem Holz, dominierenden Teppichen, Retro-Technologie (alte gelbe Telefone und Plattenspieler) und dekadenter Inneneinrichtung. So schaut auch Jackies Wohnung eher wie eine Business-Lounge aus als ein Ort, wo Menschen tatsächlich wohnen würden. Getüncht ist das Design in den wiederkehrenden Elementen Weiß, Schwarz und den immer intensiver werden Rottönen, die schließlich die Überhand nehmen.

    Aber nicht nur der Look des Films erinnert an die 70er. Mit knalligen Inserts, einem Soundtrack voller Giallo-Klassiker und Brian-de-Palma-haften Splitscreens macht sich Pesce auch die Filmsprache zu eigen. Die kleine Zahl an Darstellern und Innensets erklärt die Handlung zudem zu einer sehr minimalistischen Angelegenheit. Die Außenwelt ist ein sporadisch auftauchender Hochhausdschungel den Pesce in einer Dauerschleife am Bild vorbeiziehen lässt. Die Tatsache, dass die Gebäude nur gebaute Modelle sind, entrückt den Film zusätzlich noch in seine eigene phantastische Welt.

    Die Handlung mag zwar gegen Ende etwas ausdünnen, aber wer schon immer wissen wollte, wie eine Symbiose aus „Secretary“, „The Interview“ und „The End of the Fucking World“ in Anlehnung an die alten italienischen Meister aussehen könnte, der ist hier richtig.
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    (Susanne Gottlieb)
    29.09.2018
    09:37 Uhr
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