Filmkritik zu Vox Lux

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    Natalie Portman ist Opium für das Volk

    Exklusiv für Uncut vom Toronto Film Festival
    „Vox Lux“ ist der zweite Spielfilm des Regisseurs Brady Corbet. Eigentlich kennt man ihn eher als Schauspieler, etwa aus Michael Hanekes „Funny Games U.S.“, doch auch auf dem Regiestuhl bewirkt er wahre Wunder. Das unkonventionelle Drehbuch stammt ebenfalls aus Corbets Feder und kennt so viele starke, vor allem weibliche Charaktere, die Natalie Portman, Raffey Cassidy und Stacy Martin zahlreiche, nicht ungenutzte Gelegenheiten zum Glänzen geben.

    Das Drama erzählt von einer Popstar-Karriere. Doch wer das Genre kennt und einen weiteren inspirierenden Film über ein Musiktalent erwartet, der sollte sich lieber an Lady Gagas „A Star is Born“ halten. Denn „Vox Lux“ ist kein konventionelles musikalisches Drama über den Aufstieg und Fall eines Pop-Idols, es ist auch eines über den Aufstieg und Fall einer ganzen Generation.

    Willem Dafoe als erzählende Stimme stellt uns zu Beginn des Films in einer Collage von Heimvideos ein Mädchen vor. Celeste tanzt und singt zuhause in ihren Cowoby-Stiefeln und passendem Hut. Das Video suggeriert, dass wir hier ein Talent vor uns haben. Doch der Erzähler stellt sofort richtig, das ist nicht der Fall. Celeste ist ein durchschnittliches, amerikanisches Mädchen, das sich einfach schon in jungen Jahren gern in Szene setzt.

    Gleich darauf sehen wir die Teenagerin Celeste (Raffey Cassidy) an ihrer High School und müssen schmerzhaft miterleben, dass ihr etwas widerfährt, was sie ab diesem Tag sehr wohl vom Durchschnitt abhebt. Sie überlebt einen Amoklauf an ihrer Schule. Bei einem Gottesdienst für die Opfer der Tragödie singt sie mit ihrer Schwester (Stacy Martin) ein Lied. Das Lied wird für das erschütterte Amerika sofort zu seinem Symbol für Hoffnung und Widerstand – und zu einem Pop-Hit!

    Als sie ein Videodreh nach New York führt, nimmt ihre ungewöhnliche Karriere erneut eine tragische Wendung. Sie lernt bei einem Konzert einen Musiker einer Band kennen und lässt sich von diesem entjungfern. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie nicht mehr dieselbe. Und das Amerika, in dem sie aufwacht, ist es auch nicht mehr.

    Vor eben diesem Musiker, an den sie ihre Unschuld verliert, rechtfertigt sie, warum sie ausgerechnet Popmusik macht. Sie will dass Menschen aufhören können zu denken, ausschalten und sich einfach gut fühlen. Pop also als Opium fürs Volk - ein Gedanke der dem Film selbst auch noch als Rechtfertigung dienen wird.

    Es folgt ein Zeitsprung von zehn Jahren. Eine erwachsene Celeste (Natalie Portman), immer noch einflussreicher Popstar und mittlerweile Mutter, muss nach einer erneuten Tragödie entscheiden, ob sie ein Konzert spielt oder nicht. Celeste hat mittlerweile eine zynische Ader entwickelt, die sie an jedem, auch an ihrer Tochter (ebenfalls von Raffey Cassidy gespielt), auslebt. Doch ihr Verhalten ist dank jahrelangem Drogenkonsum mit ihrem Manager (Jude Law) unberechenbar geworden. Aber jede ihrer Aktionen ist dennoch auch eine aufrichtige Reaktion, auf etwas das ihr passiert. Jeder Wutausbruch hat eine Wut zugrunde, auf die sie jedes Recht hat. Natalie Portman schafft es eine Frau zu erschaffen, die gleichzeitig irgendwo zwischen enormer mentaler Instabilität und großer Stärke steht. Durch die Tragödie ihrer Jugend geformt, projiziert die ganze Generation Y alle ihre Ängste und Sorgen auf Celeste und braucht selbst ihren Mut und ihre Musik, um in der heutigen Welt zu überleben.

    Der Film lässt die Zuschauer viel Schmerz miterleben, schockiert mit gewalttätigen Bildern und ist an Stellen zynisch und gemein. Er belastet emotional enorm, nur um uns am Ende trotzdem davon zu erlösen. Ein fast zehnminütiger Zusammenschnitt von Celestes Konzert (die Songs stammen übrigens alle von Sia, selbst einer der größten weiblichen Pop-Stars der letzten Jahre) bringt die langersehnte Katharsis in Form von Glitzer und Pop - ein seichtes Ende für einen tief aufwühlenden Film, das perfekt funktioniert und die Message des Films wunderbar unterstreicht.

    „Vox Lux“ ist eine meisterhafte als Popstar-Portrait getarnte Gesellschaftskritik mit einer fabelhaften Natalie Portman, die bestimmt auch für diese Performance mit einer Oscar-Nominierung belohnt werden wird.
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    (Marina Ortner)
    15.09.2018
    11:29 Uhr