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  • Bewertung

    Gefühlsechte Teenie-Romanze aus deutschem Hause

    Exklusiv für Uncut
    Der moderne Deutsche Film gerät immer wieder in Verruf. Dabei konnte man allein schon in diesem Jahr im Independent-Kino Deutschlands wahre Perlen wie „303“, „Transit“ oder „In den Gängen“ entdecken. Eben diese „kleineren“ Filmprojekte sind es aber leider, die im Trott an qualitativ oft eher fragwürdigen aber an den Kinokassen stets erfolgreichen Til Schweiger/Matthias Schweighöfer-Produktionen untergehen. In den letzten Jahren erfreute sich im deutschen Kino besonders die „Fack Ju Göhte“-Trilogie rund um Elyas M’Barek als einstiger Krimineller, der über Umwege zum sympathischen Schullehrer wurde, großer Beliebtheit. Auch wenn die Reihe zu Beginn noch durchdachter und weniger plump daherkam als jegliche Schweig(er)höfer’sche Machenschaften, bezogen die Fortsetzungen ihren Humor fast nur noch aus flachen Fäkalwitzen und den Dummheiten der einfältig gezeichneten Teenager-Figuren. Wenn man sich nur den Trailer zur kürzlich erschienen Tragikomödie „Das schönste Mädchen der Welt“ von Regisseur Aaron Lehmann anschaut, könnte man leicht vermuten, dass man in diesem Film ähnlich peinlichen Flachhumor und klischeehafte Jugendbilder aufgetischt bekommt wie in der „Fack Ju Göhte“-Trilogie.

    An dieser Stelle sei aber auf jeden Fall Entwarnung gegeben, denn der Trailer wurde offenbar einfach sehr unglücklich zusammengeschustert. Tatsächlich entpuppt sich „Das schönste Mädchen der Welt“ zu einem unterhaltsamen wie zugleich auch überraschend authentischen Coming-of-Age-Film wie man ihn oft vergeblich im deutschen Mainstream-Kino findet.

    Inspiriert wurde die Jugend-Tragikomödie vom 1897 erschienenen romantischen Versdrama „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand, das bereits zahlreichen Filmen als Vorlage diente. In diesem geht es um den hochtalentierten Dichter Cyrano, dessen Selbstbewusstsein unter seiner Riesennase leidet. Um dennoch seine große Liebe Roxanne erobern zu können, benützt er fortan den zwar intellektuell minderbemittelten aber optisch ansprechenden Christian als Mittelsmann, damit Roxanne denkt, dieser hätte ihr die ganzen Liebesgedichte geschrieben.

    Aaron Lehmanns filmische Version versetzt das Drama in die Moderne und macht aus Cyrano und Roxanne Cyril und Roxy. Cyril (Aaron Hilmer) ist 17 Jahre alt und wird in seiner Klasse als Außenseiter angesehen, was er selbst vor allem auf seine große Nase zurückführen lässt. Kurz bevor sich Cyrils Klasse auf einen mehrtägigen Schultrip nach Berlin begibt, bekommen sie Zuwachs von der selbstbewussten Roxy (Luna Wedler), die erst kürzlich von ihrer ehemaligen Schule geflogen ist. Schon nach kurzer Zeit versteht sich Cyril sehr gut mit Roxy und verliebt sich auch schon bald unsterblich in sie. Das Problem: Wegen seiner optischen Missständen ist es Cyril außerordentlich peinlich Roxy seine Gefühle zu gestehen. Cyril, der zudem leidenschaftlich Rap-Texte dichtet und sogar schon anonym mit Maske das ein oder andere Rap-Battle für sich entscheiden konnte, schreibt dennoch Songs für Roxy. Da er sich jedoch nicht traut über seinen Schatten zu springen und Roxy ohnehin Interesse am gutaussehenden aber dümmlichen Rick (Damian Hardung) zeigt, hilft Cyril diesem mithilfe seiner eigenen für Roxy vorgesehenen Songs die beiden miteinander zu verkuppeln. Cyril wird unterdessen aber immer mehr bewusst wie wichtig ihm Roxy eigentlich ist…

    In den ersten Minuten des Films war ich zugegebenermaßen noch etwas skeptisch. Zwar mochte ich schon von Beginn an die vielschichtig dargestellte Figur des Cyril, doch das um ihn herum gezeichnete Jugendbild in seiner Klasse ließ anfangs in mir noch Alarmglocken läuten. Peniswitzchen und nervtötende Gespräche über Selfiesticks erweckten in mir die Panik, dass das Ganze doch in die Kerbe von „Fack Ju Göhte“ schlagen wollen würde. Spätestens aber mit dem Auftauchen von Roxy bewegte sich der Film immer mehr von klassischen Jugendklischees weg und schaffte es ein erstaunlich authentisches Flair zu kreieren, bei dem man als Zuschauer Parallelen zur eigenen Jugend zeichnen konnte.

    Eine der größten Stärken des Films ist zweifelsohne der realitätsnahe und feinfühlig geschriebene Dialog, der die Sorgen und Probleme der beiden jugendlichen Protagonisten ernst nimmt und dadurch vielschichtige Hauptcharaktere fern vom Reißbrett zeichnet. Diese Authentizität kommt besonders in den Konversationen zwischen Cyril und Roxy zur Geltung und wird vom eindrucksvollen Spiel zwischen Aaron Hilmer und Luna Wedler noch auf ein weiteres Level an Sinnlichkeit gehoben.

    Ein weiterer großer Pluspunkt sind die überraschend kreativ gestalteten Rap-Szenen, die oft gar den Plot auf Vordermann bringen und dem Film szenenweise einen fast schon musicalhaften Charakter verleihen. Selbst jemandem wie mich, der Deutschrap recht wenig abgewinnen kann, konnten die Wortgefechte sehr unterhalten. Besonders eine Schlüssel-Rap-Szene gegen Ende, in der sich Cyril mit dem Mobber Benno (überraschend solide vom populären YouTuber Jonas Ems verkörpert) duelliert, kreiert einen ungeheuerlich mitreißenden Sog, der nicht zuletzt auch dem energetischen Spiel Aaron Hilmers zu verdanken ist.

    So wären wir also bei meinem einzigen gröberen Problem mit dem Film angelangt:

    Auch wenn nämlich durch die vielschichtigen Charakterisierungen von Cyril und Roxy ein weitestgehend authentisches Jugendflair kreiert werden kann, wirkt die Darstellung der Jugendfiguren um die beiden herum oft etwas zu konstruiert. Insbesondere der Großteil der weiblichen Figuren abgesehen von Roxy wirkt wie das wandelnde Klischee einer Highschool-Tussi und zu artifiziell auf vermeintliche Jugendsprache getrimmt. Ebenso überzeichnet wirkt die Darstellung von Cyrils Mittelsmann Rick, der dritten Hauptfigur im Bunde. Zwar wird dieser durchaus überzeugend von „Club der Roten Bänder“-Star Damian Hardung verkörpert, jedoch wirkt die dusslige Ader seines Charakters zu karikiert und die daraus bezogene Situationskomik teils platt und uninspiriert.

    Zu guter Letzt sei noch zu erwähnen, dass mit Anke Engelke in den Nebenrollen auch ein sehr bekanntes Gesicht zu sehen ist. Diese verkörpert die Mutter von Cyril und überrascht in einer Schlüsselszene des Films gar mit bisher ungesehener rauer Emotion.

    Somit lässt sich also sagen, dass auch wenn bei der Charakterisierung der Nebencharaktere ab und an etwas zu tief in den Klischeetopf gegriffen wurde, Aaron Lehmann mit „Das schönste Mädchen der Welt“ nichtsdestotrotz ein Gewinn gelungen ist. Ein Film, der mit Authentizität, Kreativität sowie herausragendem Schauspiel punktet und es schafft die Oberflächlichkeit jugendlicher Schönheitsideale zu kritisieren, ohne dabei zu stark mit dem Holzhammer zu arbeiten.

    So geht Jugendkino made in Germany – bitte mehr davon!
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    (Christian Pogatetz)
    17.09.2018
    10:53 Uhr