Filmkritik zu Angelo

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    Der kein Sklave ist

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Nach einer umfassenden Filmfestivaltour durch Europa (und darüber hinaus) feierte Markus Schleinzers Historienverfilmung „Angelo“ nun im Zuge der Viennale seine Österreich-Premiere. Schleinzer, der schon anhand seines Erstlingswerkes „Michael“ bewies, dass er die österreichische Filmlandschaft unter dem Stichwort „innovatives Kino“ geradezu reformieren will, setzt sich dieses Mal mit Themen wie Identität und Freiheit auseinander. Inspiration verschaffte er sich hierfür anhand der Lebensgeschichte von Angelo Soliman.

    Europa, im 18. Jahrhundert: Ein afrikanischer Sklavenjunge wird von einer wohlhabenden Comtesse (Alba Rohrwacher) in ihren Haushalt aufgenommen und Angelo („der 1.Botschafter Gottes“) getauft. Unter ihrer Obhut erhält er Zugang zu Bildung und bekommt vorrangig Musikunterricht. Später gewinnt er zwar als „Hofmohr“ hohes Ansehen, die Diskrepanz zwischen ihm und seinen Mitmenschen, die ihn aufgrund seiner Herkunft fortwährend als Außenseiter betrachten und ihm sogar teilweise die Menschlichkeit absprechen, verliert sich allerdings nie.

    Die Rolle des Angelo wird im Laufe des Films von fünf Darstellern interpretiert: Ange Samuel Koffi D’Auila, Kenny Nzogang, Ryan Nzogang, Maikta Samba und Jean-Baptiste Tiémélé verkörpern die Hauptfigur zu unterschiedlichen Stadien ihres Lebens. Unterteilt ist der Film nämlich in drei Kapitel, in denen Angelo als Kind, als Erwachsener und im hohen Alter auftritt und wir von einer Lebensphase in die nächste gleiten. Neben Rohrwacher als Comtesse versammelte Schleinzer in seiner Schauspielerriege einige bekannte Gesichter der heimischen Filmbranche, u.a. Lukas Miko, Michael Rotschopf und Gerti Drassl.

    Ein schwieriges Thema wird hier kunstvoll umgesetzt: egal, ob man die Musik, Lichtsetzung oder Kostüme betrachtet – alles erscheint gut durchinszeniert. Was allerdings auffällt, ist die Unterbringung von zeitgenössischen Elementen.
    Wenn von Historienfilmen die Rede ist, gerade wenn sie auch auf der wahren Lebensgeschichte eines Individuums basieren, lässt die Frage nach der Authentizität nämlich nicht lange auf sich warten: Schleinzer meint dazu, dass dies ohnehin ein „wahnwitziges Unterfangen“ und „von vorne herein zum Scheitern verurteilt“ sei. Gerade deshalb baute er absichtliche Stilbrüche ein, mithilfe derer er den Authentizitätsgedanken komplett aufbrechen wollte. Allerdings wirken die modernen Settings oder Requisiten – wie beispielsweise eine Lagerhalle mit Neonbeleuchtung –teilweise dann auch wirklich irritierend.

    Besonders ist auch Schleinzers Herangehensweise an das Thema Gewalt: er zeigt diese nie direkt und überlässt auf diese Weise den/die ZuschauerIn seiner/ihrer Vorstellung. Wie schon bei „Michael“ ist diese häufig schlimmer, als es eine Szene darzustellen vermag.

    Doch trotz aller visueller Vorzüge und interessanter Herangehensweisen an die Thematik, verläuft die Narration an manchen Stellen eher schwach. Viele Szenen werden einfach aneinandergereiht, wodurch manchmal der übergreifende Sinn des Ganzen verlorengeht. Auch die obskuren Zwischensequenzen verwirren viel mehr anstatt die Handlung voranzubringen.

    „Angelo“ ist aber nichtsdestotrotz ein mutiger Film, der zum Nachdenken anregt. Die Menschenwürde und die Suche nach sich selbst stehen hier im Mittelpunkt. Angelo bezeichnet sich in diesem Sinne einmal als „Sohn Afrikas, aber Mann Europas“. Für den Regisseur steht jedenfalls eines fest, wie er nach der Filmvorführung meint: Identität ist verhandelbar - die Frage ist nur, wer verhandelt.
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    (Marion Schlosser)
    28.10.2018
    07:37 Uhr