Filmkritik zu Climax

Bilder: Alamode Film, Thim Filmverleih Fotos: Alamode Film, Thim Filmverleih
  • Bewertung

    Ein berauschender Exzess des Arthouse-Provocateurs Gaspar Noé

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Dass Gaspar Noé Selbstreferenzen liebt, wissen wir aus seinen Filmen. Auch das erste Filmplakat zu „Climax“ war als solche zu verstehen. Der Schriftzug lautete: „Sie haben „I Stand Alone“ verachtet. Sie haben „Irreversible“ gehasst. Sie haben „Enter the Void“ verabscheut. Sie haben „Love“ verflucht. Versuchen Sie nun „Climax“. Dabei prostet uns der Regisseur selbst vom Plakat aus mit einer Sangria zu. Tatsächlich haben die vergangenen filmischen Werke des in Frankreich lebenden argentinischen Regisseurs polarisiert und provoziert, waren skandalös und schockierend. Ganz nach dem Motto „Haters gonna hate“ lädt Gaspar Noé das Publikum wieder ein, sich von seinem neuen Film abstoßen zu lassen. Doch zumindest in dieser Hinsicht enttäuscht „Climax“ sogar den Regisseur selbst. Denn anstatt Hass, gab es bisher nur Lob und Liebe für seinen neuen Film – auch von mir!

    Der Film handelt von einer Gruppe französischer Tänzer und Tänzerinnen, die eine ihrer Proben in einem verlassenen Turnsaal ausklingen lassen wollen. Eine selbstgemachte Sangria soll für Ausgelassenheit sorgen. Stattdessen bewirkt diese das Gegenteil, denn jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Misstrauen und Angst vor Kontrollverlust bewirken einen Horrortrip und machen die Protagonisten zu einer Gefahr für sich selbst und alle anderen.

    Gaspar Noé hat sich an einem Horror-Tanzfilm versucht, der sich stilistisch sowie inhaltlich zwar sehr als Hommage an den Horrorklassiker „Suspiria“ aus 1977 versteht, aber dennoch ein klassischer Noé-Film ist. Die Farbgestaltung – gold gesprenkeltes rotes und grünes Neonlicht – kennen wir bereits aus „Love“. Die schwindelerregende und schwerkraftauflösende Kamera versetzt uns in denselben visuellen Rausch wie „Enter the Void“. Doch trotz Inspiration von „Suspiria“ und seinen vorherigen Werken, ist es Gaspar Noé gelungen einen neuen, frischen Film zu machen. Die erste Hälfte des Filmes beindruckt vor allem durch eine lebhaft getanzte und gefilmte Performance und lässt uns Teil werden von einer der schönsten Partys, die wir je auf einer Leinwand gesehen haben. Die zweite Hälfte ist wesentlich düsterer und verstörender und stellt buchstäblich alles auf den Kopf.

    Die Tänzerinnen und Tänzer liefern atemberaubende Tanzeinlagen und ein authentisches Spiel. Eine besonders zentrale Rolle spielt Sofia Boutella. Die algerische Schauspielerin, die eine Tanzausbildung hat und fließend französisch spricht bietet sich nur all zu perfekt für eine Rolle in „Climax“ an und liefert eine der stärksten Performances ihrer bisherigen Karriere.

    Auf jeden Fall ist „Climax“ ein berauschendes und belebendes Filmerlebnis, das man gesehen haben muss. Allerdings setzt es wie alle Gaspar-Noé-Filme auch einen starken Magen voraus. Im besten Fall liebt man „Climax“. Im schlimmsten Fall, hasst man den Film und tut dem Regisseur damit einen Gefallen.
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    (Marina Ortner)
    25.10.2018
    22:50 Uhr