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  • Bewertung

    Unberührt durch die sexuelle Revolution

    Exklusiv für Uncut
    Der britische Autor Ian McEwan war an Saoirse Ronans Durchbruch maßgeblich beteiligt. 2007 spielte sie in Joe Wrights Adaption von McEwans „Abbitte“ die Rolle der Briony, die ihr im zarten Alter von vierzehn Jahren ihre erste Oscar-Nominierung bescherte. Zehn Jahre und zwei Nominierungen später kehrt Saoirse Ronan zurück zu ihren Wurzeln und übernimmt eine Hauptrolle in einer weiteren Ian-McEwan-Verfilmung.

    Dominic Cooke hat McEwans gleichnamige Novelle für die Leinwand adaptiert. Cooke ist einer der britischen Theater-Veteranen, liefert uns aber mit „Am Strand“ sein Kinofilmdebüt. Das Drehbuch schrieb Ian McEwan selbst. Wer sonst könnte es wohl besser?

    Wer Ian McEwans Romane gelesen hat oder zumindest „Abbitte“ gesehen hat, kennt McEwans Hang zum Bitteren. Erfüllung kennt man bei ihm nicht und im Falle von „Am Strand“ auch keine Befriedigung.

    Der Film spielt im England der 1960er-Jahre und erzählt uns die Liebesgeschichte von Florence (Saoirse Ronan) und Edward (Billy Howle). Sie sind jung, verliebt und haben gerade geheiratet. Im Zentrum des Films steht ihre Hochzeitsnacht am malerischen Chesil Beach, die allerdings nicht alle Erwartungen erfüllt, die man an eine Hochzeitsnacht so hat. In Rückblenden lernen wir die Charaktere besser kennen. Florence stammt aus wohlhabendem Hause, macht sie selbst aber nicht viel daraus. Stattdessen träumt sie davon irgendwann als Musikerin mit ihrem Ensemble Konzerthallen zu füllen. Edward hingegen kommt aus ärmeren Verhältnissen, will sich durch diese aber nicht definieren und steckt all seine Ambitionen in sein Geschichtsstudium. Florence und Edward trotzen ihren Hintergründen, indem sie ihre Liebe in den Vordergrund stellen. Ihre Romanze ist wie aus einem Bilderbuch. Doch wenn uns Ian McEwan die Sterne vom Himmel holt, dann nur, um uns mit ihnen wehzutun.

    „Am Strand“ spielt im England des Jahres 1962. Die sexuelle Revolution bahnt sich damals an, jedoch erreicht sie Edward und Florence nicht vor ihrer Hochzeitsnacht. Erwartungen an eben diese nehmen den Pärchen den ungezwungenen Umgang miteinander. Edward stellt sich unbeholfen an, Florence bleibt gleich gänzlich unberührt von sexueller Begierde. Die gesellschaftlichen Erwartungen an deren Hochzeitsnacht stehen im Raum wie ein unpenetrierbarer Elefant und machen aus einer anfänglichen romantischen Komödie ein unbefriedigendes Beziehungsdrama. Damit bekommt eine traditionelle Liebesgeschichte eine unerwartet queere Wendung und wird zu einer der ersten filmischen Repräsentationen (wenn auch vielleicht eine Missrepräsentation) von Asexualität.

    „Am Strand“ kombiniert ruhige Bilder mit innerlichen Unruhen. Das Zusammenspiel von Saoirse Ronan und Billy Howle schafft es in einem Moment unsere Herzen höher schlagen zu lassen und im anderen sich wie ein Schlag in den Unterleib anzufühlen. Cooke fängt ihre Zärtlichkeiten schön ein, viel schöner noch sind aber ihre Szenen am Strand, die es so aussehen lassen, als wäre Intimität ein riesiges, blaues Meer, das zwischen zwei Liebenden steht. ‚Am Strand‘ ist ein bittersüßes Spiel mit Erwartungen, das seine Erfüllung in der Nicht-Erfüllung findet.
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    (Marina Ortner)
    27.06.2018
    21:59 Uhr