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    Creed vs. Drago - Revised Version

    Exklusiv für Uncut
    Vor knapp drei Jahren erlebte die etwas in die Jahre gekommene „Rocky“-Reihe einen glorreichen Neustart. Nachdem das legendäre Boxfilm-Franchise bereits mit sechs Einträgen versehen worden war, verpasste Filmemacher Ryan Coogler („Fruitvale Station“, „Black Panther“) der Serie Ende 2015 einen frischen Neuanstrich. Unter dem Titel „Creed“ wurde Sylvester Stallones ikonische Parade-Rolle Rocky Balboa als Trainer-Figur in den Hintergrund gerückt und Adonis Creed, der Sohn von Rockys verstorbenen Freund und Box-Kumpanen Apollo Creed, als neuer Protagonist eingeführt. Im Spin-Off-Film gelang es Coogler der klassischen „Rocky“-Formel eine erfrischende Prise Realismus hinzuzufügen, ein paar der eindrucksvollsten Kampfszenen der jüngeren Boxfilm-Geschichte zu inszenieren und aus Rocky Balboa eine tragische Figur mit reichlich Tiefe zu machen, die Stallones viel zu selten präsentiertes Talent als Charakterdarsteller offenlegte und diesem sogar eine Oscar-Nominierung als „Bester Nebendarsteller“ einbringen konnte. „Creed“ war gleichzeitg eine fantastische Neuerfindung der Reihe wie auch einer der absolut besten Einträge ins „Rocky“-Franchise, dem im Puncto Qualität allerhöchstens das Original das Wasser reichen kann.

    Für „Creed 2“ wurde Coogler im Regie-Stuhl durch Filmemacher Stephen Caple Jr. ersetzt, der hier gleichzeitg sein Spielfilm-Debüt abliefert. In der Fortsetzung wird nun einer der ikonischten Box-Kämpfe der Filmgeschichte wieder aufgerollt: Creed vs. Drago. In „Rocky IV“ trat nämlich Apollo Creed (Carl Weathers), Vater des Protagonisten der Spin-Off-Filme, gegen den gefürchteten russischen Boxer Ivan Drago (Dolph Lundgren) an und wurde während des Kampfes derart stark verwundet, dass er seinen Verletzungen noch direkt im Ring erlag und dabei sein Leben lassen musste. In „Creed 2“ wird Adonis Creed (Michael B. Jordan) von keinem anderen zum Kampf herausgefordert, als Ivan Dragos Sohn Viktor (Florian Munteanu) höchstpersönlich. Creed, der sich für den Tod seines Vaters rächen möchte, willigt dem Kampf ein, was sein Trainer Rocky Balboa (Stallone) jedoch zunächst für die falsche Entscheidung hält. Zur selben Zeit tut sich auch einiges im Privatleben Creeds und seiner Freundin Bianca (Tessa Thompson), was ihm neben dem harten Training für den Kampf noch zusätzliche Sorgen bereitet.

    Obwohl der Film durchaus ein paar der legedärsten Momente der Reihe bieten zu hatte, handelte es sich bei „Rocky IV“ um ein Produkt der 80er-Jahre, bei dem käsiger Pathos weit über glaubwürdiges Drama gestellt wurde. Schafft es nun also „Creed 2“ die eher trashigen Charaktere und Elemente aus „Rocky 4“ in dem Drama und neu-etablierten Realismus der „Creed“-Filme unterzubringen?

    Tatsächlich darf auf diese Frage ein „ja“ gegeben werden, denn „Creed 2“ ist ein abermals packendes, wenn auch in seinem Aufbau, vertrautes, Box-Drama geworden, das die Geschehnisse aus „Rocky 4“ völlig ernst nimmt.

    Eine der größten Stärken der Fortsetzung dürfte wohl sein, dass hier Gegner/Antagonisten kreiert wurden, die nicht zu reinen Karikaturen verkommen, sondern ähnlich nachvollziehbare Motivationen für ihre Handlungen erhalten haben wie die vermeintlichen Helden/Protagonisten selbst. So gelang es den Drehbuchautoren hier tatsächlich einem einst lächerlich comichaften Bösewicht wie Ivan Drago ein überraschendes Maß an Tiefe zu entnehmen. „Creed 2“ widmet nämlich einen nicht all zu kleinen Teil seiner Laufzeit auch dem Leidweg der Dragos und zeigt wie der einst angesehene Familienname nach dem verlorenen Kampf gegen Rocky in ihrer Heimat durch den Dreck gezogen wurde. Somit wird ein im Rocky-Franchise noch nie zuvor dagewesener Graubereich erzeugt, der Menschlichkeit über klassische Gut-Böse-Konstellationen hebt. Erstmals wurde der stoischen B-Movie-Legende Dolph Lundgren, der in seinen bisherigen Rollen eher mit seiner Statur als mit subtilen Schauspiel glänzen konnte, die Chance gegeben, sich als Charakterdarsteller zu beweisen. Neben Lundgrens überraschend starkem Spiel kann auch das bayrische Fitness-Model Florian Munteanu, der als Viktor Drago sein Spielfilm-Schauspieldebüt gibt, mit bedrohlicher Physik und rauer Emotion zu überzeugen.

    Wenn auch nicht ganz so ausgeklügelt wie im ersten Teil, weiß der Haupthandlungstrang rund um Adonis Creed, der dem großen Namen seines Vaters alle Ehre machen möchte, gleichzeitig aber auch seine eigene Identität als Boxer kreieren will, ebenfalls weitestgehend zu punkten. Am besten funktioniert das Drama, wenn es sich auf die Beziehung zwischen Adonis und dessen Freundin Bianca fokussiert, die trotz klischeehafter Verläufe durch das fantastische Zusammenspiel von Michael B. Jordan und Tessa Thompson einen effektiven emotionalen Punch verliehen verliehen bekommt.

    Leider kommt ausgerechnet der Nebenhandlungsstrang von Rocky Balboa selbst, der im Vorgänger noch einen der eindrucksvollsten Aspekte darstellte, etwas zu kurz. So gibt es zwar einige starke Momente wie beispielsweise eine Szene, in der Rocky und Ivan Drago nach jahrelanger Verfeindung erstmals wieder in einem Restaurant aufeinandertreffen und Stallone sich abermals als subtiler Schauspieler zeigen darf, jedoch wurde die Figur kaum ins Hauptgeschehen des Films eingegliedert, was zur Folge hat, dass einige seiner Szenen konstruiert und schlussendlich auch redundant rüberkommen.

    Es lässt sich allgemein durchaus bekriteln, dass während der Vorgänger der altbewährten „Rocky“-Formel einen frischen Spin verpassen konnte, der Story-Verlauf in der Fortsetzung streckenweise etwas zu stereotyp und vorsehbar geraten ist. Immerhin lassen einem das Schauspiel und die abermals eindrucksvoll gefilmten (wenn auch nicht so innovativ wie im ersten Teil) und choreographierten Box-Sequenzen zu weiten Teilen über die Formelhaftigkeit des Drehbuchs hinwegsehen. Leider kann die astreine Inszenierung das Schema F der Story nicht über die gesamte Laufzeit von knapp 130 Minuten hinweg tragen. So verliert sich der Film im letzten Drittel ein wenig in einer Vielzahl an Trainings-Montage-Szenen, die zwar klar eine Hommage an die vielen Montage-Sequenzen aus „Rocky IV“ sein sollen, hier aber durch ihre Repetition sehr schnell ermüden können. Generell beruht man sich szenenweise zu stark auf simplen Fanservice, der jedoch nicht immer aufgeht. Es gibt beispielsweise für ein paar Momente ein kurzes Wiedersehen mit Brigitte Nielsens Ludmilla Drago aus „Rocky IV“, deren pathetisches Auftreten das Drama des Films etwas ins Lächerliche zieht.

    Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass „Creed 2“ streckenweise zwar ein wenig zu eindeutig Zutaten seiner Vorgänger-Filme neu aufwärmen lässt, durch eine überzeugende Darstellerriege, gelungene Charakterdynamiken und packend inszenierte Kampfsequenzen aber zu einem sehenswerten achten (!) Eintrag ins „Rocky“-Franchise geworden ist. Ein Muss für alteingesessene Fans der Reihe!
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    (Christian Pogatetz)
    24.01.2019
    14:50 Uhr