Das große Uncut-Special von der Viennale 2018
Bilder: Filmladen, Concorde Fotos: Filmladen, Concorde
  • Bewertung

    The House That Jack Built

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    11, das ist die Zahl an Leuten die während dem von mir beigewohnten Screening von „The House That Jack Built“, den Saal auf jeden Fall verlassen haben. Die tatsächliche Zahl wird beträchtlich höher sein, ich kann jedoch nur von 11 sicher sein, da sie den mir nächsten Ausgang benutzt haben, einer von vielen. Dies ist nun weder verwunderlich, noch etwas Neues. Im Gegenteil, es hat schon beinahe einen Hauch von Tradition das sich Menschen erbost und angewidert erheben und die Vorstellung verlassen. Meist begleitet von den gegrummelten Worten „Muss das den sein?“. Von Trier ist nun wirklich nicht bekannt dafür zimperlich zu sein, doch kann man wohl klar sagen, dass er in seinem neuesten Werk die Latte für das Porträtieren von Gewalt äußerst hoch ansiedelt. Mit von-Trier-üblichen Stilmitteln, á la Voice-Over, eingefügte Bilder und Gewalt begleitet von klassischer Musik, werden wir Zuschauer für 155 Minuten durch das Leben des zwangsgestörten Serienmörders Jack geführt. Anhand von fünf Vorfällen, fünf Morden, leitet uns Jack über einen Zeitraum von zwölf Jahren durch sein Leben und noch viel wichtiger durch seine Weltanschauung.

    Wie bereits in anderen Werken, stellt sich hier unter anderem die Frage nach der Beziehung zwischen Kunst und Gewalt. Jack begreift sich selbst als einen Künstler, welcher die Menschen durch und mit ihrem Tod zu einem Werk gestaltet. Selbst beschreibt er sich als einen Ingenieur, der eigentlich immer Architekt sein wollte. Sein persönliches Ziel, das Errichten seines Hauses. Die Theorie des Materials wird aufgeworfen. Das Material hätte seinen eigenen Willen und wenn es passt fügt es sich fast von wie allein zusammen. Jack begreift Menschen als sein Material auf dem Weg der Kreation von etwas meisterlich Kunstvollen. Solche und weitere Gedanken werden in diesem Film immer wieder aufgegriffen und von Klaviertönen begleitet aufgebreitet. Die Linie zwischen interessanten Gedanken und (zumindest für mich) pseudointellektuellen pathetischen Metaphern verschwimmt oft und hinterlässt leere Worthülsen, von denen ich eigentlich nicht wirklich wusste was sie nun bedeuten sollen.

    In einigen Szenen und Sequenzen jedoch findet der Film klare Gedanken und zeigt gekonnte unschöne Realitäten auf. Wenn Jack eine Frau tötet, von der er selbst behauptet, für sie zu fühlen und sie vor der Tat um Hilfe schreien lässt, weil er weiß dass ihr niemand helfen wird, ist das unangenehmste die Wahrheit, die in der Situation zu finden ist. Auch das Jack in seinen fünf Sequenzen hauptsächlich Frauen ermordetet und vor allem warum, entblößt diesen stolzen Mann als erbärmlichen Wurm. Was uns auch zu dem wahrscheinlich spannendsten Punkt an dem Film führt, welcher nicht im Film selbst zu finden ist, sondern auf seiner Metaebene. So bindet sich von Trier bewusst in den Film ein, wenn er in einem Voice-Over über Kunst und Gewalt seine eigenen Filme vorlegt. Wenn dann in dem Film die Parallelen zwischen dem Kreator, der Kunst und der Gewalt entspringt, offenbart er ein mögliches Selbstporträt des Regisseurs selbst. Gerade das Ende würde in diesem Zusammenhang einen interessanten Gedanken präsentieren. Wer mit der teils kryptischen Inszenierung Triers vertraut ist wird auch hier nicht enttäuscht. Leute, die davor nichts mit diesem Stil anfangen konnten, werden auch durch diesen Film nicht damit beginnen.

    Womit der eine oder andere ebenfalls zu kämpfen haben wird, ist die explizite Gewalt, die uns Trier präsentiert. Zurecht stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Gewaltdarstellung. Dem Film ist sie natürlich ein immanenter Teil, allein durch seine Thematik und seine zentrale Fragestellung. Die Art wie sie jedoch inszeniert wird, ist in Zweifel zu ziehen. Muss ich, um mich mit der Frage nach Gewalt und Kunst auseinanderzusetzten, sehen wie einem kleinen Kind das Bein weggeschossen wird? Wie eine trauernde Mutter wie ein Tier gejagt wird oder eine verzweifelte Frau verstümmelt wird? Der Film wirft diese Fragen durch seine reine Existenz auf. Durch seine Existenz beantwortet er die Frage auch, kann jene Antwort nur nicht wirklich begründen. Nach dem auch nach wie vor kein Konsens darüber besteht, ob Gewalt in Filmen legitim ist bzw. in welchem Ausmaß, bleibt „The House That Jack Build“ ein Werk, das sich in die Debatte eingliedert und dafür sorgt, dass sie fleißig weitergetrieben wird. Ich für meinen Teil habe viele der Gewaltszenen als unnötig empfunden und mehr als Mittel zum Zweck, als etwas das eine künstlerische Berechtigung per se hatte. Der Film wirft zum Teil spannenden Fragen auf und leistet einen weiteren Beitrag in der Debatte rund um Gewalt im Film, ergötzt sich jedoch so in sich selbst und seinen eigenen Metaebenen, dass er schwer fällt dem Film als Film etwas abzugewinnen. Matt Dillon spielt beindruckend und zieht einen sofort in den Bann, wobei ich mir schwer tun würde, zu definieren was/wen er da überhaupt spielt. Ich schreibe diese Kritik nun am Morgen nach einem 23:00 Screening und dies sind die ersten frischen Gedanken, die zu dem Film erscheinen wollen. Wahrscheinlich wäre es vernünftiger die Kritik einige Tage später erneut zu schreiben, wenn der eigene Kopf ein wenig freier ist. Momentan jedoch fühlt sich „The House That Jack Build“ wie ein unglaublich selbstverliebter Film an, der Gewalt der Gewalt willen zeigt und in seinem Wahn, die guten und spannenden Ideen mit nichtssagendem Pathos überschüttet.
    _MG_1372 (1)
    (Daniel Prem)
    04.11.2018
    21:14 Uhr