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  • Bewertung

    Mehr Komödie denn Actionfilm

    Eldritch Advice
    In meiner Kindheit war es nicht bloß wichtig sich am Feld der Ehre, auch Schulhof genannt, durchzusetzen, sondern darüber hinaus seinen Wert in den pixeligen Anfängen der digitalen Spielewelt unter Beweis zu stellen. Eine dieser virtuellen Talentproben, war für uns das Spiel „Street Fighter II“. Ich hatte nie ein Talent für derlei Kampfspiele, aber konnte mittels „Button-mashing“ und einigen wenigen erlernten „Combos“ doch einige Siege erzielen. Mein Lieblingscharakter, in diesem Klassiker des Kampfspiels, war stets Vega; sein exzentrischer Charakter, der souveräne und stylische Look sowie sein Gameplay, haben es mir einfach angetan. „Street Fighter II“ kann also gewiss als eines der prägenden Spieler meiner Kindheit bezeichnet werden. Umso gespannter war ich, als im Jahr 1995 die Realfilmadapation dieses Spiels in die heimischen Kinos kam ... denn was soll bei einem Film mit Jean-Claude Van Damme schon schiefgehen können?

    Der ambitionierte Kriegsherr General M. Bison führt einen grausamen Bürgerkrieg in Shadaloo um sich seinen megalomanischen Traum von „Bisonopolis“ zu erfüllen. Während die Politiker der Weltmächte auf Frieden hoffen, stehen die internationalen Truppen der „Allied Nations“, unter dem Kommando von Colonel William F. Guile (Jean-Claude Van Damme), als letztes Bollwerk zwischen General Bison und der Erfüllung seiner Pläne. Währenddessen versuchen die zwei Glücksritter Ryu und Ken an diesem Konflikt zu profitieren und schließen einen Waffendeal mit dem Unterweltboss Sagat ab. In diesen Tumult begibt sich auch die Reporterin Chun-Li nach Shadaloo, offiziell um von der Krise zu berichten, inoffiziell um den Tod ihres Vaters zu rächen, der durch General Bison sein Ende fand. Allesamt müssen sie entscheiden auf welcher Seite sie stehen wollen, denn in diesem Kampf zwischen Gut und Böse kann es nur einen Sieger geben.

    Ich muss sagen … zu viele Köche verderben den Brei.

    Steven E. de Souza ist ein talentierter Drehbuchautor, der dabei half Kultfilme wie „Phantom Kommando“, „The Running Man“, sowie die ersten beiden „Stirb Langsam“-Filme ins Leben zur rufen. Für „Street Fighter“ schrieb er nicht nur das Drehbuch, sondern führte auch zum ersten Mal für einen Kinofilm Regie. In seinem cineastischen Debüt trägt insbesondere der Humor klar seine Handschrift, während die Action-Szenen leider nicht mit den oben genannten Filmen mithalten können. Der Grund dafür ist, dass die Videospielfirma „Capcom“, die über die Lizenzrechte von „Street Fighter“ verfügt, ein erhebliches Mitspracherecht hatte. Nachdem der erste Cut eine „Rated R“ Freigabe erhielt, pochten sie darauf den Film mit dem Ziel einer „PG-13“ Freigabe erneut zu schneiden. Das Resultat ist eine Kampfspieladaption in der es erstaunlich wenige Kämpfe gibt. Ferner leidet dieser Film an seinen unzähligen Nebenhandlungen und dem Versuch so viele Charaktere aus dem Spiel wie nur irgendwie möglich unterzubringen. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Soundtrack. Die „Street Fighter“ Spieleserie verfügt über einen der bekanntesten und beliebtesten Soundtracks in der gesamten Branche. Dennoch entschied sich der Komponist Graeme Revell dagegen diesen zu verwenden oder sich zumindest davon inspirieren zu lassen. Die Folge ist ein höchst generischer und unspektakulärer Score ohne jedweden Erinnerungswert.

    Der Großteil des Budgets von ca. 35 Millionen Dollar ging an die beiden Stars dieses Films: Jean-Claude Van Damme als Guile und Raul Julia als General M. Bison. Eine gute Entscheidung; in den 90er Jahren erschienen, profitierte der Film von der Strahlkraft eines Van Damme und erhielt durch den höchst talentierten Julia einen grandiosen und ikonischen Bösewicht. Der Rest der Besetzung schwankt zwischen „sieht haargenau wie im Spiel aus“ und „was haben sie sich dabei nur gedacht?“ Insbesondere Ryu und Ken, die zwei populärsten Charaktere des Spiels, leiden ob ihrer Fehlbesetzung und werden nur von einer wahnsinnig schlechten Kylie Minogue als Cammy übertroffen. Generell fällt bei einem Großteil des Casts auf, dass es vielen Schauspielern an den nötigen Muskeln fehlt um ihre Rolle überzeugend darzustellen. Dem gegenüber stehen perfekte Casting-Entscheidungen, wie etwa bei Sagat, Zangief und Vega.

    Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

    Trotz schlechter Reviews, entpuppte sich „Street Fighter“ als ein Erfolg an den Kinokassen und schuf sich allmählich einen Ruf als „Guilty Pleasure“-Film. Für mehr fehlt es ihm eindeutig an Qualität. Nur selten schafft er es sein Potential zu entfalten. Dies gelingt ihm zumeist dann, wenn man als Zuseher ein Auge für Details hat. Wirft man etwa einen Blick auf General Bisons Bücherregal oder die liebevoll gestalteten Propagandaplakate im Hintergrund, erkennt man welche Mühe in die glaubhafte Gestaltung dieser Welt floss. Ebenfalls rechne ich es de Souza hoch an, dass er einen im Grunde interessanten Plot kreierte, auch wenn dieser in seiner Umsetzung nicht immer funktioniert. Die positiven Momente sind jene, in denen sich der Film nicht zu ernst nimmt und de Souzas Humor zum Vorschein kommt, was sich vor allem bei Zangief zeigt.

    Dies ist auch ein Indiz dafür, dass dieser Film eine wesentlich bessere Komödie, denn ein Actionfilm oder eine detailgetreue Adaption des Spiels ist. Hätten „Capcom“ und andere Entscheidungsträger nicht in den kreativen Prozess von de Souza eingegriffen, würden wir heute wohlgesonnener auf dieses Projekt zurückblicken. Somit handelt es sich hier um ein als Actionfilm gescheitertes Werk, das durch seinen Humor, einen gewissen „Trashfaktor“, sowie die herausragende Leistung von Raul Julia, in seinem leider vorletzten Film, trotzdem unterhalten kann. Wenn ihr einen besseren „Street Fighter“ Film mit Van Damme genießen wollt, so seht euch „Bloodsport“ an, steht euch allerdings der Sinn nach leichter Unterhaltung und einer sehr freien Videospieladaption, erfüllt dieser Film durchaus seinen Zweck. Deswegen erkläre ich „Street Fighter“, trotz oder vielleicht sogar wegen all seiner Fehler, eines freitäglichen Filmabends würdig.

    Habt ihr Interesse an Horror und Trashfilmen sowie anderer cineastischer Kleinodien, empfehle ich euch meinen englischsprachigen YouTube Channel zu besuchen. Dort bespreche ich mindestens einmal wöchentlich ein Filmjuwel aus meiner Sammlung:
    https://goo.gl/oYL4qZ
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    (Thorsten Schimpl)
    09.03.2018
    12:28 Uhr
    https://www.youtube.com/VarangianVigilante

    Austrian YouTuber that loves to talk about his favorite movies, comics and pop-cultural stuff, while trying not to butcher the English language.