Kritik
Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
  • Bewertung

    Wie viele Abenteuer passen in ein Einmachglas?

    Exklusiv für Uncut
    Als Marleen (Jella Haase) von ihrem weltreisenden Bruder Erik (Matthias Schweighöfer mit Dreadlocks! Und Tattoos!) ein leeres Einmachglas geschenkt bekommt, weiß sie zunächst nichts damit anzufangen. Eriks Idee dahinter ist, dass Marleen ja in ihrem Leben viele Dinge machen soll, nicht nur eine, und so wird aus dem Einmachglas ein Vielmachglas. Doch im Gegensatz zu ihrem Bruder zeichnet sich Marleen nicht gerade durch ihre Abenteuerlust aus. Stubenhocker passt eher zu ihr. Passend dazu hat sie sich auch einen Ledersessel gekauft - von dem Ersparten, das eigentlich für die erste eigene Wohnung gedacht war. Den schleppt sie dann am Rücken den ganzen Weg nach Hause. Marleen hat also schwer zu tragen - zuerst wortwörtlich, und später metaphorisch. Denn ein tragisches Ereignis bringt sie dazu, alles stehen und liegen zu lassen und doch noch ihr eigenes Abenteuer zu erleben.

    „Vielmachglas“ ist ein Road Trip Movie über das Erwachsenwerden, in dessen Zentrum Jella Haase als Marleen steht. Die junge Schauspielerin, die ihren Durchbruch mit „Fack ju Göhte“ feierte, zeigt hier, dass ihr auch tiefer gehende Rollen liegen. Obwohl im Film Drama und Komik nahe beieinander liegen, kann Haase in den tragischen Momenten mehr überzeugen. Trotz seiner Vorhersehbarkeit und auch seichten Szenen ist der Film nett und berührend. Auch ein junger Mann darf hier nicht fehlen, und der tritt in der Form von Ben (Marc Benjamin) in Marleens Leben. Einfühlsam, gut aussehend und ausgestattet mit einem Campervan, steht er Marleen auf ihrem Abenteuer zur Seite und ist einer der wenigen „normalen“ Menschen, denen sie auf der Reise begegnet. Obwohl Marleen alleine loszieht und sich selbst beweisen will, dass sie es schaffen kann, ist sie doch immer wieder auf die Hilfsbereitschaft von Fremden angewiesen. Ihre Naivität (mit 8 € in der Tasche auf eine Reise quer durch Deutschland aufzubrechen, mit dem Ziel Hamburger Hafen, wo sie auf ein Boot Richtung Antarktis steigen will) ist anfangs vielleicht etwas anstrengend, doch mit der Zeit wächst Marleen dem Zuschauer ans Herz.

    Matthias Schweighöfer wirkt in „Vielmachglas“ nicht nur als Darsteller, sondern auch als Produzent mit. Er zeigte sich schon früh von Filmemacher Florian Ross begeistert und versprach, bei seinem Spielfilmdebüt dabei zu sein. Obwohl die Rolle des Erik für Schweighöfer eher untypisch scheint und vergleichsweise klein ist, besteht doch kein Zweifel daran, dass es auch sein Name ist, der die Zuschauer ins Kino bringen soll. Und das wird er auch - denn „Vielmachglas“ ist keinesfalls ein schlechter Film. Aber es ist einer, den man so einfach schon zu oft gesehen hat. Es ist die Definition eines Coming-of-Age-Films. Ein junger Mensch weiß noch nicht so recht, wer er ist, wird durch ein bestimmtes Ereignis wachgerüttelt, und findet schließlich zu sich selbst. Der Weg dorthin: eine verrückte und emotionale Reise, sowohl physisch als auch psychisch.
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    (Barbara Sorger)
    09.03.2018
    19:23 Uhr