Bilder: 20th Century Fox Fotos: 20th Century Fox
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    Klischeebeladener Jumpscare-Horror trifft auf ausgelutschte Coming-of-Age-Geschichte im Superheldengewand

    Exklusiv für Uncut
    Wir schreiben das Jahr 2017. Der erste Trailer einer eher ungewöhnlich daherkommenden Comicbuchverfilmung mit dem Titel „New Mutants“ wird auf das Internet losgelassen. Das Konzept eines geerdeten Superheldenfilms, der mit Horrorelementen gespickt ist, und sich fern der gewohnten Materialschlachten eines MCUs abspielen sollte, klang zunächst vielversprechend. Eine der wohl holprigsten Produktionsgeschichten der letzten Jahre gebot den anfänglichen Erwartungen jedoch Einhalt. Ursprünglich hätte der Film, der Teil des „X-Men“-Universums ist, bereits im Frühjahr 2018 veröffentlicht werden sollen, wurde aber aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten hinter den Kulissen mehrfach verschoben. Zig Verschiebungen, mehrere geplante Reshoots und einen Aufkauf von Fox seitens Disney später findet der von Josh Boone (u.a.: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) inszenierte Streifen nun endlich seinen Weg in die weltweiten Kinos.

    Und entpuppt sich das fertige Produkt trotz der mittlerweile nicht zu Unrecht niedrigen Erwartungen etwa doch noch als positive Überraschung? Leider nein.

    Dabei hätte man aus der Prämisse durchaus einen sehenswerten Film machen können: Im Vordergrund von „New Mutants“ steht eine Gruppe Jugendlicher, die in einer von Dr. Reyes (Alice Braga) geleiten Klinik festsitzt, um dort angeblich zu lernen, wie sie am besten mit ihren jeweiligen Superkräften umgehen sollen. Mit der Ankunft der jungen Mutantin Dani (Blu Hunt), bei der es sich um die scheinbar einzige Überlebende eines tragischen Vorfalls innerhalb eines Indianerreservats (ein Reservat des Cheyenne-Volkstamms) handelt, treten plötzlich seltsame Vorkommnisse auf. Die vier Teenager*innen, die gemeinsam mit der jungen Ureinwohnerin in der Klinik eingesperrt sind, werden nach für nach von seltsamen Albträumen geplagt, die auch Einfluss auf ihr reales Umfeld haben und in Verbindung mit ihrer dramatischen Vergangenheit stehen. Was aber ist die Wurzel dieser Albträume? Welche Superkräfte hat Dani überhaupt? Und warum werden sie denn nun überhaupt in dieser isolierten Anstalt festgehalten? Fragen über Frage, deren Ursprung die fünf Jugendlichen auf die Spur kommen möchten.

    Auf Papier klingt es so, als könne die Comicverfilmung frischen Wind ins heute etwas angestaubte Superhelden-Genre bringen. In der Umsetzung weiß die konzeptuell durchaus interessante Geschichte, die erzählt wird, aber kaum aufzugehen. Am ehesten funktionieren noch die Momente, in denen der Film versucht ein bodenständiges Coming-of-Age-Drama zu sein. Obwohl Boone für die Charakterisierungen seiner Figuren tief in den Klischeetopf gegriffen hat, merkt man ihm hier immerhin seine bisherigen Erfahrungen im Genre an. Wenn der Film sich auf das Kennenlernen zwischen Dani und den anderen vier Teenager*innen konzentriert, dann blitzen hier und da immerhin Momente jugendlicher Verzweiflung und Herzschmerzes auf, die als solches ihren Zweck erfüllen. Der romantische Subplot, der einer der wohl ersten LGBT+-Romanzen im effektgeladenen Blockbuster-Kino darstellt, trieft zwar nur so vor Kitsch, ist aber aufgrund der Hingabe der beiden involvierten Darstellerinnen einer der wenigen Lichtblicke im Film.

    Generell wirkt aber leider auch der Großteil der Darstellerriege hölzern und austauschbar. Abgesehen vom romantischen Nebenhandlungsstrang bleibt die Darbietung von Hauptdarstellerin Blu Hunt blass und unaufgeregt. Ähnliches gilt für ihren romantischen Counterpart Maisie Williams („Game of Thrones“), die mit ihrer ruhigen Darstellung aber immerhin angenehmes Kontrastprogramm zum oft ins Overacting ausufernde Schauspiel ihrer Co-Stars bietet. Einzig und allein die großartige Anya Taylor-Joy („The Witch“, „Emma“) schafft es, ihrer Figur Leben einzuhauchen und aus der sonst eher wenig überzeugenden Besetzung positiv herauszustechen. Trotz eines nicht gänzlich authentischen russischen Akzents, stellt ihre Performance der taffen und zumeist genervten Mutantin Ilyana die einzig wirklich glaubhafte im gesamten Film dar. „Stranger Things“-Star Charlie Heaton hingegen entsetzt gar mit einem lächerlich überzeichneten Südstaaten-Akzent.

    Das größte Problem des neuesten „X-Men“-Spin-Offs sind jedoch die schrecklich misslungenen Horror-Szenen, die sich durch den gesamten Film ziehen. Ein mancher Schockmoment mag in seinem Aufbau zwar handwerklich solide und atmosphärisch beklemmend umgesetzt sein, vermasselt sich durch den vermehrten Einsatz billiger Jump-Scares und anderer ausgelutschter Genre-Tropen aber jeglichen bleibenden Effekt. Besonders schockierend ist der Einsatz von CGI-Effekten, die in dieser minderen Qualität genauso einem Videospiel der anfänglichen 2000er entspringen könnte. Der halbfertige Look der Computereffekte kommt dann im ohnehin überladenen finalen Showdown, indem halbherzig und gehetzt versucht wird, zuvor aufgebaute Mysterien und Konflikte zu lösen, so richtig zum Vorschein.

    „New Mutants“ hätte einiges an Potenzial geboten, um einen spannenden und eigenständigen Beitrag im breiten filmischen „X-Men“-Kosmos zu schaffen, der auch fernab des klassischen Superhelden-Bombasts und kreativ einengender cinematischer Universen prima funktionieren hätte können. Die versuchte Mixtur aus Teenie-Drama und Horrorfilm im Mutanten-Gewand geht in der Umsetzung aber völlig nach hinten los.

    Entsetzliche Computer-Effekte, hölzernes Schauspiel, platte Dialoge und ein Skript, bei dem das eine Genre-Klischee das nächste jagt: Hier wäre definitiv mehr drin gewesen!