Filmkritik zu The Nun

Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
  • Bewertung

    Klischeeüberladenes Jump-Scare-Fest in holpriger Ausführung

    Exklusiv für Uncut
    Spätestens mit dem Startschuss der hocherfolgreichen „Paranormal Activity“-Reihe 2007 wurde der Haunted-House-Film plötzlich zum rentabelsten Subgenre beim modernen Horrorpublikum. Es dauerte jedoch nicht lange und schon waren Leute übersättigt von den ständig gleichen und immer wiederkehrenden Tropen innerhalb des Genres. Filmemacher James Wan, der zuvor bereits mit dem Start der „Saw“-Reihe und dem Schocker „Insidious“ (2010) große Erfolge im Horrorkino verbuchen konnte, gelang es 2013 mit „The Conjuring“ dem Haunted-House-Subgenre einen frischen Anstrich zu verpassen. Obwohl sich Wan zahlreicher Genrekonventionen bediente, gelang es ihm diese in einen authentischen Mikrokosmos zu versetzen und konnte durch schön inszenierte Schockmomente feinen Grusel alter Schule erzeugen. „The Conjuring“, der wohlgemerkt lose auf realen Begebenheiten basiert, entwickelte sich sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern zu einem weltweiten Hit. Aus dem Erfolg heraus entstanden in den letzten Jahren eine sehr gelungene Fortsetzung (abermals von Wan inszeniert) sowie zwei qualitativ stark auseinandergehende Spin-Off-Filme rund um die Horrorpuppe Annabelle. Nun wird das „Conjuring“-Universum mit „The Nun“ um ein weiteres Spin-Off erweitert, das sich der Vorgeschichte der gleichnamigen Dämonen-Nonne aus „The Conjuring 2“ widmet.

    Bereits im Vorfeld konnte das Marketing des Horrorschockers für Kontroversen im Netz sorgen, als im August auf YouTube vor zahlreichen Videos ein erschreckendes Promo-Video zum Film als nicht überspringbare Werbung platziert wurde. Da das kurze Video durch einen fies eingesetzten Jump-Scare zartbesaitetere Personen in Schrecken versetzte und die YouTube-Richtlinien verletzte, musste der Spot schon bald wieder entfernt werden. In Puncto Promotion durfte der Film also bereits vor Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
    Nun stellt sich deshalb natürlich die Frage: Hat sich der aufgebauschte Hype auch ausgezahlt?
    Nach Sichtung des Films muss ich diese Frage wohl oder übel klar verneinen, denn mit „The Nun“ von Regisseur Corin Hardy („The Hallow“) reiht sich die bisher leider wahrscheinlich größte Enttäuschung ins „Conjuring“-Universum ein.

    Zunächst aber: Worum geht’s eigentlich?

    „The Nun“ ist Anfang der 50er-Jahre angesetzt und beginnt mit dem mysteriösen Tod einer Nonne in einem rumänischen Kloster, bei dem zunächst alle Zeichen auf Selbstmord stehen. Infolgedessen entsendet der Vatikan den katholischen Priester Pater Burke (Demián Bichir) und die angehende Nonne Schwester Irene (Taissa Farmiga) an den Ort des vermeintlichen Selbstmords, um den Tod der Nonne genauer zu untersuchen. Dort angekommen, müssen die beiden aber schon bald feststellen, dass die Anhänger des Klosters schon seit geraumer Zeit von einem Dämon in Nonnengestalt (Bonnie Aarons) heimgesucht werden, der offenbar auch mit dem angeblichen Freitod der Nonne zusammenhängt. Irene, die bereits in jungen Jahren Visionen von einer dämonischen Nonnenfigur plagten, erkennt langsam aber sicher, dass eine Verbindung zwischen ihren Eingebungen und den grauenhaften Ereignissen im Kloster besteht.

    Im Gegensatz zu James Wan, der in den beiden direkten „Conjuring“-Filmen daran bemüht war, versiert inszenierten Horror zu kreieren, hat Corin Hardy für sein Debüt in der Reihe ganz tief in den Genre-Klischeetopf gegriffen und bediente sich weitestgehend billigster Genre-Tricks. Zwar kann auch ein Jump-Scare ein fein aufgebautes Set-Up erhalten, darauf verzichtete Hardy jedoch leider zumeist vollkommen und versucht den Zuschauer in erster Linie mit sprunghaft vor der Kamera auftauchenden Dämonen sowie schrillen Soundeffekten auf plumpste Art und Weise zu erschrecken.

    Selbst auf technischer Ebene können die Gruselmomente zumeist nicht überzeugen. Auch wenn szenenweise durch fein gemachte Lichtspielchen und ein beklemmendes Sounddesign kurzzeitig Atmosphäre erzeugt wird, kann diese durch den billigen Einsatz der Jump-Scares nie wirklich aufrechterhalten werden. Obwohl vermeintlich weitestgehend auf CGI-Effekte verzichtet wurde, wirkt der Blur-Effekt der Jump-Scare-Momente stark digitalisiert und bewirkt einen eher lächerlichen Touch statt Angst oder Terror. Im mittleren Teil wirkt zudem die Kinematografie teils sehr unscharf, was nicht an der (passenderweise) düster gehaltenen Farbsättigung des Bilds, sondern einigen stark unterbeleuchteten Nahaufnahmen liegt.

    Das Story-Konstrukt hätte einiges an Potential für interessantes Drama geboten, was jedoch kaum ausgeschöpft wurde. Die expositionslastigen Dialoge sind viel zu stark darauf bedacht dem Zuschauer Hintergrundinformationen über das Kloster auf dem Weg mitzugeben, anstatt Charaktere menschlich miteinander kommunizieren zu lassen. So stellen besonders das Fehlen authentischer zwischenmenschlicher Konversationen und die daraus resultierend platten Charakterisierungen eine große Schwäche des Drehbuchs dar. Vor allem die Figur des Frenchie (Jonas Bloquet), einem französischsprachigen jungen Mann, der die Leiche der Nonne zuerst entdeckt hat, wirkt wie der vollkommen missratene Versuch, dem Film einen Comic-Relief-Charakter zu geben. Die käsigen Kalauer, die der Charakter von sich gibt, sowie dessen peinliche Flirtversuche mit Schwester Irene wirken dabei aufgesetzt und im sonst so ernst gehaltenen Ton des Films völlig fehl am Platz.

    Die kaum vorhandenen Charakterisierungen können leider auch vom Schauspiel der Darstellerriege nicht wettgemacht werden. Einzig und allein Taissa Farmiga, die 20 Jahre jüngere Schwester von „The Conjuring“-Protagonistin Vera Farmiga, gelingt es in ruhigeren Momenten die Emotionen ihrer unterentwickelten Figur glaubhaft zu vermitteln.

    So lässt sich leider sagen, dass „The Nun“ trotz ein paar weniger funktionierender Momente eine herbe Enttäuschung geworden ist und einen wahren negativen Ausreißer im sonst bisher so gelungenen „Conjuring“-Franchise darstellt. Regisseur Corin Hardy hat hier ein Sammelsurium aus Genre-Klischees mit billig konstruierten Schockeffekten und kaum ausgearbeiteten Figurenzeichnungen vermengt.

    Grauenhaft - aber leider nicht im beabsichtigten Sinne!
    chros
    (Christian Pogatetz)
    12.09.2018
    21:43 Uhr