Filmkritik zu Der Sex Pakt

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Progressiver Blick auf weibliche Sexualität

    Exklusiv für Uncut
    Es ist nur eine kurze Szene in der eine der Hauptfiguren, Julie (Kathryn Newton), in ihrem Zimmer am Laptop sitzt während im Hintergrund ein Plakat des 80er Jahre John Hughes Klassikers „Sixteen Candles“ unscharf zu erkennen ist. In dem Film muss sich Hauptfigur Sam, gespielt von Hughes Liebling Molly Ringwald, nicht nur mit dem Nerd Ted herumschlagen, der am Schulball mit ihr schlafen will, sondern auch mit der Angst, dass ihr Schwarm Jake herausfinden könnte, dass sie noch Jungfrau ist und sich für ihn aufhebt. In „Der Sex Pakt“ dreht sich ebenfalls alles um einen Schulball und die noch vorhandene Jungfräulichkeit. Julie und ihre Freundinnen Kayla (Geraldine Viswanathan) und Sam (Gideon Adlon) schließen eine Abmachung, dieser am Ball ein Ende zu setzen. Entweder mit einem festen Freund oder wenn nötig auch mit einem One Night Stand.

    Nun mag der Film von Regie-Neuling Kay Cannon auf den ersten Blick mit John Hughes nicht viel gemeinsam haben. Immerhin liegen mehr als 30 Jahre dazwischen und die Gesellschaft hat sich verändert (suche etwa die ethnische und sexuelle Minderheit in einem Hughes Film). Beiden Universen ist aber gemein, dass sie eine Botschaft vermitteln wollen. Hughes war der Vorreiter einer Jugendkultur, die sich von oberflächlichen „National Lampoon“-Witzen wegbewegte und reale Probleme ansprach. „Der Sex Pakt“ wird zwar nicht die gleiche kulturelle Bedeutung erlangen wie die Ereignisse rund um die Shermer High School in Illinois, setzt sich aber die Aufgabe, nach zwei Jahrzehnten an billigem Fäkal- und Sex-Humor im Stil von „American Pie“ den Klischees des High-School-Komödien-Genres eine Auszeit zu gönnen und lieber die eine oder andere gesellschaftliche und feministische Überlegung in den Raum zu stellen.

    So ist der Verlust der Jungfräulichkeit für die Freundinnen kein rosaroter Traum genährt aus den Wogen der Unschuld und des romantischen Idealismus, sondern ein Plan geboren aus körperlichem Selbstbewusstsein und einem reifen Bedürfnis nach Intimität. Julie sucht sich dafür ihren Freund Austin aus, Kayla will bei ihrem Laborpartner Connor landen und Sam erwählt Chad, einen pummeligen jungen Mann, von den man eigentlich erwarten müsste, dass er der klassische Außenseiter ist. Aber in diesem High-School-Universum werden diese Rollenbilder nicht bedient. Julie ist die klassische High-School-Schönheit, Kayla die Sportskanone und Sam die schüchterne Brillenträgerin, die eigentlich insgeheim lesbisch ist und nur an dem Pakt teilnimmt um sich dies selber zu beweisen. Dennoch sind die drei die besten Freundinnen seit Kindestagen.

    Auch die Elterngruppe bewegt sich nicht entlang narrativ ausgedienter Trampelpfade. Da ist Julies Mom Lisa (Leslie Mann), eine Alleinerzieherin die lernen muss zwischen ihr und ihrer Tochter zu differenzieren. Kaylas Dad Mitchell (John Cena), der für kurze Zeit droht der millionste Witz der Filmindustrie zu dem Thema väterliche Überfürsorglichkeit zu werden. Und letztendlich Sams Dad Hunter (Ike Barinholtz), der Lebemann und peinliche Zotenreißer, der die Mädchen aber eigentlich besser versteht als die beiden „Vorbildeltern“. Als das ungleiche Trio über Julies eingeschalteten Laptop stolpert und sieht, wie die Mädchen sich in Emoji Sprache auf ihren Sexpakt einstimmen, ist bei Lisa und Mitchell sofort Alarmstufe Rot angesagt. Sofort rasen sie den Töchtern hinterher um sie von ihrem Plan abzuhalten. Hunter, der an dem Pakt nichts auszusetzen hat, schließt sich der Mission nur an als er erkennt, dass Sam vorhat mit einem Jungen zu schlafen. In dem elterlichen Wissen und der erfrischend selbstverständlichen Akzeptanz dessen, dass seine Tochter das eigene Geschlecht bevorzugt, will er nicht, dass sie ihre Unschuld an einen Mann statt eine Frau verliert.

    Dieser kritische Zugang zur Stigmatisierung weiblicher Sexualität macht den Film so erfrischend anders und progressiv. Immer wenn es scheint der Film steuere auf das nächste Klischee des Genres zu, umgarnt er vielleicht kurz die Idee, um dann aber rechtzeitig in eine andere Richtung abzubiegen. So kommt er vom Unterhaltungswert zwar nicht ganz ohne Körperflüssigkeiten und Sexwitzen aus, es sind aber nicht diese Elemente die in Erinnerungen bleiben. Prägnanter ist zum Beispiel die unterschwellige Frage, warum die Eltern ein Problem damit haben, dass ihre 17-jährigen Töchter sexuell aktiv werden und ob da nicht eigene Erfahrungen und Vorurteile in die Mädchen projiziert werden. Noch offensichtlicher geht hier Mitchells Frau Marcie (Sarayu Blue) vor. Wie könne man von der Gesellschaft Gleichberechtigung gegenüber Frauen erwarten, wenn sie diese nicht einmal von den eigenen Eltern bekommen, schleudert sie dem Trio Infernale entgegen. Wenn es Söhne gewesen wären, hätte man den Nachwuchs vermutlich noch applaudiert.

    Der Vergleich sitzt. Während Filme wie der bereits erwähnte „American Pie“ ein 90-minütiges High Five für das hormongesteuerte Burschenpack sind, werden die Töchter hier von den Eltern immer wieder als die klassische „Damsel in Distress“ bezeichnet. Eine Charakterisierung, gegen die sie sich vehement wehren. Cannon, Autorin der ebenfalls auf Frauenpower beruhenden „Pitch Perfect“-Reihe und Tina-Fey-Vertraute, verschwendet keine Zeit damit, dass sich die Mädchen für ihre Sexualität rechtfertigen müssten. Vielmehr sind es die Charaktere die keine progressive Denkweise an den Tag legen, die in die Bredouille geraten. Sie wollte die spezifische weibliche Sicht auf die Dinge in den Film bringen, erklärte Cannon in Interviews. Diese Mädchen sollten selber über ihren Körper verfügen, sie sind nicht das Lustobjekt eines Mannes.

    „Der Sex Pakt“ wird dadurch zu einem unterhaltsamen, von der Denkweise erfrischend anderen Film, der die Handlungslinie nicht mit dem unteren Ende der Gürtellinie verwechselt und interessante Fragen aufwirft. In Zeiten von #metoo ist es besonders wichtig, weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung ein passendes Vehikel zu verschaffen und der Film schafft das ohne zu belehrend zu wirken. Hatte „Brautalarm“ 2011 bereits bewiesen, dass auch Frauen witzig und zotig sein können, dann ist „Der Sex Pakt“ das Teenager-Pendant dazu. Man kann nur hoffen, dass Hollywood sich weiterhin traut, der weiblichen Stimme eine so breite Plattform zu bieten.
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    (Susanne Gottlieb)
    13.04.2018
    14:12 Uhr
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