Das große Uncut-Special von der Viennale 2018
Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Ein Königreich für eine Bulldoge

    Exklusiv für Uncut
    Das Jahr 2017 ist vorbei und lässt uns mit einigen fantastischen Filmen zurück. Eines der Highlights des letzten Kinojahres war ohne Zweifel „Dunkirk“, der Film über die Rettung von rund 300.000 britischen Soldaten mit Hilfe einer Flotte von Zivilschiffen. Nun begrüßt uns das Kinojahr 2018 im Jänner gleich mit einem anderen großartigen Film, der sich ebenfalls mit Dunkirk beschäftigt, nur diesmal von der anderen Seite.

    Das britische Parlament und das Volk sind mit ihrem Premierminister Neville Chamberlain mehr als unzufrieden und erwarten seinen Rücktritt. Zu schwach und zu tatenlos reagierte er auf die Bedrohungen des Dritten Reiches. Als Chamberlain sich gedemütigt und geschlagen zurückziehen muss, eröffnet sich die Frage nach einem Nachfolger. Für Chamberlain, die anderen Mitglieder der Partei und König George VI wäre Außenminister Viscount Halifax die erste Wahl. Jedoch wird die Oppositionspartei kaum mit ihm in Verhandlungen treten, da er offensichtlich die Politik von Chamberlain gleich fortführen würde. Einzig und allein Winston Churchill, ein Politiker der sowohl bei König als auch der eigenen Partei in Verruf steht, ist möglich. Churchill sieht sich konfrontiert mit der unaufhaltsamen Armee Hitlers, der Kapitulation der Franzosen und dem Einkesseln der eigenen Truppen bei Dunkirk. Voller Zweifel und Sorgen versucht er sein Land durch die dunkelsten Stunden zu führen.

    Joe Wright ist ein Regisseur, der seinen eigenen Stil im Theater gefunden hat. Damit ist nicht gemeint das er als Theaterregisseur sein Handwerk gelernt hat (wobei er durchaus früh Kontakt zu Theater hatte), sondern dass seine Filme wie Theater konstruiert sind und dies ist im besten Sinne des Wortes gemeint. Wright schafft die beachtliche Leistung, Filme zu kreieren, die eindeutig vom Theater inspiriert sind, ohne jemals zu vergessen was sie sind, nämlich Filme. Wrights Filme wie „Anna Karenina“ borgen sich Ideen, Zugänge und Inszenierungsansätze aus dem Theater und würde dennoch in der Art niemals als solches funktionieren. „Die dunkelste Stunde“ ist hierbei keine Ausnahme. In atmosphärischen und klar komponierten Bildern führen uns Wright und sein Kameramann Brunno Delbonnel durch diese dramatischen Wochen. Bereits die erste Szene führt uns per Vogelperspektive in das Parlament, fast wirkt das Bild schwarz-weiß durch die überwältigende Anzahl an Männern in Anzügen der selben Farbe. Langsam bewegt sich die Kamera runter, begibt sich unter die Politiker und lauscht gespannt einer Rede. Wright und Delbonnel gelingt es in dieser ersten Kamerafahrt die Energie und die Wichtigkeit dieser Diskussionen einzufangen. Später schaffen es die Bilder gekonnt und klar, Churchill in all seiner Macht und all seine Verzweiflung zu porträtieren. Wenn in Dunkirk die Kampfhandlungen nah, eng, chaotisch und panisch sind, erlebt man in „Die dunkelste Stunde“, eine aus der Vogelperspektive, geordnete, unnahbare Zerstörung. Nicht mehr als Nadeln, die auf einer Karte bewegt werden.

    Winston Churchill war einer der wichtigsten Politiker des 20ten Jahrhunderts, da brauchte es einen angemessenen Schauspieler, der die britische Bulldogge, wie ihn in die Russen nannten, zu porträtieren. Es hätte wohl kaum jemand besseres werden können als Garry Oldman. Bereits als die ersten Bilder mit Make-Up und Kostüm veröffentlich wurden, war die Zuversicht groß, dass Oldman der richtige Mann ist. Die Auszeichung mit dem Golden Globe ist absolut nachvollziehbar und gerecht. Oldman spielt diese Persönlichkeit nuanciert und gefühlvoll, aber genauso voller Energie, Wut und Verzweiflung. Der Film scheut sich auch nicht, Churchill in seinen widerwärtigsten Momenten zu zeigen, wenn er ohne Zögern 4000 Mann opfert. Jedoch liegt in diesen Momenten keine Bösartigkeit, keine Verachtung von Leben, ja nicht einmal der eiserne Wille zu gewinnen, sondern die ständige Frage was das Richtige ist. Man erlebt einen Mann der geplagt ist von Zweifeln und der einfach nur das Beste für sein Land will. Umgeben von einem fantastischen Cast, hervorzuheben wären noch Lily James als seine Schreiberin und Ben Mendelssohn als König George VI, entfaltet sich dieses Drama. Beide haben fantastisch inszenierte und hochemotionale Szenen mit Oldman, die noch nachhallen werden. Besonders eine Szene mit Lily James, in welcher, Churchill, zum ersten Mal wirklich emotional erkennt was seine Befehle zu Folge haben, ist ein Highlight des Filmes.

    An vielen Stellen wirft der Filme spannende und ungemein aktuelle Fragen auf. Wenn Churchill in einer Ansprache das Volk über den Stand des Krieges belügt, um Hoffnung zu schüren oder wenn eben 4000 Männer geopfert werden um 300.000 zu retten, erkennt man mit welchen Entscheidungen jene Menschen leben müssen. Die zentrale Frage, nämlich jene, ob sich England mit Friedensgesprächen zu einer Puppe des Dritten Reiches machen würde, oder ob es lieber kämpfend untergehen würde, beschäftigt alle möglichen Charaktere und wirft einen spannenden Blick auf die Frage ob Gewalt tatsächlich niemals die Lösung ist und was Patriotismus ist und ausmacht; für sein Land zu sterben oder für sein Land zu leben?

    Es ist beeindruckend, wie gekonnt Wright es schafft, Churchills berühmteste Waffe zu verfilmen, nämlich seine Worte. Worte spielen eine ungeheuer große Rolle in diesem Werk und beurteilen damit absolut richtig, wie essentiell sie für Churchills Erfolg waren. Man sieht, wie die Reden geschrieben werden, wie an ihnen gearbeitet wird, wie er an ihnen verzweifelt und wie er und alle anderen Hoffnung an ihnen Schöpfen können. Die Worte werden gebrüllt und in die Welt geschrien. Sie haben Energie, Macht und Wirkung. Dies wird weiter verstärkt durch das exzellente Sounddesign, das kleinen Bewegungen und Geräuschen eine unheimliche Präsenz verleiht, die weiter zu der Atmosphäre des Filmes beitragen.

    „Die dunkelste Stunde“ ist ein mehr als gelungener Film, der ab und zu seine Längen hat, die jedoch mehr als verzeihbar sind in Anbetracht dessen, was der Film alles richtig macht. Wenn die letzten Worte in diesem Film fallen, werden sie noch einige Zeit später in den Köpfen der Zuschauer wieder auftauchen.
    _MG_1372 (1)
    (Daniel Prem)
    10.01.2018
    09:33 Uhr