Filmkritik zu Sea Sorrow

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Damit die Seenöte ein Ende haben

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Der Regen prasselt auf einen Wald, in dem das Laub sich verfärbt hat. Eine Flüchtlingsunterkunft. Geflüchtete Jugendliche. Die Bilder werden unterbrochen von unscharfem Farbfilm. Man denkt sofort wieder an den Laubwald. Erst nach und nach, wenn das Bild immer wieder kommt und schärfer wird, erkennt man die golden glitzernde Wärmedecke.

    Das Regiedebüt von Vanessa Redgrave beschäftigt sich mit einer Thematik, die in den Köpfen der meisten Menschen momentan eine große Rolle spielt. Geflüchtete. Die Einhaltung der Menschenrechte, das zweite große Thema, spielt dann in den Köpfen vieler schon wieder eine viel kleinere Rolle, vielleicht nicht einmal eine Nebenrolle. Deshalb ist der Film wichtig.

    Er zeigt, wie Geflüchtete auf Booten im Meer gerade nicht ertrinken, wie unbegleitete Jugendliche im „Dschungel“ von Calais darauf warten, nach Großbritannien zu ihren Verwandten weitergelassen zu werden, und was Europa alles nicht tut, um das zu verhindern oder zu erleichtern. Dabei verknüpft der Film die Kindheitsgeschichten der Schauspielerin und Aktivistin Vanessa Redgrave und von Parlamentarier Alf Dubs mit ihrem Einsatz für die Menschenrechte der jetzt nach Europa flüchtenden oder geflüchteten Kinder. Redgrave wurde selbst während der deutschen Bombardements zu Verwandten aufs Land geschickt, Dubs hat die Judenverfolgung wohl nur deshalb überlebt, weil ihn die Mutter aus Prag in einem Kindertransport zu seinem Vater nach England schicken konnte. Wenn Emma Thompson aus dem Guardian von 1938 vorliest, macht der Film deutlich, dass Flucht und die Angst vor Geflüchteten schon 1938 und auch in England ein Thema waren, wenn auch in anderer Form als sie es heute sind.
    Dieser Film ist kein Dokumentarfilm. Anders als andere Dokumentarfilme zum Thema („Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi aus 2016 oder „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann aus 2015 beispielsweise) stellt er nicht den Anspruch, sensibel mit der Geschichte der Flüchtenden umzugehen und diese möglichst lebensecht und ohne Einfluss zu nehmen in der Umgebung, in der sie ankommen, darzustellen. Statt die Situation der Geflüchteten zu dokumentieren und außen vor zu bleiben, erwartet er etwas von den Menschen, die ihn anschauen, er fordert.

    Er ist ein Aufruf zum Widerstand gegen Regierungen, die sich nicht an die Gesetze halten, die sie selbst gemacht oder zumindest ratifiziert haben. Er will Menschen animieren, sich zu engagieren, um die Menschenrechtskonvention und besonders die Kinderrechte, wie sie ratifiziert worden sind, zu erhalten und ihre Anerkennung einzufordern.

    Er versteckt nicht, dass er das will, und der Zweck scheint die Mittel zu heiligen. Verwendet werden auch Bilder, die fast plump wirken, ein Nachrichtenausschnitt, der unkommentiert eingesetzt wird, Sprache wie in der Werbung, lachende geschminkte Kindergesichter, ein von Hand gemaltes Poster der Enkelin von Redgrave, eine Mutter auf einem Strand mit einer Träne im Gesicht, die in eine Wärmedecke eingehüllt ihr Kind an sich drückt. Bilder, wie sie in den Tagen, in denen die Flüchtlingskrise als Krise noch in aller Münder war, an der Tagesordnung waren, die trotzdem nichts von ihrer Brisanz verloren haben. Bilder die, besonders weil sie Kinder abbilden, etwas in den Menschen bewegen. Aber Bilder, die schreien, die etwas wollen.

    Der Film will Emotionen wecken, will aufrütteln, was ihm auch gelingt. Mich persönlich hat der Einsatz dieser Mittel dennoch gestört. Auch die Fiktionalisierung und Dramatisierung von Flucht auf eine solche Art finde ich schwierig, den Einsatz von großen Schauspielern und Schauspielerinnen, um die Masse zu erreichen, fraglich. Wenn Kinder in Kampagnen vorkommen, kommt mir das unmoralisch vor, auch wenn es dabei um eine gute Sache geht. Es ist die Frage nach dem Hintergrund, warum Kinder so eingesetzt werden, die mich beunruhigt.

    Für Kinder muss man mehr tun als für Erwachsene, scheint der Film zu sagen. Die Frage, warum die Flucht für ein Kind schlimmer sein soll als für einen Erwachsenen, stellt man nicht. Sie sind schutzloser vielleicht. Aber darf das einen Unterschied machen?
    Trotz meiner Kritik an der Inszenierung des Themas ist „Sea Sorrow“ ein Film, den man sich ansehen sollte. Weil es gerade im heutigen politischen Klima wichtig ist, Position zu beziehen. Und Vanessa Redgrave auf großartige Weise ganz eindeutig Position bezieht.
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    (Irene Hetzenauer)
    30.10.2017
    14:48 Uhr
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