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  • Bewertung

    Ein Musical der etwas anderen Art

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Bruno Dumont präsentierte der Welt dieses Jahr sein neues Werk „Jeannette - L’Enfance De Jeanne D'Arc“, welches dort aufhört, wo die meisten Erzählungen über die Nationalheilige Jeanne d'Arc erst ansetzen. Der Einzug einer jungen Frau in den Hundertjährigen Krieg, die die Intension pflegt ihre Nation zum Sieg zu führen. Die Literaturvorlage stammt von Charles Peguy und thematisiert die Kindheit und Jugend der künftigen Nationalheldin. Keine schweißtreibenden, blutigen Schlachtszenen oder ähnliches was man mit der tapferen Kämpferin in Verbindung bringen würde, werden hier inszeniert. Vielmehr zeichnet er ein Bild von Jeanne d'Arc, als sie noch nicht die war, für die sie bekannt und verehrt wurde. Denn auch eine Legende steckte einst in den Kinderschuhen, oder in Jeannes Fall barfuß tanzend in der sandigen Prärie.

    Der Film handelt sich zwar um ein Musical, doch überrascht dieses mit schrägen Kompositionen und noch abstruser wirkenden Choreographien und unterläuft somit zu Beginn jegliche Erwartungshaltungen seitens der Zuschauerinnen und Zuschauer. Von den meist kitschig inszenierten Musicals, die sich ebenfalls einer literarischen oder sogar historischen Vorlage bedienen, hebt sich „Jeannette“ deutlich ab. Es ist so ungewohnt und anders, dass ein Vergleich in jeglicher Hinsicht zum Scheitern verurteilt wäre. Doch genau das hat der Film auch gar nicht nötig, denn man kann wohl getrost behaupten, dass man einen solchen Musikfilm noch nie zuvor gesehen hat und somit sowieso außer Konkurrenz steht. Ob einem diese einzigartige Inszenierung wiederum gefällt, ist eine andere Frage. „Jeannette“ ist durchweg von Laiendarstellerinnen und -darstellern besetzt, die zu experimenteller elektronischen Musik von Igorrr gesanglich sowie tänzerisch improvisieren. Dadurch befreit sich Dumont vom Streben nach Einheitlichkeit und Perfektionismus, sowie es oft an Musicals behaftet ist, und präsentiert ein Stück, welches so unfertig wirkt, wie der sich noch in der Entwicklung befindliche Werdegang von Jeanne d'Arc selbst. Alle Gesangseinlagen wurden per Direktton aufgezeichnet und später in der Post-Produktion mit den Playbacks der experimentellen Musik von Igorrr, die die Darstellerinnen und Darsteller während den jeweiligen Performances durch einen Knopf im Ohr zur Orientierung hörten, untermauert.

    Ein musikalischer (rockiger) Schrei Jean d'Arcs, gruppendynamisches Head-Banging und unbeholfene Rap-Einlagen gepaart mit skurrilen an Hip-Hop erinnernde Moves gab es in solch einer Kombination wohl noch nie zu sehen. Sowohl der amateurhaft wirkende Charakter des Gesangs und der Tänze, als auch die Wahl der eigenwilligen, elektronischen Musik erzeugen einen Verfremdungseffekt der Thematik rund um die historische Jeanne d'Arc. Doch trotz anfänglicher Bedenken lässt sich im Verlauf des Films feststellen, dass die Auswahl an Laiendarsteller, Musik, Choreographien und schlichter Location die Gefühle und Anliegen der jungen Jeannette, aus der sich eines Tages Jeanne d'Arc entwickeln wird, perfekt transportieren und paradoxerweise die durch die Verfremdung erzielte Distanz immer weiter aufhebt. Im Gegensatz dazu wirkt die Kameraführung und die dadurch entstandenen Bilder der Szenerie ganz und gar nicht amateurhaft und verleihen dem eigentlich sehr anspruchsvollen Thema eine verdiente, seriöse Ernsthaftigkeit, die die leichtfüßige Umsetzung ergänzt und im Zusammenspiel sehr gut harmoniert.
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    (Susan Häußermann)
    14.11.2017
    15:17 Uhr