Die Oscarnominierungen 2019 stehen fest.
Bilder: Prokino, Thim Filmverleih Fotos: Prokino, Thim Filmverleih
  • Bewertung

    Im Schatten einer schillernden Traumwelt

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    US-Regisseur Sean Baker konnte bereits vor wenigen Jahren für weltweite Furore sorgen. Unter dem Titel „Tangerine“ veröffentlichte der Filmemacher im Jahre 2015 nämlich einen Spielfilm, der zur Gänze mit einem iPhone gedreht wurde. Die Tragikomödie über das problematische Leben einer transsexuellen Prostituierten konnte nicht nur aufgrund der experimentellen Ästhetik, sondern auch wegen der sensiblen Herangehensweise an die Transgender-Thematik auf zahlreichen Festivals großes Lob einheimsen.

    Mit seinem neuestem Werk „The Florida Project“ widmet sich Baker nun einer sozialen Randgruppe, der selten Beachtung geschenkt wird. Als Chris Bergoch, der Baker bei seinem neuesten Film als Co-Drehbuchautor zur Seite stand, vor wenigen Jahren auf der Route 192 – nahe gelegen an Floridas Disney World – unterwegs war, stach ihm eine Kuriosität ins Auge. Auf einem Motel-Parkplatz sah er wie mehrere Kinder mit ihren Eltern spielten. Da diese jedoch keinerlei Disney-Merchandise mit sich trugen und sich kaum vom Fleck bewegten, war sich Bergoch sicher, dass es sich hierbei nicht um Touristen handeln würde. Bei genauer Recherche fand er heraus, dass tatsächlich mehrere ärmer bemittelte Familien in diesen Motels sesshaft sind. Der Gedanke, dass all dies ausgerechnet im Schatten von Disneys Cinderella Castle, einem der vermeintlich magischsten und schillerndsten Orte der Welt, passieren würde, ließ Bergoch einfach nicht los. Schon kurze Zeit nach seiner ersten Begegnung mit dieser ihm zuvor fremden Subkultur, begann er mit seinem ehemaligen Universitäts-Kollegen Sean Baker an einen Spielfilm zu schreiben, der eben diese in billigen Motels lebenden Familien ehren sollte.

    Die Rahmenhandlung von „The Florida Project“ erstreckt sich über mehrere Sommertage und konzentriert sich in erster Linie auf das 6-jährige Mädchen Moonee (Brooklynn Prince). Moonee lebt mit ihrer arbeitslosen Mutter Halley (Bria Vinaite) sowie anderen Langzeitgästen zusammen im „The Magic Castle“-Motel, das sich ironischerweise ausgerechnet in der Nähe von Floridas Disney World Resort befindet. Trotz ihrer fragwürdigen Lebensverhältnisse handelt es sich bei Moonee um ein aufgewecktes Mädchen, das mit ihren Freunden Scotty und Jancey stets auf der Suche nach neuen Abenteuern und Späßen ist.

    Als der Film im Mai im Rahmen der „Directors Fortnight“ bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte, wurde Sean Bakers neuestes Werk bereits mit vielerlei Vorschusslorbeeren übersehen. Ich kann dem Lob zum Großteil nur beipflichten, denn „The Florida Project“ ist ein wahrlich tolles Drama geworden, das trotz der tristen Thematik zumeist das Schöne im Grauen findet.

    Hierbei sei gleich vorweg zu nennen, dass die Schönheit des Films unter anderem auf alle Fälle auf die farbenfrohe Ästhetik zurückzuführen ist. Im Gegensatz zu „Tangerine“ entschied sich Baker dazu, seinen neuesten Film nicht auf einem Smartphone zu filmen, sondern auf analogen 35-mm. Die hierbei eingefangenen Aufnahmen strotzen nur so vor Farbpracht. Da der Großteil des Films aus der Sicht der erst sechsjährigen Protagonistin erzählt wird, verkommen die hochstilisierten Bilder nicht zu Kitsch, sondern dienen viel mehr als Ode an die Unschuld der Kindheit. Im Großteil der Einstellungen steht zumeist eine Farbe oder Form im Vordergrund.

    Ob nun der Orange-Ton eines nahegelegenen Obstmarktes, ein wie eine Eistüte gewundene Ice-Cream-Store oder das Lila des „Magic Castle“-Motels – die Farben und Formen der im Film zu sehenden Gebäude wurden derartig prächtig eingefangen, dass man als Zuschauer beim Betrachten der Aufnahmen fast schon so staunende Kulleraugen bekommt wie die jungen Protagonisten.

    Narrativ gesehen wurde erst gar nicht versucht einen stringenten Plot in Form einer Drei-Akt-Struktur zu erzählen, sondern vielmehr einen authentischen Einblick in das Milieu der Figuren zu bekommen. Besonders positiv sticht dabei die Tatsache ins Auge, dass das Drehbuch keine der handelnden Figuren wertend oder mit erhobenem Zeigefinger behandelt hat. Baker und Bergoch haben sich dazu entschlossen, den Zuschauer in seiner Entscheidung, ob er denn einer Figur gegenüber Empathie empfindet, keineswegs zu manipulieren, was dem Film eine weitere Ebene an Realismus verliehen hat. Zudem werden durch das Auftauchen von Disneyworld-Touristen, die sich im Kontrast zu den ärmlichen Motel-Bewohnern befinden, Fragen nach sozialer Gerechtigkeit aufgeworfen, die zur Zeiten Trumps wohl kaum relevanter sein könnten.

    Die Atmosphäre des Films würde sich jedoch kaum so realitätsnah anfühlen, wäre da nicht die fantastische Besetzung. Die zuvor im Schauspielbereich unerfahrene Bria Vanaite weiß als Halley, die trotz zahlreicher Hindernisse, ihrer Tochter eine gute Mutter sein möchte, durch die Bank zu überzeugen. Zugegebenermaßen hatte ich ein Problem damit, Sympathie zu ihrer Figur aufzubauen, wofür jedoch viel mehr die für mich oft unschlüssigen Handlungen der Mutter und nicht das tolle Schauspiel verantwortlich gemacht werden können. Zwei andere Darsteller im Cast konnten dieser jedoch sogar die Show stehlen. Zum einen wäre das Willem Dafoe, dessen überraschend humane Darbietung als Motel-Manager Bobby Hicks eine der ungewöhnlichsten und zugleich besten Schauspielleistungen in der bereits glorreichen Karriere des Schauspiel-Stars darstellt. Das schauspielerische Highlight des Films war aber überraschenderweise Jungdarstellerin Brooklyn Prince, die mich mit einer der natürlichsten und mit reißendsten Kinderschauspielleistungen der letzten Dekade regelrecht verzaubern konnte.

    Mein einziges gröberes Problem war die Endsequenz des Films, die mir aufgrund des stilistischen Bruchs und der gehetzten Geschwindigkeit der Szene lieblos angetuckert vorkam.

    Abseits dessen ist „The Florida Project“ aber eine wunderschöne Ode an die Kindheit und zugleich authentische Mileustudie einer wenig beachteten sozialen Randgruppe geworden, die durch die fantasievolle Ästhetik und den großartigen Schauspielleistungen auf ein weiteres Level an Qualität gehoben wird. Ein cineastischer Genuss!
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    (Christian Pogatetz)
    30.10.2017
    19:50 Uhr