Bilder: Universum Film Fotos: Universum Film
  • Bewertung

    Das Monster im Menschen

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Es kommt immer wieder vor, dass Filme durch irreführendes Marketing nicht ihr richtiges Zielpublikum erreichen. Ein prominentes Beispiel hierfür aus den letzten Jahren dürfte wohl Harmony Korines „Spring Breakers“ sein. Obwohl es sich beim Film um eine artistische Dekonstruktion des amerikanischen Traums handelte, erwarteten sich zahlreiche Leute ob der Schauspielerriege rund um ehemalige Disney-Sternchen wie Selena Gomez oder Vanessa Hudgens und einem unpassend geschnittenen Trailer eine Mainstream-fähige Party-Komödie. Dementsprechend waren Zuschauer vom fertigen Produkt eher verstört als angetan und trotz positiver Kritiken verbreitete sich schon bald negative Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb der eigentlich vermarkteten Zielgruppe.

    Ein ähnliches Schicksal musste Filmemacher Trey Edward Shults („Krisha“) bei der US-Kinoveröffentlichung seines Endzeit-Horror-Dramas „It Comes At Night“ erleiden. Wurde der Streifen nach ersten Screenings bei zahlreichen Festivals noch von Kritikern mit Lobeshymnen versehen, nahmen ihn Zuschauer beim US-Wide-Release im Sommer letzten Jahres sehr verhalten und konfus auf. Der Grund dafür: Mit dem Trailer wurde versucht, „It Comes At Night“ als handelsübliches „Creature feature“ zu verkaufen, obwohl das eigentliche „Monster“ im Film ein komplett anderes ist.

    Aber zunächst: Worum geht es überhaupt?

    Shults erzählt in seinem erst zweiten Spielfilm von einer postapokalyptischen Zukunft, in der eine bestialische Seuche bereits zahlreiche Personen auf den Gewissen hat und das Dasein der übriggebliebenen Menschen bedroht. Unter den wenigen Überlebenden befindet sich unter anderem der Familienvater Paul (Joel Edgerton), der sich gemeinsam mit seiner Frau Sarah (Carmen Ejogo) und deren Teenager-Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr.) in ein abgelegenes Haus inmitten eines Waldes eingenistet hat, um jegliche Gefahren der Außenwelt zu vermeiden. Als eines Tages der junge Vater Will (Christopher Abbott) mit seiner Freundin Kim (Riley Keough) deren Haus entdeckt, gewährt ihnen Paul nach langem Hin und Her Schutz und Unterschlupf. Doch schon bald dringt durch die neuen Mitbewohner Paranoia ins Eigenheim ein und es verbreitet unter ihnen nach für nach großes Misstrauen.

    Anders wie das Marketing suggerieren möchte, geht die Gefahr und der Horror in „It Comes At Night“ nicht in erster Linie von irgendwelchen Kreaturen aus, die außerhalb des Waldhauses lauern, sondern tatsächlich von den menschlichen Protagonisten selbst. Für diese Herangehensweise orientierte sich Shults offensichtlich stark an George A. Romeros Genre-Meilenstein „Night of the Living Dead“. Wie in Romeros Zombie-Klassiker verschanzen sich auch hier während einer paranormalen Endzeit-Katastrophe in der Außenwelt mehrere sich unbekannte Leute in ein Gebäude und misstrauen einander von Minute zu Minute mehr. Shults hat hier ein Abbild des narzisstischen Monsters in uns selbst kreiert und zeigt wie die Spezies Mensch sogar in den extremsten Situationen nicht mit, sondern gegeneinander arbeitet. Im Gegensatz zu „Night of the Living Dead“, der vom Anfang bis zum Ende ein auch aus heutiger Sicht rasantes Tempo an den Tag legt, baut sich die Paranoia hier recht langsam auf.

    Um ein sich anschleichendes Gefühl von Beklemmung zu kreieren, hat sich Shults einer tristen Farbgebung, fantastisch einengenden Bildern und einem bedrückenden Sounddesign bedient. Die inszenatorische Raffinesse gepaart mit fantastischen Schauspielleistungen vom gesamten Cast (Joel Edgerton und Kelvin Harrison Jr. können insbesondere brillieren) zeichnet sich für die herrlich paranoide Atmosphäre verantwortlich, die Szene für Szene kreiert wird. Das gemächliche Tempo wird zugegebenermaßen die Geduld einiger Zuschauer auf die Probe stellen, wenn man sich jedoch auf die beschleichende Paranoia im Film einlassen kann, wird man besonders gegen Ende mit nervenzerreißendem psychologischen Horror belohnt.

    Nun kann man das innermenschliche Drama im Film natürlich auch als aktuelles gesellschaftspolitisches Kommentar auf Angst und Misstrauen gegenüber Flüchtlingen lesen, die Interpretation sei hierfür aber natürlich jedermann selbst überlassen. Zwischen dem sich anbahnenden menschlichen Drama spielen auch Traumsequenzen eine zentrale Rolle. Diese wirken aber einerseits bedeutungsschwanger und lassen sich nicht wirklich in das Geschehen einreihen. Andererseits ist jedoch oft genau die Angst vor dem Unbekannten die, die wir am meisten fürchten, weswegen diese Sequenzen auch gleichzeitig als Sinnbild für die Konflikte außerhalb der Traumszenen stehen können.

    Insgesamt lässt sich also sagen, dass „It Comes At Night“ definitiv nicht alle Zuschauer abholen wird und besonders jene, die sich klassischen rasant erzählten Jump-Scare-Horror erwarten, enttäuschen wird. Wer jedoch genügend Sitzfleisch besitzt und sich auf manch metaphorische Abschweifungen einlassen kann, wird letztendlich mit einem wundervoll in Szene gesetzten und herrlich beklemmenden psychologischen Horrordrama belohnt, in dem der Mensch selbst in die Rolle des Monsters schlüpft.