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  • Bewertung

    Im Warten steht die Zeit still

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Der Regisseur Karim Moussaoui nimmt uns in seinem ersten Langfilm mit in seine Heimat Algerien. Ein Auto fährt durch die Straßen einer Stadt. Im Gesicht des Fahrers hinter der Scheibe spiegelt sich die Stadt ringsum. Mourad (Mohamed Djouhri) ist ein gutgestellter Bauunternehmer, der ein angenehmes ruhiges Leben führt. Er verbringt den Tag mit seiner Ex-Frau, redet mir ihr über den Sohn, der keine Lust auf sein Medizinstudium hat, kommt heim zu seiner französischen Freundin. Es gibt Streit, weil er vergessen hat, sie anzurufen. Er hat sich arrangiert, mit den Frauen, auch mit der Korruption. Als sein Auto eine Panne hat und er im Dunklen Zeuge einer Schlägerei wird, bei der ein Mann liegenbleibt, fährt er mit dem Taxi nach Hause, ohne etwas zu tun. Erst am nächsten Tag, als es zu spät ist, spürt er die Erschütterung.

    Mohamed Djouhri, der den Vater spielt, war von allen Protagonisten für mich die größte Entdeckung. Hinter seinem ruhigen Gesicht, das die Spuren eines Lebens trägt, in dem schon viel passiert ist, zeigt sich ein Zwiespalt im Stillstehen. Er wünscht sich Veränderung, aber ihm fehlen die Möglichkeiten. Als er jung war, sei auch er noch auf den Straßen spazieren gegangen und hätte nachgedacht, sagt ihm seine Ex-Frau, als er die Jugend wegen ihrer Perspektivlosigkeit kritisiert. Moussaoui verknüpft die Geschichte des Bauunternehmers mit der eines jungen Mannes, der die Nachbarsfamilie zur Hochzeit der Tochter aufs Land fährt, und der eines Arztes, der sich plötzlich mit seiner Kriegsvergangenheit konfrontiert sieht.

    Dabei zeigt er uns ein Land, das von seiner Vergangenheit gelähmt ist. Er lässt uns die Starre spüren, in der die Menschen gefangen sind. Auch da, wo sich Autos bewegen, wo Straßen gebaut werden, wo sich äußerlich Dinge verändern. Gelockert wird die Starre nur in der Musik, in kleinen persönlichen Momenten. Die Bachkantate „Ich habe genug“ gesungen von Fischer-Dieskau begleitet die Protagonisten in den Momenten, in denen sie der Welt entkommen. Das schnürt aber das gesellschaftliche Korsett, in dem sich alle befinden, nicht auf.

    Mich hat der Film an das Märchen von der Schneekönigin von Hans Christian Andersen denken lassen. So als hätte ein ganzes Land einen Splitter im Herzen, wäre dadurch blind geworden, und warte darauf, dass jemand kommt, um ihn herauszuziehen. Dieses Gefühl hat mir der Film vermittelt und mich auf eine gewisse Weise ratlos zurückgelassen.
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    (Irene Hetzenauer)
    14.11.2017
    22:53 Uhr
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