Kritik
Bilder: Amazon Studios Fotos: Amazon Studios
  • Bewertung

    Eine Liebeserklärung an New York

    Exklusiv für Uncut
    Todd Haynes’ neues Filmwunder hat leider keinen Starttermin in Österreich, durfte aber zumindest in Wien im Rahmen der Eröffnung der Todd Haynes-Retrospektive im Filmmuseum auf der Leinwand bestaunt werden. Haynes und „Wonderstruck“ haben schon eine (Festival)Reise hinter sich, der Film lief nämlich unter anderem in Cannes. Die Endstation dieser Reise wird wohl Amazon sein, denn Amazon Studios vertreibt den Film. Sehr schade eigentlich, denn der Film büßt bestimmt etwas von seinem Wunder ein, sieht man ihn nur auf dem kleinen Schirm.

    „Wonderstruck“ ist eine Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs des „Hugo Cabret“-Autors Brian Selznick, der auch das Drehbuch zum Film schrieb. Erzählt werden zwei Geschichten gleichzeitig. 1927 büchst ein taubes Mädchen (Rose) von zuhause aus, um in New York City nach der mysteriösen Schauspielerin Lillian Mayhew zu suchen. Fünfzig Jahre später führt es auch einen tauben Jungen (Ben) nach New York. Auch er ist auf der Suche nach seinem Vater. Beide Kinder landen auf ihrer Suche im selben Museum, um dort zwar nicht das zu finden, was sie suchen, aber zumindest einen Teil ihrer Selbst.

    Die Geschehnisse im New York des 1927 sind optisch in schwarz-weiß gehalten und ahmen einen Stummfilm nach, das New York des 1977 strotz nur so vor Technicolor. Der Film ist nicht nur ein Porträt zweier Kinder, sondern auch ein Porträt einer Stadt zu zwei verschiedenen Zeitpunkten. Hayness nannte Selznicks Romanvorlage eine „Liebeserklärung an New York“ und daran orientiert sich auch seine Adaption. Wonderstruck ist aber auch eine große Liebeserklärung an Museen geworden.

    Der neue Film des Carol-Regisseurs ist genauso schön anzusehen wie seine früheren Werke, traut sich aber auch, etwas Neues zu probieren. Zum einen arbeitet Haynes erstmals mit Kindern. Irgendwas von diesen zwei Jungs, die im New York der 70er durch die Stadt laufen, trifft den Nerv unserer Zeit. Kinder in cooles Retrogewand zu stecken scheint eines der Erfolgskonzepte der letzten Jahre zu sein. Es begeisterte schon bei „Stranger Things“ und bei Stephan Kings „Es“. Und es begeistert auch in „Wonderstruck“.

    Zum anderen sind wir zwar von Haynes ruhige Filme gewohnt, jedoch keine so wortkargen. Da Teile des Films in den 20er Jahren spielen, lag eine Hommage an den damals populären Stummfilm nahe. Haynes geht aber noch viel weiter: Er macht aus Wonderstruck selbst eine Art modernen Stummfilm. Da die zwei Protagonisten taub sind, wurde beschlossen an Dialogen zu sparen und die Filmmusik als wichtigstes Mittel des Erzählens in den Mittelpunkt zu rücken, wie es bei Stummfilmen üblich ist. Carter Burwell, der schon öfter für Haynes Filmmusik komponiert hat, wurde auch diesmal damit betraut und erbringt eine Glanzleistung. Die Musik baut Spannung auf und ab, ist erwartungsvoll und schmettert unsere Erwartungen wieder nieder.

    Das dialogarme Erzählen ist aber nicht nur eine Herausforderung für die Filmmusik, sondern auch für die Darsteller. Millicent Simmonds (Rose) und Julianne Moore (als Stummfilm-Ikone) sprechen kein Wort, aber sagen mit ihren Augen, ihrer Mimik und ihren Gesten so viel.

    Obwohl Selznicks Romanvorlage ein Kinderbuch ist, beschränkt sich Haynes nicht darauf, einen Kinderfilm zu machen. Man könnte eher sagen, „Wonderstruck“ ist ein Kinderfilm für Erwachsene. Auch wenn junges Publikum auf seine Kosten kommt und ein wunderbares Abenteuer zweier Kinder vorgesetzt bekommt, wurden einige Details eingebaut, um erwachsenes Publikum zu amüsieren. Zum Beispiel findet sich über einem Kinoeingang der Schriftzug „Captain Lust“ - eine Anspielung auf die blühende Pornoindustrie der 70er-Jahre.

    Todd Haynes hat mit „Wonderstruck“ wieder alles richtig gemacht und einmal mehr bewiesen, dass er einer der ganz großen Regisseure unserer Zeit ist. Großartige Bilder, visuell spannende Experimente, ein berührendes Drehbuch, Filmmusik, die unter die Haut geht, und ein Ohrwurm von David Bowies „Space Oddity“ machen den Film zu einem wahren Vergnügen.
    herzchen
    (Marina Ortner)
    04.10.2017
    13:19 Uhr