Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Liebe und Enttäuschung waren selten so schön

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2017
    Der italienische Regisseur Luca Guadagnino hat André Acimans gleichnamigen Roman adaptiert und entführt uns in die Idylle des italienischen Sommers. Satte Farben in wunderschönen Aufnahmen sorgen für die perfekte Urlaubsstimmung - auch beim Publikum. Elio, der 17-jährige Protagonist, vertreibt sich die Zeit mit Lesen und Plantschen. Das vermittelt dieses Gefühl eines endlosen Sommers, den es zu vertrödeln gilt. Als der Sommergast seines Vaters anfängt, ihm dabei Gesellschaft zu leisten und die zwei in einem Café sitzen und Oliver fragt, was man im Sommer hier so macht, antwortet Elio, man warte hier einfach bis der Sommer vorbei ist. Das erste Drittel macht gefühlt genau das: Zeit vertrödeln, einen perfekten Sommertag nach dem anderen und tut dies unter großartiger Regie. Die Leinwand gehört schon von Beginn an hauptsächlich Elio und Oliver. Man spürt, irgendwas passiert mit den Charakteren, aber man weiß nicht was. Der 17-jährige Elio ist im Sommer seines sexuellen Erwachens, nach Oliver drehen sich ohnehin alle Köpfe um. Dass die zwei so viel Zeit miteinander verbringen, lässt vermuten, dass sie sich ineinander verlieben könnten, aber es scheint auch einen Machtkampf zwischen ihnen zu geben. Gleichzeitig sind die Charaktere seltsam distanziert zueinander, obwohl sie fast in allen Szenen gemeinsam sind. Ab der Hälfte des Filmes bestätigen sich erste Verdachte, Elio ist homosexuell. Und Oliver ist es auch. Obwohl im ersten Drittel des Film kaum etwas passiert, wird so viel erzählt. Obwohl nichts offen angesprochen wird, ist alles gesagt. Die Spannung liegt in der Charakterkonstellation von Elio und Oliver und die beiden jungen Männer sind zwei der bestgeschriebensten Charaktere seit langem. Hauptsächlich auch deswegen, weil der Film sich die Zeit nimmt, sie zu entwickeln, anstatt sie dem Publikum einfach hinzuklatschen und handeln zu lassen.

    Irgendwann passiert es aber dann doch. Elio sammelt den Mut zu handeln, nachdem seine Mutter ihm eine Geschichte vorliest, über einen Ritter, der reflektiert, ob es besser ist zu sprechen oder zu sterben. Da der Film in den 80ern spielt, stellte sich mir die Frage, wie auf die Romanze der zwei Männer reagiert werden würde. Denn die zwei treffen sich heimlich, sind dabei aber nicht gerade vorsichtig und lieben sich etwa bei offenem Fenster in Elios Elternhaus. Allein schon was ihre Homosexualität betrifft, wäre da so viel Konfliktpotenzial. Doch der Film vermeidet genau das. Er wird zu keiner Zeit politisch, Homosexualität wird niemals zum Konflikt, es geht lediglich um zwei Menschen, die gegenseitig ihre Zuneigung suchen. Keine Eltern, die sich dagegen auflehnen, keine eifersüchtigen Mädchen, die die Jungs lieber bekehren würden. Dadurch wird dem Zuschauer erlaubt, sich ganz in diese Romanze fallen zu lassen und sie zu genießen, so wie es auch Elio und Oliver tun. Die Konflikte sind jeweils in den zwei jungen Männern selbst – Unsicherheit, Angst, Enttäuschung. Aber nicht auf eine Art, in der sie die Sommerlaune und die Romantik trüben könnten. Im Gegenteil, der Film zieht sogar sehr viel seiner Kraft daraus, alle Gefühle schön zu finden, auch oder vor allem den Herzschmerz.

    Vieles, um nicht zu sagen alles, macht „Call me by your name“ zu einem cineastischen Vergnügen. Timothée Chalamet als Elio ist eines der großen Nachwuchstalente, die man im Auge behalten sollte. Und auch der restliche Cast leistet viel. Zärtlichkeit war selten so authentisch auf der Leinwand, sei es zwischen zwei Liebenden oder zwischen Eltern und ihrem Kind. Jede Berührung berührt auch das Publikum. Großartiges Kino!
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    (Marina Ortner)
    15.02.2017
    08:45 Uhr