Kritik
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  • Bewertung

    Achterbahnfahrt des Selbstmitleids

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2017
    „Das wird Leserproteste geben“, versucht Musikkritiker Georg seinen Job bei einer Wiener Qualitätszeitung zu retten. „Die meisten Ihrer Leser sind schon tot“, lautet die nüchterne Antwort seines Chefs. Diese Kündigung ist der Auftakt zu einem wilden Trip, in dem Georg arbeitslos, verwirrt und sich mit angeknackstem Ego immer mehr ins Selbstmitleid hineinsteigert, seiner Frau Johanna die Tatsache verschweigt, dass er keinen Job mehr hat und Tag um Tag im Prater herumstreunert. Dort fährt er um gutes Trinkgeld mit der Liliputbahn und trifft so auf seinen alten Schulkollegen Erich, ebenfalls ein gesellschaftlicher Versager. Mit ihm rächt er sich durch eine Sachbeschädigung an seinem Ex-Chef und beginnt die Achterbahn „Wilde Maus“ wieder in Betrieb zu nehmen.

    Ganz gemäß des Themas „Achterbahn“ schlägt der Film auch inhaltlich immer wieder inhaltliche und charakterliche Haken. Gibt es zu Beginn noch einen sehr linearen Verlauf, der in Georgs Kündigung und Emotionsausbruch endet, so verstreut sich die Handlung im zweiten Akt immer mehr. Georg wandelt zwischen Selbstzerstörung, Rache aber auch Hilfsbereitschaft gegenüber Erichs rumänischer Freundin, die versucht sich eine Zukunft aufzubauen. Es ist schwer Georg wirklich sympathisch zu finden, andererseits fühlt man mit diesem Mann, der nichts Besseres mit sich anzufangen weiß als am Prater herumzusitzen und seinem Chef das Auto und die Wohnung zu zerstören. Ähnliches gilt für den Handlungsbogen seiner Frau Johanna. Zu Beginn noch vom Kinderwunsch besessen, durchlebt sie ihren eigenen Wandel, nachdem sie sich von Georg vernachlässigt und belogen fühlt. Wohin diese Reise sie führt, bleibt jedoch unklarer als Georgs Entwicklung. Sie freundet sich mit einem schwulen Patienten an und geht auf Studentenpartys im Stockwerk über ihrer Wohnung. Wer sie am Ende ist und ob sie zu sich findet, bleibt unbeantwortet.

    Haders Drehbuch hält sich in guten und schwächeren Ideen die Waage. Mit bissigen Kommentaren zeigt er etwa auf, wie die Justiz ein Auge zudrückt, wenn der Polizist ein Fan des Angeklagten ist. Im Gegenzug dazu werden andere interessante Ideen nicht weiterverfolgt. Der Sushi-Koch in dem Restaurant, zu dem Georg und Erich regelmäßig gehen, übt ebenfalls an Georg Rache, da dieser anscheinend mit einer Kritik seine musikalische Karriere ruiniert hat. Haders Figur wird somit ein Spiegel vorgehalten, aber er verfolgt diese Idee nicht weiter und lässt sie im Raum stehen. Ein bisschen mehr Fokus hätte dem Film gutgetan, sowie ein weniger versöhnliches Ende. Wer den österreichischen Film und einen satirischen Blick auf die österreichische Mittelschicht schätzt, ist hier dennoch gut bedient.
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    (Susanne Gottlieb)
    17.02.2017
    15:42 Uhr
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