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  • Bewertung

    Stationen aus dem Leben eines Heimatlosen

    Exklusiv für Uncut
    Stefan Zweig gehört zu den wohl bekanntesten Schriftstellern des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts und wurde neben seiner viel beachteten Tätigkeit als Literat auch als kompromissloser Vertreter des Pazifismus bekannt. Unter dem Druck des aufkeimenden Nationalsozialismus und des bevorstehenden Anschlusses Österreichs an Nazi-Deutschland floh Zweig über viele Stationen schließlich nach Brasilien, wo er sich im Februar 1942 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Charlotte das Leben nahm. Die Regisseurin Maria Schrader montiert in ihrem Film über Stefan Zweig einige ausgewählte Stationen aus der Zeit des Exils während des zweiten Weltkrieges. In diesem kurzen Episoden lernen wir Zweig als einen Intellektuellen kennen, der an die Kraft des friedlichen Diskurses und Widerstandes lange Zeit seines Lebens glaubte, gegen Ende jedoch wohl an der Trostlosigkeit der Ausmaße, die die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten angenommen hatte, zerbrach und sich das Leben nahm. Wie kaum ein anderer verstand es Zweig, Worte mit faszinierender Präzision zu einem sprachlichen Kunstwerk zu verbinden, in dessen Ausdruck sich stets mehr als nur das Erzählte wiederspiegelte. Hätte ihn seine Zeit in Freiheit wirken lassen und wäre ihm ein anderes Schicksal beschieden gewesen, hätte er wohl einen Nobelpreis verdient. Josef Hader schlüpft in die Rolle des großen, aber zugleich tragischen Literaten mit überraschender Leichtigkeit. Seine Darstellung des Stefan Zweig ist tiefgründig, mimisch und gestisch in ihrer Ruhe mitreißend und in der stets mitschwingenden Melancholie beeindruckend. An seiner Seite überzeugte mich besonders die junge Deutsche Aenne Schwarz als seine Frau Charlotte, die in der Schwüle Brasiliens aufblühte und in der Kälte New Yorks beinahe zugrunde ging. Die Vielfalt der gesprochenen Sprachen im Film ist für jene, die sie großteils beherrschen, ein besonderer Genuss, für alle übrigen heißt es fleißig Untertitel lesen, was mit der Zeit womöglich mühsam werden könnte. Gleichzeitig gibt diese Originalität dem Film auch seine starke Authentizität und unterstreicht Zweigs Vision von einem Europa der Vielfalt, das versöhnt miteinander und ohne Grenzen in Frieden bestehen kann. Zugleich dient der Film auch als Exempel dafür, was es heißt, als Flüchtling ohne Heimat leben zu müssen - mit großzügigen finanziellen Mitteln zwar, aber dennoch heimatlos.
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    (Markus Löhnert )
    02.06.2016
    23:28 Uhr
    Draco dormiens nunquam titillandus.
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