Filmkritik zu Sully

Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
  • Bewertung

    Der Held, der keiner sein wollte

    Exklusiv für Uncut
    Für gewöhnlich erleben wir die Helden der Geschichten, die im Kino erzählt werden, als Protagonisten mit einem Hang zur Selbstdarstellung bzw. mindestens der Neigung, die ihnen zuteil werdende Aufmerksamkeit als angenehm zu empfinden. „Sully“, der Pilot des US-Airways-Fluges 1449, der am 15. Jänner 2009 einen voll besetzten Airbus 320 sicher auf dem Hudson-River aufsetzte, ist das genaue Gegenteil davon. Nicht nur, dass ihn die Ereignisse trotz jahrzehntelanger Erfahrung verwirren und ihm seine Nerven den Schlaf rauben, auch die öffentliche Aufmerksamkeit ist etwas, mit dem er nicht wirklich umgehen kann und eigentlich auch nicht will.

    So gesehen hat Sully in Clint Eastwoods neuestem Film etwas mit dem Regisseur gemeinsam: gut habe ich noch in Erinnerung, wie unangenehm es Clint Eastwood zu sein schien, im Rampenlicht zu stehen und von allen verehrt zu werden, als ich ihn vor einigen Jahren auf der Berlinale erlebt habe. Und zugleich sind (fast) alle seiner Filme handfeste Beweise seines Könnens. Es ist ihnen dieser unaufgeregte und zugleich auf das ganz Wesentliche schauende Stil gemeinsam, der sie in ihrer Inszenierung oft schlicht und gradlinig, in ihrer Wirkung auf das Publikum aber zugleich unverwechselbar eindrücklich macht. Und so ist es auch diesmal dieser besondere Stil des alten Meisters, der diesen Film, der genauso eine kitschige Fernsehproduktion hätte werden können, zu etwas Besonderem und Sehenswertem macht. Akribisch genau hat Eastwood die Ereignisse im Cockpit rekonstruiert. Damit macht er natürlich Luftfahrtbegeisterten wie mir eine große Freude - zugleich aber gibt er dem Erzählten so eine gnadenlose Ladung Realismus und braucht keine Schnörksel drum herum, um sein Publikum zu fesseln und mit dem Piloten, seinem First Officer und der ganzen Crew sowie den Passagieren mit zu bangen, zu hoffen und das Unfassbare schließlich zu begreifen versuchen: wir haben es überlebt.

    Filmisch hat sich Eastwood diesmal sündteure IMAX-Digitalkameras gegönnt und wer den Film in IMAX sehen kann, merkt am hochwertigen Bildmaterial, das hier keine nachträgliche Konvertierung am Werk, sondern schlicht und ergreifend das Beste gerade gut genug war. Ebenso gibt er sich mit der Besetzung keine Blöße: von Tom Hanks abwärts hat Jede und Jeder genau die richtige Rolle und überzeugt von Anfang bis zum Schluss.

    Vielleicht könnte es sein, dass der Film bei Leuten mit sehr geringem Interesse an der Luftfahrt weniger gut ankommt, denn sie könnten sich entlang der vielen technischen Informationen und den damit verbundenen Nachforschungen der NTSB, die in dem Film viel Raum bekommen, langweilen. Aber vielleicht sehen sie sich ja (genauso wie jene mit Flugangst) so einen Film gar nicht erst an. Dem Rest von uns sei der neueste Eastwood jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt - als ideale cineastische Brücke zwischen so manchem lauten Sommerblockbuster und den tendenziell eher ruhigeren Filmen rund um Weihnachten.
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    (Dr. Markus Löhnert, MA)
    01.12.2016
    22:43 Uhr
    Draco dormiens nunquam titillandus.
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