Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Schattenseiten der NFL

    Exklusiv für Uncut
    Ein Blick ins Reich der Tiere: Steinböcke kämpfen miteinander, indem sie ihre Köpfe und Hörner aneinanderschlagen und der Specht klopft ca. 12.000-mal pro Tag mit seinem Schnabel gegen die Rinde eines Baumstamms. Im Vergleich zum Menschen verfügt der Specht allerdings über eine Art Dämpfung, eine Federverbindung zwischen Schnabel und Hirn. Der Aufprall wirkt sich nicht direkt auf eine Erschütterung des Gehirns aus. Diesen Vergleich nutzt der Neurowissenschaftler Dr. Bennet Omalu (stark gespielt von Will Smith und belohnt mit einer Golden-Globe-Nominierung) in diesem Sport-Drama, um seine Theorie der Chronisch-traumatische Encephalopathie (CTE) zu erklären. „Erschütternde Wahrheit“ greift die wahre Begebenheit Omalus auf und stellt seine Forschung und den darauffolgenden Kampf gegen die NFL-Institutionen dar. Zur Entlastung für die Zuschauenden von den aufwühlenden Erkenntnissen bekommt Omalu eine fiktive, private Nebenhandlung, in der er eine Frau kennen und lieben lernt.

    Um die Authentizität des historischen Settings zu wahren, verwendet der Film vermehrt originale Clips aus der NFL. Nicht nur damit grenzt er sich zu vielen weiteren Football-Filmen ab, wir sehen keine Trainings, keine Identifikation mit Spielern oder Trainern, kein inszeniertes Footballspiel, keine Business-Prozesse der NFL-Welt, sondern gehen eine weitere Stufe zurück und betrachten die medizinischen Umstände, die diesen Sport begleiten. Das Spielprinzip geht nun mal von der Vorgabe aus, dass ein Spielzug erst abgeschlossen ist, wenn der balltragende Spieler mit Knie oder Ellenbogen den Boden berührt. Und ohne gegnerische Einwirkung würde der Spieler dies nicht tun, weshalb es immer zu Kontakt kommt. Die Debatte um den besten Schutz der Spieler vor dieser Einwirkung wird kontrovers geführt, viele wollen ihren Sport nicht zu einem „Tussensport“ verkommen lassen. (Leider unkommentiert wird die sexistische Maskulinität auch in diesem Film aufgegriffen.) Dennoch musste die NFL reagieren und sogenannt Helmet-to-Helmut-Tackles werden inzwischen bestraft und sind nahezu verpönt. Auch das Concussion Protokoll hilft dabei, Gehirnerschütterungen im Spielverlauf zu erkennen und die entsprechenden Spieler aus dem Spiel zu nehmen. Dennoch ist das Thema noch lange nicht abgeschlossen. Am 7. April 2021 erschoss der ehemalige NFL-Spieler Phillip Adams sechs Personen. Die Autopsie ergab eine ungewöhnliche starke Form der CTE.

    Kommen wir zum Film zurück. Mitproduziert von Ridley Scott, der auch die Idee für die Verfilmung des Stoffes hatte, fängt die Kamera in wohlgesättigten Bildern die Industrie Pittsburghs ein. Interessanterweise hat Kameramann Salvatore Tonino seine erste, filmische Arbeit bei „An jedem verdammten Sonntag“ abgeschlossen und konnte somit auf seine Footballerfahrung zurückgreifen, wenngleich die Filme kaum unterschiedlicher inszeniert sein könnten. Die Regie ist unaufdringlich und trotzdem eindringlich. Intensive Close-Ups und unzuverlässige, auslassende Nahaufnahmen lassen den Wahnsinn der von CTE betroffenen Spieler nachempfinden. Wir folgen ausführlich den medizinischen Abläufen, wohnen lange einer Autopsie bei und blicken gemeinsam mit Omalu ins Mikroskop. Zur Vorbereitung wohnten Will Smith und Regisseur Peter Landesman sogar einer echten Autopsie vom realen Bennet Omalu bei. Der gesamte Cast hat seine Rollen im Griff und porträtiert selbstsicher. An der Inszenierung ist wenig auszusetzen.

    Leider verschiebt sich die Handlung im letzten Filmdrittel ins Private, das Drehbuch wird nach und nach so konfus wie die betroffenen Spieler, wodurch die kollektive Dimension aus den Augen gerät. Am Ende ist der Film nicht konsequent genug in der Kritik an den Strukturen und dem blinden Konsum der Gesellschaft hinter den Risiken für die Spieler. Omalu betont zwar mehrfach, dass es ihm um eine „Lösung des Problems“ geht, worin genau diese besteht oder welche Folgen eintreten müssen/werden/sollen, wird nicht genannt. Dafür beschränkt sich der Film auf einen privaten Schicksalsschlag und eine diffuse Konfrontation mit der NFL, die mehr oder weniger ins Nichts führt. Ausschließlich kritisch ist der Film auch nicht, dafür steht zu viel auf dem Spiel und Omalus Freundin betont die Schönheit des Spiels.

    Fazit: Ein erstaunlich unamerikanischer Film über ein höchst amerikanisches Thema, der definitiv Stärken aufweist. Insbesondere die erste Filmhälfte mit der Erkenntnis und der Beschreibung der neu entdeckten Krankheit kann überzeugen. Doch es reicht nicht, sich einem wichtigen Thema zu widmen und dieses spannend darzustellen. Wichtige Filme sind nicht zwingend gute Filme. Eine ausgereifte Idee, eine gute Story bis zum Schluss und vor allem Mut gehören auch dazu.
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    (André Masannek)
    06.02.2022
    13:11 Uhr
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