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68.8% Bewertung
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    eyes wide open

    arme gabi kovanda – kassadienst beim diskonter, putzen, waschen, kochen daheim. sugo für den mann, der eh schon auswärts gegessen hat (man kann ja schlecht nein sagen zu den arbeitskollegen), die jeans für den herrn sohn, der ja eigentlich schon so erwachsen ist dass er beim heer dient, seinen grant, von der mutter beim videogame gestört zu werden, aber nicht unterdrücken mag, dazu noch die große, die mit ihrem haberer auch net grad die liebe ihres lebens zu leben scheint. ein besch...eidenes leben, in das sie da hineingeschmissen ist – und dann diese stimmen...

    "warum ich", schreit gabi raus, und nimmt uns mit auf eine odyssee in burgenländische weiten, während brennende thujenhecken oder eine ans letzte abendmahl gemahnende kaffeejause die hand gottes suggerieren. der blick richtet sich nach oben, zu einem möwenschwarm: unerklärlich, mitten auf dem land, der blick kommt von oben, als ob da jemand runterschauen würde auf uns da unten – und der blick geht ins leere, mit weit aufgerissenen augen. schlafen ist nicht mehr – und doch wäre genau das das richtige. und vielleicht ein erlösender fick mit dem verwirrten ehemann.

    markovics liefert mit seiner zweiten regiearbeit (nach dem wunderbaren atmen) einen langsamen, zuweilen langatmigen, aber schön bebilderten film über alltagsroutinen, ehekrisen und die suche nach sinn und glück ab. doch wie gott alles zu sehen, alles zu hören, alles zu wissen muss eine unerträgliche bürde sein... die lösung des metaphysischen disputs ist dann auch eine höchst physische: eine reverenz an eyes wide shut – oder doch die einzig mögliche antwort eines agnostikers?
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    12.05.2015
    21:07 Uhr
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    Supervisor

    Göttliche Midlifecrisis

    Gabi, Supermarktkassiererin im Diskontmarkt, lebt ein einfaches Leben. Arbeiten, Heim kommen, Kochen, Wäsche waschen, Turnen gehen - der Mann arbeitet im Bauhof, der Sohn ist beim Heer und lebt daheim, die Tochter ist schon ausgezogen. Wochenends grillt man im Sommer mit der Familie. Bis eines Tages jemand mit Gabi zu Sprechen beginnt. Sie ist immer abgelenkter, wird paranoid, bis sie erkennt wer mir ihr redet.

    Ulrike Beinpold überzeugt auf ganzer Linie. Sie ist der Fokus und gibt sich authentisch und real. Ich war positiv überrascht, kannt ich sie zuvor ja noch nicht wirklich als Schauspielerin. Rainer Wöss spielt ihren Ehemann, der mit der Situation, in der ihn seine Frau lässt, komplett überfordert ist und mit der Veränderung in seinem Leben - nach Jahrzehnten des gleichen Trotts - nicht klar kommt.

    Wunderbar ist die Kameraführung, die Vogelperspektive, die oft gewählt wird, unterstreicht das Gefühl der Winzigkeit der Welt von Oben.

    Eigentlich geht es in diesem Film ums Glücklichsein - nicht um Gott und Glauben, sondern um das Glück im Leben.
    Gabi ist glücklich, bis sie beginnt daran zu zweifeln und im Endeffekt wieder realisiert, dass sie, sobald sie das Glück sucht, es nicht mehr finden kann.

    Man muss sich auf diesen Film einlassen - er ist definitiv nicht für jeden etwas. Die Geschichte wird langsam erzählt, es bedarf nicht vieler Worte, und es wirkt alles fast banal, wenn man nicht genau darauf achtet, was passiert.
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    26.03.2015
    13:56 Uhr
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    Gott im Kopf einer Supermaktkassiererin

    Superwelt, Karl Markovics neuer Film und Nachfolger von Atmen, durfte die diesjährige Diagonale eröffnen. Diesmal gehts um die Supermarktkassierin Gabi, die nach ihrem unaufregenden Arbeitsalltag heimkommt und weitere unaufregende Stunden beim Waschen, Bügeln und Kochen verbringt. Lustlos knabbert sie jeden Abend an ihrem Knäckebrot mit Hüttenkäse und ihr wöchentliches Frauen-Aerobic bringt vermeintliche Abwechslung in den sonst so monotonen Alltag. Nun wird Gabi aber aus ihrer Monotonie gerissen, ausgerechnet von Gott, der mal so beschießt sich in ihren Kopf einzunisten und mit ihr zu tratschen. Großes hat Gott aber nicht mir Gabi vor, er schickt sie nicht als Prophetin in die Welt, um diese besser zu machen, sondern macht ihr lediglich ihr eigenes Unglück bewusst. Dementsprechend wenig passiert im Film. Und trotz der Bildgewalt und den netten Dialogen, die einem manches Lächeln entreißen und einen kurz zum Nachdenken bewegen, ist da auch viel Leerzeit, die den Film etwas langatmiger macht, als er sein müsste. Trotzdem gelungenes Zweitlingsswerk von Karl Markovics.
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    21.03.2015
    18:06 Uhr
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    Atmet tief Höhenluft ein und aus

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2015
    Vor wenigen Jahren kannten Karl Markovics jene, die ihn überhaupt kannten, als Fernsehpolizist Stockinger oder wenigstens aus dem Oscar-gekrönten Nazi-Film „Die Fälscher“, in der er die Hauptrolle spielte. Eines Tages beschloss er, sich als Regisseur zu versuchen und erntete mit seinem Debüt „Atmen“ einen fulminanten internationalen Erfolg beim Publikum und der Kritik. Kein Wunder also, dass sein nächstes Projekt mit großem Interesse erwartet wurde.

    Dem Transzendenzbezug bleibt er auch diesmal verpflichtet, wenngleich noch ein wenig eindeutiger als in „Atmen“. Wenn es da heißt, es ginge um eine Supermarktkassiererin, die plötzlich die Stimme Gottes hören kann, dann klingt das sehr danach, als hätte Markovics diesmal eine besondere Höhenluft geatmet – tief ein und aus. Und so hat auch sein neuester Film eine ähnliche Bildersprache, die seine Handschrift sofort erkennen lässt und sich doch weiterentwickelt hat. Konsequent blickt seine Kamera von oben auf die Szene herab, wie wenn man vom Himmel auf die Erde blicken würde. Sie ist dabei gerade so weit entfernt, dass man sie nicht mehr wahrnehmen kann und doch so nah, dass es in den Himmel, wie man ihn sich vielleicht vorstellt, noch ein gutes Stück weiter wäre. Ulrike Beimpolt spielt die verdutzte und zunehmend frustrierte „Prophetin“ mit sehr viel Einsatz und überzeugt auf der ganzen Linie. Die Figuren rund um sie herum sind gerade so weit ausgeformt, dass sie ihr zuspielen können, es fehlt ihnen aber die große Charaktertiefe. Zu seiner wirklichen Hochform läuft der Film vor allem in den Szenen auf, in denen große Emotionen (Anklage, Unverständnis, Feuer, Zorn) im Spiel sind und nur auf den ersten Blick lassen sich auch Anspielungen auf Erzählungen aus der Bibel entdecken (der lodernde Cherub, der den Eingang zum Paradies bewacht oder Elijas Berufungsgeschichte um nur zwei Beispiele zu nennen). Insgesamt braucht der Film aber seine Laufzeit von 2 Stunden nicht, um seine Geschichte zu erzählen. Hier gäbe es durchaus Spielraum, um das Tempo ein wenig zu steigern. Die hier in Berlin gezeigte Fassung wirkt eher wie ein „Director’s Cut“ – 100 Minuten wären hier vielleicht ein gutes Maß.
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    10.02.2015
    01:07 Uhr