Forum zu Selma

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86.7% Bewertung
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    Bewegendes, hochklassiges Bürgerrechtsdrama

    1965. Trotz des von US-Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) verabschiedeten Civil Rights Act von 1964 wird in den Südstaaten Schwarzen noch immer die Eintragung ins Wahlregister verwehrt, und ungestrafte Gewalt gegen Schwarze ist trauriger Alltag. Martin Luther King (David Oyelowo) reist in einen Brennpunkt der Ereignisse, nach Selma, Alabama, und will gegen heftigen Widerstand des Gouverneurs (Tim Roth) einen Protestmarsch in die Hauptstadt Montgomery anführen.

    Was soll man sagen? Ein Klassefilm mit durchwegs Klasseschauspielern. Sehenswert, inspirierend, mit vielen bestürzenden Szenen der Gewalt. David Oyelowo vermittelt schon allein mit seiner Stimme großes Charisma (wieder einmal ein Film, bei dem O-Ton ein Muss ist). Wohlweislich beschränkt sich der Film auf eine relativ kurze Zeitspanne und kann darin ins Detail gehen, zeigt Martin Luther King als Mensch und politischen Akteur. Man sieht King beim Streit mit seiner Frau Coretta, bei Strategiebesprechungen mit seinen Mitstreitern, bei seinen Vorsprachen im Oval Office. Durch die laufende Einblendung von Vermerken aus FBI-Akten wird greifbar, unter welchem Druck King stand, und auch, wie nervös die Machtinhaber waren. Selten, dass Weiße in einem Film so negativ gezeigt werden: Fast alle sind sie miese Rassisten, entfesselte Schläger oder verachtenswerte Machtmenschen, denen die Schwarzen jeden Zipfel an Bürgerrechten mit Blut, Schweiß und Tränen abtrotzen müssen – aber es ist auch ein Zeichen für die Qualität des Drehbuchs, dass nicht krampfhaft ein hochanständiger Weißer als Identifikationsfigur hineingeschrieben wurde.
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    18.02.2015
    23:57 Uhr
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    Bewegendes Zeugnis der US-Geschichte

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2015
    Es war in Selma, AL wo sich der Zorn der schwarzen Bevölkerung darüber entlud, dass sie trotz ihrer verfassungsgemäßen Rechte nicht zu den Wahlen zugelassen wurden. Alle Gleichberechtigung vor dem Gesetz ist nur halbherzig, wenn nicht auch alle Bürgerinnen und Bürger der USA ungeachtet ihrer Hautfarbe zu den Wahlen zugelassen sind. Regisseurin Ava DuVernay zeichnet in ihrem Oscar-nominierten Film die Ereignisse rund um den Marsch der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King nach, mit dem sie ihre Forderungen durchsetzen wollten. Herausgekommen ist ein sehr beeindruckendes Drama über ein tief dunkles Kapitel der Geschichte der USA, das bei weitem nicht so lange zurückliegt, wie man vielleicht glauben würde. Unnachgiebigkeit angesichts des Widerstandes der weißen Machthaber, ziviler Ungehorsam und friedlicher Protest führten letzten Endes zum Ziel, wenngleich unterwegs viele Opfer zu beklagen waren, sowohl unter der schwarzen als auch unter der weißen Bevölkerung. Stehende Ovationen gab es bei der internationalen Premiere im Friedrichstadt-Palast für das gesamte Ensemble – und das völlig zurecht.
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    12.02.2015
    00:40 Uhr
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    dezember 1964, martin luther king bereitet sich für die verleihung des friedensnobelpreises vor.
    ortswechsel: ein paar schwarze mädchen, herausgeputzt in weißen kleidchen, gehen eine treppe runter, weiße handschuhe auf dem holzgeländer, weiße strümpfe... eine explosion zerreißt die idylle, trümmer regnen, kinderbeine fliegen...

    selma, alabama: annie lee cooper (oprah winfrey) möchte sich ins wahlregister eintragen lassen. als schwarze muss sie dafür einen besonderen wissenstest bestehen, von fragen zur verfassung bis zur anzahl der bezirksrichter in alabama – weil sie deren 67 namen nicht aufsagen kann, wird ihr das wahlrecht verweigert.

    und der zusammenhang zwischen beiden sequenzen? bei 40000 rassistisch motivierten morden wurde kein einziger weißer verurteilt – weil alle behörden mit weißen besetzt waren, die wiederum von weißen gewählt wurden, und die jury-mitglieder ebenfalls weiß waren, da nur in die jury berufen werden konnte, wer als wähler registriert war...

    märz 1965: MLK, inzwischen "ungeduldig" und nicht länger gewillt, die forderung nach dem wahlrecht nur zu predigen, organisiert – strategisch wohl durchdacht – mitten im rassistischsten süden die märsche der bürgerrechtsbewegung von selma nach montgomery, alabama – erst niedergeknüppelt und mit tränengasgranaten und peitschenhieben von berittenen state troopers blutigst zurückgeschlagen, bereiten sie doch den boden für die durchsetzung des voting rights act 1965.

    wie spielbergs "lincoln" zeigt "selma" auch die politik hinter den kulissen, die absprachen in hinterzimmern und gegenseitigen rücksichtnahmen, etwa in den zähen gesprächen mit präsident johnson – zentrales thema ist jedoch der harte kampf der zivilgesellschaft um mehr gleichberechtigung, der blutzoll der kleinen leute, der ihren gewaltlosen widerstand erst so heroisch wirken lässt, dass sich ihm auch weiße anschließen – und die öffentliche meinung sich gegen die rassistischen gewalttäter und bornierten machthaber richtet: "the biggest weapon is to stay peaceful..."

    NB: wer "selma" mit den heutigen zuständen vergleicht, wird erschüttert feststellen müssen, wie aktuell das thema, und wie brüchig das friedliche zusammenleben ist. aber zumindest in hollywood hat sich eins zum besseren geändert: durch substanzielle drehbuchüberarbeitungen hat regisseurin ava duvernay den fokus von MLKs verhandlungen mit präsident johnson auf den bürgerprotest verlegt – und damit nehmen in "selma" erstmals die schwarzen ihr schicksal selbst in die hand. ob "the help", "12 years a slave", "lincoln" oder "django unchained": bisher war es doch immer ein wohlmeinender weißer, der sich für ihre belange einsetzen musste, oder ein weißer, der der filmgeschichte "einen schwarzen helden beschert" hat. na wenn das kein fortschritt ist...!
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    07.02.2015
    00:25 Uhr