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    Etwas ist faul im Staate Südkorea

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Südkorea zunehmend größer - eine Problematik, die auch die großen Autorenfilmer nicht unadressiert lassen. Bong Joon-ho gewann 2020 für seine ausufernde Klassenkampfparabel „Parasite“ als erste nicht-englischsprachige Produktion den Oscar für den „Besten Film“. Landsmann Park Chan-wook „Oldboy“) skizzierte im letzten Jahr in seinem drastischen „No Other Choice“ den koreanischen Arbeitsmarkt als Haifischbecken, in dem nur die Stärksten überleben. Survival of the fittest. Seine frisch gefeuerte Hauptfigur sieht darin nur einen Weg, seine Konkurrenz auszuschalten: sie buchstäblich auszuschalten. Den thematischen Abschluss dieser unfreiwilligen Trilogie liefert nun Kollege Lee Chang-dong, der mit früheren Festivalgranaten, etwa „Peppermint Candy“ (1999) oder zuletzt „Burning“ (2018), schon außerordentliches Talent bewies.

    Wer mit der Arbeit des heute 72-Jährigen vertraut ist, weiß: mit Subtilität und allegorischen Bildern wird nicht gegeizt. So verzichtet Regisseur Lee in seinem Abgesang auf den Turbokapitalismus Südkoreas auf den – genauso berechtigten – Haudraufansatz seiner berühmteren Landsmänner. Lee hat einen bemerkenswerten Film gedreht, der in üppigen 164 Minuten schleichend, aber umso schauerlicher, die Klassenunterschiede seiner vier Hauptfiguren in Augenschein nimmt.

    Rat mal, wer zum Essen kommt?

    Die gut situierte Dokumentarfilmerin Ye-ji („Parasite“-Star Cho Yeo-jeong) möchte eine Bestandsaufnahme über den „Niedergang“ der koreanischen Arbeitsmoral versuchen. Während der Dreharbeiten verschmilzt ihre und die Lebensrealität von Gatte Sang-woo (Zo In-sung) mit der eines Ehepaars, die finanziell auf der anderen Seite der Münze gelandet sind: Mi-ok (Jeon Do-yeon, die für Regisseur Lee bereits in „Secret Sunshine“ brillierte) und Ehemann Ho-seok (Sul Kyung-gu, Hauptdarsteller aus „Peppermint Candy“), der nach einer Massenentlassung nicht nur seinen Job, sondern auch das Licht hinter seinen Augen verloren hat. Die Paare, so unterschiedlich sie sein mögen, kommen einander näher. Unbefriedigte Gelüste wuchern nach für nach an die Oberfläche.

    Leid und Lust im Kapitalismus

    Meister Lee knöpft sich ein Storygerüst über Liebe, Lust und kollektivem Trauma vor, um entsetzliche Lücken des Arbeitsmarkts seines Landes offenzulegen. Ganz ohne Vorschlaghammer und mit brillant gewählten Inszenierungsmitteln. Dass dieser audiovisuelle Wirbelwind, der in keiner Sekunde an Fahrt verliert, von den meisten nie auf der Leinwand bestaunt werden darf, grenzt an einem Skandal.

    Wie federleicht Lee die volle Gefühlsklaviatur des Publikums und seiner Figuren (wie deren hinreißenden Darstellende) bespielt, ohne auch nur eine emotionale Nuance zu missen, lässt Ehrfurcht gebieten. Ohne Simplifizierungen erzählt er von Familien aus entgegengesetzten Welten, die hoffen, eine gemeinsame Basis zu finden, nur um sich einzugestehen, dass über ihnen ein Monstrum lauert, das dieses Bestreben nicht zulässt: der Kapitalismus. Lees lebhaftes Meisterwerk sät nachvollziehbaren Frust gegenüber den Oberen Zehntausend, verweigert aber einfache Antworten. Seine Charaktere bleiben, in allen ihren Schattierungen, zutiefst menschlich und greifbar. Ist Lieber stärker als die Pein des Kapitals? Leider nein. Aber manchmal reicht das grell lodernde Leuchten eines Vollmonds und - zumindest für einen kurzen Moment - ist jedes Leid vergessen. Eine Urgewalt und einer klarer Favorit auf den Goldenen Löwen.
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    11.09.2026
    21:26 Uhr