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    Schuld, Sühne und Scherze als letzter Ausweg

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Eine weiße Weste trägt in diesem Film niemand. Eh klar: Das wäre auch verwunderlich, wenn man liest, wer hier am Regiestuhl saß. „Wild Horse Nine“ ist die neue Arbeit des irischen Autorenfilmers und Theatermachers Martin McDonagh („Brügge sehen und sterben“, „The Banshees of Inisherin“), dessen tragikomisch gefärbte Moralmärchen sich oft Figuren verschreiben, die – in einem Moment der Vulnerabilität –- über ihre Missetaten reflektieren. McDonagh lässt das Publikum bei diesem zutiefst menschlichen Dilemma mitfiebern, Absolution erteilt er seinen Figuren aber keine. Seine Protagonisten sind häufig Verbrecher. Diese, die gegen das Gesetz verstoßen oder aber – wie in seinem neuesten Film – jene, die vom System, das sie eigentlich ahnden sollte, geschützt werden.

    Reumütiger Kriegsverbrecher auf finaler Mission

    Es ist Sommer im Jahr 1973, als CIA-Agent Chris (John Malkovich) und sein jüngerer Arbeitskollege Lee (Sam Rockwell) sich auf das Grün der Osterinseln begeben. Wenige Monate später sollte sich in Chile, zu dessen Landesfläche die Inseln zugehörig sind, ein verheerender Putschversuch abspielen. Achtung, dieser Part ist leider keine Fiktion: in einer Aktion der CIA sollte die Infrastruktur destabilisiert und der frisch gekürte Präsident Salvador Allende, der erste demokratisch gewählte Sozialist in der Landesgeschichte, ermordet werden. Ehe dies geschehen konnte, nahm sich Allende selbst das Leben. Sprung zurück zu den Geschehnissen in McDonaghs Film: Chris und Lee wissen über die Pläne Bescheid und kämpfen mit Gewissensbissen. Gut, dass Lee nichts mehr zu verlieren hat. Dem alternden CIA-Agenten ist seine fortgeschrittene Krebserkrankung anzusehen. Im gebrechlichen Zustand nimmt er diese Reise auf sich, ohne sich anfangs zu erinnern, warum dieses Ziel gewählt wurde. Der traurige Grund: Chris bat seinen Kollegen, ihm in friedlicher Idylle den Gnadenschuss zu geben und von seinen Qualen zu erlösen. Aber nicht nur seine Krankheit nagt an dem Superagenten, der in zahlreiche Kriegsverbrechen involviert war. Er kann seine Vergangenheit nicht länger auf sich sitzen lassen und weigert sich, düstere Staatsgeheimnisse mit ins Grab zu nehmen.

    Der Tragödie ins Gesicht lachen

    Wie so oft bei McDonagh, ist auch in diesem Film Humor die Bewältigungsstrategie seiner geschundenen Figuren. In den ersten Minuten folgt ein köstlicher Schlagabtausch zwischen Malkovich und Rockwell dem nächsten. Diskussionen über die indigene Namensgebung der berühmten Kopfstatuen entarten, während man in Erinnerungen über vergangene Missionen schwelgt. Über die Zeit im Vietnamkrieg, im Kongo, als man den revolutionären Premierminister Patrice Lumumba – ein weiterer Vorfall von Einmischung in fremde Politik – außer Gefecht setzte. Oder aber auch – mit Augenzwinkern – Andeutungen sät, die CIA habe die Ermordung John F. Kennedys zu verantworten. Das Geplänkel, die Erzählungen der befreundeten Agenten machen beim Zuschauen großen Spaß, ehe diese von der bitteren Realität vergangener Taten eingeholt werden. Chris bereut sein Tun, kann und möchte auf seinen letzten Lebensmetern nicht mehr seinen alles überwachenden Arbeitgeber (Steve Buscemi) gehorchen. Zwei chilenische Studentinnen (Mariana di Girolamo, Ailín Sala), die ihm während seiner Reise begegnen, warnt er vor dem erschreckenden Vorhaben. Malkovich legt seinen Chris irgendwo zwischen zynischem Großmaul, das sein Gewissen mit schlagfertigen Bemerkungen zu beruhigen versucht, und reuerfülltem Veteranen an, der seine Komplizenschaft nicht länger leugnet. Es ist nichts weniger als die wohl größte Performance seiner Karriere, ein Meisterstück zwischen treffsicherem komödiantischen Timing und Seelenstriptease, der tief ins verwundbare Innere schrammt. Vielleicht hätte er sein Leben lieber der idyllischen Pferdeprärie verschreiben sollen, anstelle der Tötungsdelikte, so die späte Realisierung. Dass diese Balance zwischen dunkler Komödie und melancholischer Charakterstudie aufgeht, ist der feinen Klinge McDonaghs zuzurechnen.

    „Vertraue keinem, der eine Uniform trägt.“

    Und McDonagh tut auch etwas, wovor einige Kolleginnen und Kollegen, aus Angst der eventuellen Polarisierung, zurückschrecken: er lässt den realen Hintergrund, vor dem sich seine wehmütige Bromance abspielt, nicht unkommentiert. Ihm war es - so sprach er in der gestrigen Pressekonferenz - ein großes Anliegen, auf die Gräuel der CIA, die historisch nicht immer aufgearbeitet wurden, hinzuweisen. Klug seziert er ein System, das Korruption nicht nur toleriere, sondern dieses regelrecht verlangt, um „antiamerikanische“ Sentiments etwaiger Art null und nichtig zu machen. Dass die Demoralisierung im Polizeiapparat schon früh anfängt, ist die kontroverseste These, die McDonagh wagt. „Vertraue keinem, der eine Uniform trägt“, heißt es in einem Schlüsselmoment. Wenn jemand die Grauen imperialer Einmischungspolitik messerscharf auseinandernehmen kann, dann ist das wohl ein gestandener Ire. Wenn das Ergebnis obendrein derart amüsant, intelligent und poetisch wird, nimmt der Kinogenuss kein Ende.
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    04.09.2026
    12:28 Uhr