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    Der Slasher als das Höchste der Gefühle

    Ich wünschte, es gäbe in meiner Heimatstadt Wien noch das gute alte Schönbrunner Kino – dort sah ich Filme wie Independence Day, Schlafes Bruder oder Sieben, bevor es Ende der 90er Jahre geschlossen wurde. Nun ziert diese Hallen ein Sonnenstudio – wie unwürdig.

    Die Dreifaltigkeit der Projektionsfläche

    Gäbe es das Schönbrunner Kino noch, wäre Jane Schoenbrun dort am besten aufgehoben, einschließlich Marketing-Gag und vielleicht gar dreiteiliger Retrospektive, denn satte drei Filme zählt ihr kinematografisches Œuvre mittlerweile, dank des jüngst in Cannes uraufgeführten letzten Teils der sogenannten Screen-Trilogie, die sich mit – wie kann es anders sein – drei unterschiedlichen Medien beschäftigt: Dem Fernsehbildschirm, dem Computerdisplay und der Kinoleinwand. Für Schoenbrun sind das Portale in eine andere Realität – die hauchdünne Membran, das Rabbit Hole wie bei Alice im Wunderland. Dahinter wartet das Unaussprechliche oder Unfassbare, die Twilight Zone, wenn man so will, das Gespenstische und unbedingt in die Realität wollende.

    Dafür schafft sich das Unheimliche seine willfährigen Helfer. Es sind jene, die in das jeweilige Screen-Medium hineinkippen. Die davon eingefangen werden, wie Justice Smith in I Saw the TV Glow, Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair und nun Hannah Einbinder (Hacks) in einer märchenhaft anmutenden Meta-Satire mit dem merkwürdig bemerkenswerten Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma.

    Nicht komplett davonschwebend

    Auch Schoenbruns dritter Film hat nichts von diesem eigenwilligen, im rosarot-violetten Farbspektrum umherschillernden Stil verloren, eingebettet in eine rätselhafte Dunkelheit. Dennoch lässt sich deutlich mehr erzählerische Gefälligkeit bemerken als in den anderen beiden Arbeiten, die völlig emanzipiert und unbekümmert ihre sperrige Gedankenwelt ausleben. Teenage Sex and Death at Camp Miasma hat schon allein mit Protagonistin Kris eine Figur geschaffen, die im sozialen Gefüge einer urbanen und fortschrittlichen Gesellschaft am tiefsten verankert ist als irgendeine andere Figur in Schoenbruns fantastischen, doppelbödigen Medienwelten. Der Zugang des Publikums in das Geschehen ist also allein dadurch schon ein deutlich einfacherer.

    Zu Besuch beim Final Girl

    Was wir vor uns haben, ist als Plot recht schnell abgesteckt, und hält auch kein nennenswertes horizontales Storytelling bereit, schließlich sind Schoenbruns fast schon essayistische Betrachtungen ein verspieltes Exhumieren sämtlicher Versatzstücke, und zwar an Ort und Stelle, in einer Nerd-Blase, die keine ihrer Figuren wirklich weglässt. So ist Hannah Einbinder als eben diese Kris zu Besuch bei einer (fiktiven) Ikone des Slasher-Films: Billy Preston, leidenschaftlich verkörpert von Ex Akte X-Ikone Gillian Anderson, die selten so viel Spielfreude an den Tag gelegt haben mag wie hier.

    Der ehemalige Jugendstar, der in den Achtzigern so wie Jamie Lee Curtis in Halloween, Heather Langenkamp in Nightmare oder Neve Campbell in Scream die längst noch nicht ausgelutschte Filmreihe Camp Miasma begründet hat, soll zu einem Reboot überredet werden. Denn Kris hat als junge Regisseurin und ordentlich viel frischem, kreativem Wind im Gepäck ihre ganz eigene Vision für dieses Franchise.

    Doch wohl weniger sie als ihre regieführende Person namens Jane Schoenbrun hat wohl die größte Lust am Sezieren eines in der Filmgeschichte und im Genrelexikon nicht mehr wegzudenkende Figur des „Final Girl“ – einer knapp beschürzten, frivolen und auf dem Präsentierteller des Sexismus ausgelieferten Scream Queen zwischen Wollust, Jungfräulichkeit und wundersamer Renitenz. Es ist die dem Drachen doch nicht zum Fraß vorgeworfene letzte Königstochter, und der Male Gaze ist ihr sicher. Mit dieser Wahrnehmung muss aufgeräumt werden – und dem meist maskierten männlichen Antagonisten in seiner vermeintlichen Symbolkraft eine Metaebene angedichtet werden, mit der Sigmund Freud seine größte Freude hätte.

    Der Kill als Lust-Multiplikator

    Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Metafilm in Reinkultur, so unbekümmert und lustvoll, so wild und völlig versponnen. Schoenbrun ist jemand, der dabei lieber das Pacing streckt als die Spannungsschrauben anzieht. Die vertikale Erzählweise dringt Schicht für Schicht in Hannah Einbinders Wahrnehmung und leidenschaftliche Fabulierkunst vor.

    Ein ganzes Subgenre wird zerpflückt, von Psycho über den Crystal Lake und Jason Voorhees in Freitag der 13., der fast schon als Stütze für diesen Film funktioniert, bis hin zu diesem seltsamen Typen mit Speer und einem Lüftungsmodul als Maske – der kleine Tod. Vom kleinen Tod wissen wir: es ist ein bekanntes Synonym für den Orgasmus. In diesem Fall ganz eindeutig der weibliche – was Schoenbruns Film letztlich fast schon recht simpel, aber sehr stark zielgerichtet erscheinen lässt. Der sexuell konnotierte Killer und die junge Frau – ein Genre als Sex-Akt? Der Kill als weiblicher Höhepunkt?

    Vom Einlegen einer Videokassette

    So kommt man zu dem Schluss: Teenage Sex and Death at Camp Miasma funktioniert als queere Sexkomödie auf Umwegen durch den blutgetränkten Morast eines trivialen Erzählmusters für die breite Masse, in welcher vor allem die männliche Komponente viel zu oft nichts von der weiblichen Lust versteht. Was sich Schoenbrun hier zusammengereimt hat, ist ein kurioser und vor allem auch witziger und augenzwinkernder Mindfuck, der die Lust am Retro-Zitieren mit jener auf den feuchten Laken in den Hütten eines Sommercamps vereint.



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    02.09.2026
    07:52 Uhr
  • Bewertung

    VHS Meta-Horror im Sommercamp

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Verschwitzte Jugendliche machen Party in einem Sommercamp, Synthpop-Tracks auf Vinyl, Alkohol aus roten Plastikbechern und ein maskierter Killer – Little Death. Die fiktive Horrorreihe „Camp Miasma“ soll nach unzähligen Sequels und Neuinterpretierungen ein Reboot bekommen. Damit dieses Mal alles „woke“ genug abläuft, bekommt die junge Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) den Auftrag, die 100-mal erzählte Geschichte nochmal neu wiederzugeben. Auf der Suche nach Inspiration für die Origin-Story von Little Death trifft sie die mysteriöse Schauspielerin Billy (Gillian Anderson), welche im originalen Camp Miasma das „final girl“ spielte und schon bald lernen die beiden sich auf unerwarteten Ebenen kennen.

    Selbstfindung im 80er-Horror

    Für Kris geht ein Traum in Erfüllung: Niemand weiß so viel über 80er-Horror wie sie, niemand hat die „Camp Miasma“-Filme so oft gesehen. Ihre Identität ist zweifellos geprägt von den Nächten, die sie im Dunkeln allein vor dem Fernseher verbrachte, um Filme anzuschauen, für die sie wahrscheinlich viel zu jung war. Am meisten identifiziert sie sich mit Billys Charakter, welche im ersten Film der Reihe in einer Sexszene einen Blick in die Kamera wirft, den Kris nicht vergessen kann. Sie wird verrückt danach, sie will ihn reproduzieren, sie will ihn selbst erleben. Bei ihrer Recherche am Originalfilmset kommt sie der Erfüllung dieses Wunsches so nah wie noch nie – Billy hat nämlich die Schauspielerei nach Camp Miasma an den Nagel gehängt und wohnt seit einiger Zeit am verlassenen Sommercampgelände, an dem der erste Film gedreht wurde. Kris wird schnell klar, dass sie Billy unbedingt für ihren neuen Film will. Die ehemalige Schauspielerin strahlt eine unfassbare Anziehungskraft auf sie aus und spätestens nach der ersten Nacht, die die beiden mit Fried Chicken, Marihuana und Süßigkeiten gemeinsam in einem Camp-Bungalow verbringen, wird klar, dass Kris nicht so schnell wieder heimfahren wird.

    2024 beschrieb Jane Schoenbrun den Film als „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ angesiedelt in einem Freitag der 13.-Sequel – treffender hätte Schoenbrun sich nicht ausdrücken können. Genau wie in Porträt einer jungen Frau in Flammen treffen zwei Figuren aufeinander, die sich langsam seelisch und physisch voreinander entkleiden. Eine vertraute Nähe baut sich auf, die die Charaktere in anderen Beziehungen nie gefunden haben. Der Altersunterschied zwischen den beiden sorgt für einen ständigen Wechsel zwischen Lehrerin und Schülerin – so lernt die Gen X Schauspielerin beispielsweise die neuen „Geschmackssorten“ kennen, die es in den gemischten Tüten der sexuellen Orientierungen und Beziehungsformen gibt und die Gen Z Regisseurin wird von der erfahrenen Frau an die Hand genommen, als es darum geht sich selbst kennenzulernen. Freitag der 13. äußert sich vor allem in den Elementen des „Films im Film“. Genau wie beim letzten Film „I Saw the TV Glow“ schafft Schoenbrun es wieder, Nostalgie für etwas zu vermitteln, das eigentlich gar nicht existiert. Ob Filmposter, VHS-Hülle, Schlüsselanhänger oder Zeitungsinserat – überall steckt eine unfassbare Liebe zum Detail drin. Ganz zu schweigen von den Brotkrumen, die Schoenbrun im Verlauf des Films verteilt, welche nach mehrfachem Schauen und Analysieren schreien.

    Zwischen Slasher und Selbstporträt

    Dass Hannah Einbinders Figur Kris ein Self-Insert für Jane Schoenbrun darstellt, ist offensichtlich. Auch in diesem Film verarbeitet die non-binäre Regieperson eigene Erfahrungen allegorisch. Als Vorbildfigur ist Gillian Anderson perfekt gecastet – diese hat ja bereits in der Netflix-Serie „Sex Education“ die verständnisvolle Sexualtherapeutin Jean Milburn gespielt. Nun verkörpert sie in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ wieder eine wegweisende Mentorenfigur – eine Funktion, die für Jane Schoenbrun in der Jugend offenbar die Filme selbst erfüllt haben.

    Schoenbrun setzt beiden Schauspielerinnen vor wechselnden Hintergründen in Szene und beweist wieder ein Händchen für außergewöhnliche Bilder – Mal befinden wir uns in einem echten Wald, in der nächsten Szene vor einem gemalten Hintergrund. Leuchtende Farben werden uns entgegengeworfen und Blutgeysire tränken den weißen Schnee in ein sinnliches Rot. Ganz in Slasher-Manier wird in den brutalen Szenen des „Films-im-Film“ auf kreative Weise übertrieben und gut gesetzte Needle Drops sorgen für ein stimmiges Kinoerlebnis, der nur so vor „campy“ Humor, Verspieltheit und Verlangen strotzt.

    Wer Schoenbrun bis jetzt noch nicht am Schirm hatte, sollte es auf jeden Fall spätestens nach „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ tun. Denn von einer Person, die es schafft, so viel Originelles in einer Hommage zu verpacken, kommt sicher noch viel Außergewöhnliches.
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    15.05.2026
    08:05 Uhr