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    Heimatlos

    Amerikaner, aber mit deutscher Geschichte. Heimat, oder das was Heimat war, ist nicht mehr …
    Über die Menschen und das Schicksal Deutschlands entscheiden die Großmächte.
    VATERLAND erzählt von Verlust und dem Versuch wieder nach Hause zu kommen.
    Das Deutschland aus dem 1949 ist sowohl äußerlich als auch innerlich zerstört.
    Das sieht man an den Bildern der Zerstörungen und der Traurigkeit der Manns.
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    04.09.2026
    20:53 Uhr
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    „Ein schreckliches Land mit schrecklichen Menschen“

    Exklusiv für Uncut
    Können Worte, wenn auch eloquent und eindringlich, Trost spenden? Wohin mit uns und unserem Sein, wenn wir unsere Heimat verlieren? Machen wir einfach weiter, nachdem ein geliebter Mensch von uns geht? „Vaterland“ umkreist persönliche und politische Fragen im Nachgang der Katastrophe, deren moralischer Kristallisationspunkt das 20. Jahrhundert immer noch prägt: der Zweite Weltkrieg. Thomas Mann, einer der bedeutendsten Schriftsteller der Neuzeit und Literaturnobelpreisträger (1929), ging 1933 in die Schweiz und von dort 1938 in die USA. Bereits im Februar 1936 bricht er, nicht zuletzt durch den Einfluss seiner Tochter Erika, in einem offenen Brief mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Mit Blick auf den Film ergeben sich drei Interpretationsdenkräume: Psychoanalyse, Blicktheorie, Verlust politischer und menschlicher Heimat.

    „Vaterland“ verdichtet nur wenige Tage der Geschichte: Thomas Mann (melancholisch und altersmilde: Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) besuchen 1949 das, was von Deutschland übriggeblieben ist: ein in Zonen geteiltes Land, einem seelischen und geographischen Trümmerhaufen gleich. Die Reisenden werden von beiden Seiten instrumentalisiert. Sowohl die westlichen Besatzungsmächte als auch die sowjetische Zone beanspruchen die Strahlkraft des berühmten Autors und Redners. Und so begibt er sich nach Frankfurt und nach Weimar, hält Reden und erhält zwei Goethe-Preise. Kritisch kommentiert und bedrohlich begleitet wird der zweigleisige Besuch von der jeweils anderen Seite, doch Mann sagt: „Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.“

    Erika ist die entscheidende, antifaschistische Figur und motiviert die historische Abweichung: Eigentlich wurde Mann von seiner Ehefrau Katia begleitet, doch der Film setzt Erika an ihre Stelle. Ein künstlerischer Kniff, der die fiktionalisierten Spannungen zwischen Vater und Tochter sowie zwischen Politik und Unpolitik forciert. Schließlich hatte Thomas Mann noch 1918 in seinen „Betrachtungen des Unpolitischen“ die deutsche Kultur gegen die westliche Demokratie verteidigt.

    Nach dem Tod von Klaus Mann (August Diehl), Thomas‘ Sohn und Erikas Bruder, dessen Ableben in der Realität schon Monate vor dem Roadtrip tiefe Narben aufriss, suchen beide Trost. Der zynische Weltliterat möchte weitermachen, Erika ringt mit sich, mit Schuld, mit Trauer, muss sich dem Familienpatriarchen beugen und gleichzeitig die emotionale Vermittlerin spielen. Thomas Mann interessierte sich zeitlebens für die Psychoanalyse, Erika verkörpert das Über-Ich, ist moralische Instanz für Manns Sturheit und Blockade. Was beim Vater als Gewissen und Verantwortung verdrängt wird, tritt in Erika gleichsam nach außen und zwingt ihn zur Konfrontation mit dem, was sich nicht einfach wegschreiben lässt: Schuld, Trauer und politische Verantwortung. Die Familie Mann wird zu einer Synthese der Weltanschauungen: hier der sprachlose Redner, dort der seelische Anker.

    Paweł Pawlikowski, Schöpfer der vielfach ausgezeichneten Filme „Cold War“ und „Ida“, ist Regie-Spezialist für filmische Geschichtsstudien. Seine formalen Markenzeichen sind auch hier anzutreffen: Nachkriegszeit ab 1949, osteuropäisches Kino, enges 4:3-Format, nur Schwarz-Weiß-Einstellungen und musikalische Konterpunkte. Dieser Kontinuität verpflichtet sich auch das langjährige Filmteam hinter der Kamera, die abermals Łukasz Żal („The Zone of Interest”) verantwortet. In nur 82 Minuten geht der polnische Regisseur ökonomisch-geduldig mit der Geschichte um, konzentriert sich auf Räume, auf Bilder, die Fotografien gleichen.

    Nicht nur einmal spielt das Gesehene mit Diskursen über Kommunikation und den Blick. Da erscheint Klaus Mann als sehnsuchtsvolle Projektionsfigur, während das restliche Publikum genichtet wird. Es sind leere Räume der Einsamkeit und die Abwesenheit von Worten, die exemplarisch für die gesamte Nachkriegszeit stehen. Mehrere Schwenks lassen die stoischen Reaktionen der Zuhörenden erahnen. Schon 1930 meinte Peter de Mendelssohn zu einem der wichtigsten politischen Beiträge Manns, nämlich „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“, dass der Vortrag „an manchen Stellen über die Köpfe hinweg gesprochen“ sei. Diesen Aspekt greift Pawlikowski auf, wenn das Publikum holzschnittartig mit versteinerter Miene keine Gefühlsregung zeigt, und verbindet persönliches und politisches Vakuum. Gibt es nach dem Verlust innerer und äußerer Ordnung überhaupt noch Adressaten dieser politischen Reden? Hört überhaupt jemand zu?

    Dafür sind wir Zeuge des intimen Schauspiels von Sandra Hüller. Vehement wehrt sie sich gegen die Standardfloskel „Ich war doch kein Nazi“ ihres Ex-Mannes Gustaf Gründgens, den sie mit einer Ohrfeige zurechtweist. In ihr bündelt sich die ganze Wut auf den NS-Faschismus. Für Hüller waren die Szenen am schwierigsten, in denen es nicht nur um die individuelle Trauer ging, sondern auch um „(…) den Verlust der Heimat. Das ist etwas, das mich persönlich die ganze Zeit begleitet hat“, so die Schauspielerin, die mit ihrer Mehrsprachigkeit glänzt. Nicht nur einmal fragt der Film direkt „Where is home?“ Den Verlust der Heimat hat schon Hannah Arendt, die wie die Manns in die USA emigrierte, mit dem Verlust des Menschseins gleichgestellt. Heimat als politischer und zwischenmenschlicher Bezugsrahmen, als Möglichkeit des Sprechens und Handelns – des Menschseins. Und als Erika aus dem Fenster in aufgelöstem Zustand eine Gruppe betrunkener Nazis anschreit, verliert selbst die gute Seite kurzzeitig ihr Gesicht. Doch Wut ist zwingend notwendig im Angesicht gravierender Ungerechtigkeit.

    Teilweise erreicht Pawlikowski aber nicht das zugegeben sehr hohe Niveau seines Vorgängerfilms „Cold War“. Eine lineare Gleichförmigkeit und Monotonie erfassten das Publikum, Biografisches muss erarbeitet werden, Erstaunliches und Emotionales halten sich in Grenzen. Dennoch gab es in Cannes den Preis für die beste Regie und am Horizont erklingen bereits die Oscar-Fanfaren.

    Fazit: Intelligente Leerstellen, raumgreifende Stille, formvollendetes Kino – „Vaterland“ ist in den besten Momenten eine dichte, kontemplative Kinodissertation über Familiendynamiken und ein zerfasertes, hasserfülltes Nazi-Deutschland. In Thomas Manns Intellekt und Erika Manns Humanität verdichten sich der Heimatverlust einer Generation und die Tragik eines ganzen Mitteleuropas. In negativer Lesart sehen wir aber schwerfälliges Altherrenkino, das auch die widerständige Sandra Hüller nicht immer konterkarieren kann. Die Ausnahmeschauspielerin bringt in einem Interview zum Film den besonderen Status des deutschen Landes auf den Punkt: „Wenn man in diesem Deutschland geboren ist, trägt das eine Verantwortung in sich. Die kann man nicht einfach ignorieren“
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    03.09.2026
    12:47 Uhr
  • Etwas sperrig

    Ich konnte mit „Vaterland“ leider nicht so viel anfangen - Pawlikowski bleibt aber ein Regisseur zum Beobachten!
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    26.05.2026
    12:21 Uhr
  • Bewertung

    Alternative deutsche Geschichte in Cannes

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    „Fatherland“ läuft als einer der deutschen Beiträge auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes und blickt auf grob eine Woche im Leben von Thomas Mann (Hanns Zischler) im Jahr 1949. Deutschland liegt noch immer in Trümmern – architektonisch wie menschlich. Es ist das Jahr von Manns Rückkehr aus Amerika nach Deutschland, damit auch ein möglicher Anfang einer neuen Ära. Mit großen Worten und seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) reist er in dieser alternativen Geschichtsschreibung zunächst ins amerikanisch besetzte Frankfurt, daraufhin ins russisch besetzte Weimar, hält seine Reden und erlebt zwei völlig gegensätzliche Seiten seiner Heimat.

    Manns Inszenierung gleicht dabei der eines Universalgelehrten: Nicht nur tritt man mit Fragen über Kunst und Literatur an ihn heran, auch wird seine Einschätzung zu Weltpolitik, Gesellschaftsthemen und der Integrität des Menschen verlangt. Im Rahmen seiner großen Reden lässt sich doch nur schwer bei seinen Mitmenschen das Antlitz erkennen, dass sich mit Mann irgendetwas unter der Herrschaft der zwei großen Weltmächte ändern wird. In „Fatherland“ scheint demnach ein Paradoxon zu liegen. Einerseits gibt es da diesen genialen wie künstlerisch gefeilten Herrn, andererseits scheint in Mann eine gewisse Naivität innezuwohnen. Nach ihm zählt nämlich nur eins: die Macht der schönen Worte – wie er es selbst am Beispiel von Johann Wolfgang von Goethe den Mitmenschen erklärt und ihm zuschreibt, „Liebe“ sei das am häufigsten verwendete Wort des deutschen Literaten. Wir erfahren: Im goetheschen Werk sei auch das Wesen Deutschlands angelegt – kultiviert, humanitär, moralisch. Doch abseits dieser Reden, die sich mitunter mehr um Goethe als um ihn selbst drehen, scheint ein stiller Nihilismus Manns Figur zu durchziehen.

    Verwunderlich ist diese Beobachtung freilich nicht, gab es zu jener Zeit doch wenig, woran man in Deutschland glauben konnte. Doch statt die Frage zu stellen – sei es nun ganz konkret oder mittels Subtext – was Mann mit seiner Rückkehr bezweckt und bezwecken könnte, findet „Fatherland“ nicht wirklich einen Zugang zu dieser Figur. Das mag natürlich zunächst einer gewissen Logik folgen: Wie könnte man seinem nachgesagten großen Geist schon so einfach näherkommen? Mit Dialog sicherlich, doch daran mangelt es dem Film. Mit seiner Tochter gibt es beispielsweise ein einmalig harsches Wortgefecht – doch abseits dessen bleibt Mann eine unentschlüsselte Blackbox.

    Der Film könnte sich somit ausschließlich als Zeitdokument und nicht darüber hinaus verstehen, da er sowohl auf eine Kontextualisierung als auch auf eine Analyse Manns verzichtet. Eben dies verwundert: So, wie Mann hier inszeniert wird – stoisch, große Worte, aber kleine Gesten, Handlungen ohne viel Nachdruck – lässt sich nur schwer von einem Humanisten, schon gleich gar nicht von einem Aktivisten, wenn überhaupt nur von einem abstrakten Denker sprechen. Ob diese Darstellung Folge imperialistischer Systemik ist (dies geht in beide Richtungen, sowohl in die amerikanische als auch russische), lässt sich jedoch ebenfalls nicht aus dem Film herauslesen. Sicherlich wird Mann ein Gespür dafür gehabt haben, dass seine Worte in den Ohren der mächtigen Politiker nur bedingt nachhallen werden – der Film findet für dieses Motiv der Machtlosigkeit jedoch keinerlei Form. „Fatherland“ wird damit zu einem Rätsel in sich selbst: Was soll der Kinogänger aus diesem kurzweiligen Historiendrama mitnehmen?

    Eine Antwort kann dieser Beitrag leider nicht liefern, genauso wenig einen kohärenten Argumentationsfaden darüber, ob es dieses Werk überhaupt gebraucht hätte. Fans von Thomas Mann werden sicherlich mit seiner Rückkehr nach Deutschland vertraut sein; der Rest des Publikums darf sich immerhin an dem überzeugenden filmischen Stil und Schauspiel erfreuen. Diese zwei Komponenten können „Fatherland“ zumindest noch vor der Durchschnittlichkeit retten.
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    16.05.2026
    20:53 Uhr