4 Einträge
8 Bewertungen
86.9% Bewertung
  • Bewertung

    Gefangene der Liebe – Weibliche Subjekt-Objekt-Transformation

    Aus einer zierlich-romantischen Unentschlossenheit wird das filmische Phänomen des Jahres - ausgelöst durch folgende Kaskade: verpasstes Geständnis, Wunschgeschenk aus dem Krimskramsladen, Cocktail aus Psychologie, Soziologie und Philosophie, dazu eine Prise magischer Realismus, der im Kino immer erst verführerisch wirkt, dann aber mit kalter Logik zuschlägt. Was als Schwärmerei beginnt, kippt in Besitzdenken; eine harmlose Fantasy-Idee wächst zum Obsession-Horror heran, der die Seelenmechanik von Begehren, Macht und Abhängigkeit freilegt.

    Dass dieser Film eine der großen US-Indie-Sensationen geworden ist, verleiht ihm etwas Schicksalhaftes. Der erst 26-jährige YouTube-Online-Regisseur Curry Barker hat mit minimalen Mitteln einen Film geschaffen, der gemessen an seinem Microbudget bereits zu den gewaltigsten Erfolgen der jüngeren Filmgeschichte zählt. Zusammen mit Backrooms markiert Obsession ein Wunder: das Comeback eines unabhängigen amerikanischen Kinos mit kreativen Ideen und neuen Gestaltungen, aus dem Ursprung des Internets.

    Zwischen Neonfieber und Albtraumästhetik: Wie Barker aus wenig Mitteln großes Kino macht

    Barker inszeniert mit beängstigender Präzision und erzeugt eine mitreißende Atmosphäre ab der ersten Sekunde. Der von Synthesizern durchzogene synth-driven 80s-Score legt sich wie ein elektrisches Fieber über die Bilder, das brachiale Sounddesign macht jede Unsicherheit körperlich spürbar. Dazu kommt die kontrastierende Ausleuchtung, die die schwarzhaarige Nikki so stark ins Dunkel drückt, als würde der Film selbst ihre Verfügbarkeit verweigern. Das quasi-quadratische 4:3-Format verstärkt diese Klaustrophobie zusätzlich.
    Besonders beeindruckend ist die formale Disziplin. Statische Kameras, sorgfältig komponierte Einstellungen und ein effektives Blocking verleihen unangenehme Un-Ruhe. Bis dann abrupte Schnitte diese Ordnung zerschneiden, deren Wischbewegungen an digitale Reel-Ästhetik erinnern. Der Film versteht die fragmentierte Wahrnehmung einer Gegenwart, die sich immer schneller durch Bilder bewegt.

    Die eigentliche Stärke liegt jedoch in seinem Gespür für produktive Unsicherheit. Zwar nutzt Barker konventionelle Jump Scares, deren Vorhersehbarkeit häufig durch rohe Brutalität kompensiert wird (Stichwort: Autoscheibe). Doch das eigentliche Unbehagen entsteht aus Schatten-Silhouetten, aus ekstatischen Gesten und aus der Angst vor dem plötzlichen Unerwarteten.
    Genau hier kommt der Humor ins Spiel. Nikkis Freakshow ist furchteinflößend, gleichsam bizarr. Ihre Weirdness, diese Mischung aus Absurdität und Grauen, sorgt immer wieder für befreiendes Gelächter. Selbst die Hotline-Szene ist ein Bruch der üblichen Genre-Tropes. Wo Horrorfilme sonst rettende Erklärungen liefern, stiftet Obsession fragile Unruhe – und macht daraus einen Witz.

    Von der Sehnsucht zur Herrschaft: Warum Obsession eine Studie über toxische Liebe ist

    Im Zentrum des Films steht Bear, ein einsamer, unsicherer Mann, der weder den Erwartungen seiner Freunde noch den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit entspricht. Er ist schüchtern, wird verspottet, weil er keine Härte beim Schnapstrinken zeigt, und ringt um Sichtbarkeit, Nähe und Wärme. Die Breitseite der Männerherrschaft trifft ihn mit voller Wucht.
    Darin liegt die Tragik der Figur. Es ist nicht die Geschichte eines Monsters, sondern die Geschichte langsamer moralischer Erosion. Aus dem „Good Guy“ wird kein Bösewicht durch tiefenpsychologisch Schlechtes. Seine Rechtfertigungen wachsen schleichend. Anfangs legt er sich noch neben das Bett, später tappt er selbst in die Falle waghalsiger Rationalisierungen für sein grenzüberschreitendes Handeln.

    Mit dem Fokus auf die dunkle Seite des Begehrens reiht sich Obsession ein in die Reihe aktueller Filme wie Together (2025) oder Bring her Back (2025). Liebe wird zur Besitzform, Zuneigung zur Herrschaft. Was Bear antreibt, ist die Angst vor weiterem Kontrollverlust. Durch das Ausnutzen von Nikkis Situation dreht sich aber die moralische Verantwortbarkeit negativ in seine Richtung. Dabei berührt er sensible Grenzbereiche des Machtmissbrauchs. Die frühere „Bruder“-Bezeichnung und Nikkis superseltsame Hänsel-&-Gretel-Story erzeugen eine latente Inzestsymbolik, während die Schutzlosigkeit der Figur unangenehme Assoziationen zu anderen Formen asymmetrischer Beziehungen weckt (Minderjährige, Schutzsuchende, Menschen mit Behinderung).
    Ob das moralische Dilemma akademisch ausstaffiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Passivität passt jedenfalls zu Bears Persönlichkeit. Leere wird zur Obsession, die aber auch seine große Liebe trifft, wenn sie von den magischen Permanent-KO-Tropfen trinkt…

    Im eigenen Körper: Nikki und der Horror der Fremdbestimmung

    Nach dem irreversiblen, übergriffigen, aber auch ungeplanten Akt seitens Bear verschieben sich Dynamik und Charaktere. Das Übergriffige kehrt wie ein Bumerang zurück. Nikki beobachtet Bear beim Schlafen, wartet stundenlang auf seine Rückkehr und terrorisiert ihn mit ständiger Präsenz. Ihre Aggression ist Ausdruck einer Existenz, die ihrer Freiheit beraubt wurde. Der Horror und emotionale Kern liegen im Verlust des freien Willens. Nikki wird in einen neuen Zustand hineingeworfen, ohne gefragt zu werden. Ihr fehlen Zustimmung und Consent, jede Möglichkeit, über sich selbst zu verfügen. Aus einer autonomen Person wird ein fremdgesteuertes Ding. Eine vollendete Subjekt-Objekt-Transformation, unter der Frauen seit jeher leiden.

    Das legt klassische philosophische Fragen frei. John Locke (1632-1704) verstand Identität als Kontinuität des Bewusstseins und der Erinnerung. Obsession entwirft die Schreckensversion dieses Gedankens, wenn im Inneren von Nikkis veränderten Wesens noch immer jene frühere Person existiert, deren Identität verschüttet wurde. Unter den Erinnerungsbrücken, mit denen John Locke uns eine Identitätskonstanz im Schlaf oder Rausch zuspricht, liegt noch immer der ursprüngliche Mensch verborgen, eingeschlossen in einem Körper, der zum Objekt geworden ist. Die Nähe zum Locked-in-Syndrom ist dabei ebenso verstörend wie die Vorstellung einer Persönlichkeit, die zwar vorhanden, aber nicht mehr handlungsfähig ist. Besonders erschütternd in den Momenten, in denen Nikki im Schlaf um Hilfe ruft oder beim Sex apathisch zur Seite blickt. Aus dem „Trophy Girl“ (sic!) wird eine Zeitbombe. Nicht nur weibliche Objektifizierung, sondern die Idee menschlichen Eigentums überhaupt wird hier zum Gegenstand des Horrors.

    Dass diese Figur so tief unter die Haut geht, liegt maßgeblich an Inde Navarrette. Für eine im Verhältnis zum Box-Office-Erfolg lächerlich geringe Gage von 20.000 USD liefert sie eine der eindrucksvollsten Performances des Jahres. Ihre Blicke, ihre Mimik und ihre Fähigkeit, innerhalb von Sekunden zwischen Komik, Leere und Bedrohung zu wechseln, verleihen Obsession seine unheimliche Seele.

    Ein Horrorfilm, der den Nerv einer einsamen Gegenwart trifft

    Obsession ist gruselig, disruptiv, intensiv und überraschend emotional. Vor allem aber ist er philosophisch interessant. Es geht um Gewalt und Herrschaft, um die moralischen Konflikte zwischen Eigennutz und Fremdbestimmung, um Identitätsverlust, Maskulinität, toxisches Verliebtsein und die Objektifizierung des Menschen. Mit seinem Horror über parasoziale Sehnsucht und die Male Loneliness Epidemic trifft Curry Barker einen zeitgeistigen Nerv, der weit über das Genre geht. Und das alles in einem extrem unheimlichen Film, der nicht nur beängstigend gut inszeniert ist, sondern den auch eine der besten Performances des Jahres trägt.
    bfotok_a43f9b4a6b.jpg
    24.06.2026
    15:05 Uhr
  • Bewertung

    Was Männer wollen

    Exklusiv für Uncut
    Baron (von seinen Freunden „Bear“ genannt und gespielt von Michael Johnston) lebt ein einsames Leben. Sein Freundeskreis beschränkt sich auf seine Arbeitskolleg:innen, seine Oma ist vor Kurzem gestorben (und obendrein seine Katze Sandy) und er hat das Gefühl, von niemandem wirklich wahrgenommen zu werden. Von niemandem? Nicht ganz, denn da gibt es Nikki (Inde Navarette). Sie ist in Bears Augen perfekt: hübsch, aufmerksam und einfühlsam, sie lacht viel und bringt andere zum Lachen – eine magnetische Persönlichkeit. Nach einem abermals vergeblichen Versuch, Nikki seine Gefühle zu offenbaren, verwendet Bear einen mysteriösen „One Wish Willow“ und wünscht sich, sein Schwarm würde ihn über alles auf der Welt lieben, woraufhin dieser Wunsch in Erfüllung geht. Und wie.

    Be careful what you…

    Bear kann es im ersten Moment selbst nicht wahrhaben, aber Nikki, die ihn stets als einen Bruder betrachtete, will plötzlich nicht mehr von seiner Seite weichen. Die Zweifel an dieser kuriosen unerwarteten Situation werden schnell von Glücksgefühlen verdrängt. Endlich werden seine Fantasien zur Realität und er kann sein einsames Leben hinter sich lassen. Doch Nikkis Verhalten kommt dem Rest der Freundesgruppe seltsam vor, und das Gerücht macht sich breit, Bear würde sie womöglich ausnutze.

    Die Freunde beginnen daraufhin, sich zu distanzieren und so gerät Bear in eine isolierten Situation mit einer Nikki, die ihm immer unheimlicher wird – mit Panzertape verschlossene Türen, damit er nicht von ihr weggehen kann, gruslige nächtliche Verhaltensweisen und die Verfütterung seiner toten Katze (als Zeichen der Liebe?) sind die neue Normalität. Zwischendurch blitzt die echte Nikki mit schmerzvollen Hilferufen durch die aufgezwungene Wunschmaske hindurch und Bears Entscheidung, darüber hinwegzusehen, ist bezeichnend für seinen Charakter.

    Sei einfach Nikki

    Es dauert nicht lange, bis dem Publikum klar wird, dass nicht Bear das Opfer der Geschichte ist, sondern der Täter. Es ist ein großartiges Kunststück von Regisseur und Autor Curry Barker (bekannt geworden durch YouTube-Sketch-Comedy), die Geschichte aus der Perspektive des schüchternen jungen Mannes zu erzählen, dem wir zu Beginn des Films keinesfalls seine Taten zutrauen würden. Aber: Gelegenheit macht Diebe – und Bear nimmt Nikki ihre Persönlichkeit, um sie mit einer willenslosen Version ihrer selbst zu ersetzen. Und wenn diese Version nicht seinen Vorstellungen entspricht, bittet er sie „einfach Nikki zu sein“ – was auch immer das für ihn bedeutet. Nach „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ ist „Obsession“ der zweite Film in diesem Jahr, in dem Männer nicht mit dem Abweichen von der Idealvorstellung ihrer jeweiligen Partnerinnen zurechtkommen – wenngleich wir es hier mit einem etwas extremeren Fall zu tun haben.

    Das Erstlingswerk von Curry Barker beinhaltet einige schaurige Momente, Jump-Scares und sehr brutale grafische Szenen, die manchmal gar nicht mehr aufhören. Horror-Fans werden also gut bedient, wenngleich der wahre Horror die Geschwindigkeit ist, mit der der unschuldige Hauptcharakter in ein kontrollierendes Verhalten rutscht und sich dafür Rechtfertigungen einfallen lässt. Bears Verhalten lässt tief in die männliche Psychologie blicken, in der einsame Männer Frauen entmenschlichen, sie zu Objekten ihrer Begierde oder Projektionsflächen einer Idealvorstellung degradieren, anstatt sie als eigenständige Menschen wahrzunehmen – ein Trend, der in den letzten Jahren besonders in den sozialen Medien beobachtbar ist. Gleichzeitig ist sein Charakter am Anfang so nahbar – nach der offensichtlichen Frage „Was würde ich mir wünschen?“ lautet die nächste also „Wäre ich zu so einem Verhalten fähig?“

    Curry Barker liefert ein beeindruckendes Regiedebüt ab, das am Ende des Jahres (womöglich sogar des Jahrzehnts) auf zahlreichen Bestenlisten zu finden sein wird. Alle Elemente – vom Schauspiel bis zum Setdesign – ergeben einen ausgezeichneten Horrorfilm, der einerseits dem Hype gerecht wird und außerdem viel Diskussionsstoff für eine thematische Auseinandersetzung bietet. Ich bin obsessed!
    img_8075_525ccfd617.jpg
    16.06.2026
    17:24 Uhr
  • Bewertung

    Wishmaster: One Wish Willow

    Der Überraschungsfilm des Jahres 2026 macht Vieles richtig: Spannung, Liebe, Wahnsinn!
    Der Film beweist, dass man für einen tollen Film kein großes Budget benötigt. Es reichen gute (unbekannte) Schauspieler und eine kreative Story-Idee. Bei unter 1m USD Produktionskosten stehen allein in den USA bis dato mehr als 170m USD Einnahmen gegenüber. Weltweit kommt noch Einiges dazu. Alles richtig gemacht- Bravo!
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    13.06.2026
    13:53 Uhr
  • Das Dämonische in Songs wie Everlasting Love

    Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

    Die Liebe ist ein seltsames Spiel

    Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

    Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

    Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

    Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

    I’D Do Anything for Love

    Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

    Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

    What is Love – Baby Don’t Hurt Me

    Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

    Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

    Can’t Take My Eyes Off You

    Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

    Against All Odds

    Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.


    Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!
    filmgenuss_logo_quadrat_2a3baf4bcc.jpg
    14.05.2026
    18:47 Uhr