Exklusiv für Uncut
Timothée Chalamet steuert als ehrgeiziger und egozentrischer Tischtennis-Profi Marty Mauser von einer Katastrophe in die nächste – und mit einer Galavorstellung auf seinen ersten Oscar zu. Nominiert in acht weiteren Kategorien, darunter „Bester Film“.
150 Minuten für die Ewigkeit. Das dürfte das Ziel gewesen sein, das sich Regisseur Josh Safdie, sein Ko-Autor Ronald Bronstein, und ganz besonders Hauptdarsteller Timothée Chalamet gesteckt haben, als sie sich anschickten, ein „Rags-to-Riches“-Epos über einen aufstrebenden Pingpong-Profi zu schaffen. Eine irrwitzige und mit völlig abgefahrenen Wendungen gespickte Story, die lose auf der Lebensgeschichte eines echten Spielers, Marty Reisman, basiert. Safdie schießt hier ein narratives Feuerwerk ab, über das man sicherlich noch eine Weile sprechen wird.
Die Reise des Protagonisten beginnt aber ganz unscheinbar 1952 in einem Schuhgeschäft, nämlich jenem von Murray (Larry „Ratso“ Sloman), in dem er seinen Neffen Marty Mauser anstellt. Murray will ihn sogar zum Manager befördern, während Marty eigentlich nur auf seinen Lohn wartet, um damit zum „British Open“ nach London zu fahren und die internationale Tischtennis-Elite aufzumischen. Bereits dort macht sich Marty mit seinem aufbrausenden Ego einen Namen, als er sich, unzufrieden mit seiner Unterkunft, in einer Loge ins „Ritz“ einquartiert. Nachdem er im Semifinale des Turniers den amtierenden Champion Bela Kletzki (Géza Röhrig) besiegt, erweist sich im Endspiel der taube japanische Profi Koto Endo (Koto Kawaguchi) als zu stark. Nun richtet sich Martys Fokus aber auf die anstehende Weltmeisterschaft, und um dorthin zu gelangen, ist ihm jedes erdenkliche Mittel recht. Er schmeichelt sich erst beim Kugelschreiber-Magnaten Milton Rockwell (Kevin O’Leary) ein – während er sich hinterrücks an dessen Gattin, die in Vergessenheit geratene Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow), heranmacht – damit der ihn sponsort, zeigt sich jedoch abermals unzufrieden mit den Bedingungen der Abmachung. So lässt sich Marty auf allerlei krumme Dinger ein, um anderweitig das nötige Geld für die Reise nach Japan zu beschaffen. Dann erwartet seine Jugendfreundin Rachel (Odessa A’Zion) ein Kind von ihm. Wenig später macht er auch noch die Bekanntschaft mit dem Gangster Ezra Mishkin (Kultregisseur Abel Ferrera) und dessen Hund Moses, als er in einer Badewanne auf ihn niederkracht und ihn am Arm verletzt. Immer wieder muss Marty von einer brenzligen Situation in die nächste rennen, um seinen Traum vom großen Ruhm als bester Tischtennisspieler der Welt wahrwerden zu lassen.
Wer sich schon immer gefragt haben dürfte, wer von den beiden Safdie-Brüdern für die chaotische, stellenweise frenetische und stets temporeiche Ästhetik verantwortlich ist, für die sich die beiden im Independent-Kino der letzten zwei Jahrzehnte einen Namen gemacht haben, der dürfte spätestens jetzt Bescheid wissen. Denn während Benny mit seinem Sportlerportrait, „The Smashing Machine“, über MMA-Kämpfer Mark Kerr (Dwayne Johnson) und seine Probleme mit einer Medikamentensucht und Freundin Dawn (Emily Blunt), ein behutsames und fast schon zärtliches Melodram inszeniert hat, macht Josh hier von Anfang an keine halben Sachen. Marty stiehlt, betrügt, redet sich in Rage und um Kopf und Kragen, ohne Rücksicht auf Verluste und Konsequenzen. Nichts und niemand ist ihm heilig, nicht einmal seine eigene Mutter (Fran Drescher), die eine ernste Erkrankung vortäuscht, nur um Aufmerksamkeit von ihm zu bekommen. Es ist ein faszinierender Charakter, dem ich als Zuschauer zweieinhalb Stunden folgen darf, der zwar für seinen großen Traum bereit ist, alles zu geben, dabei aber so anmaßend und kompromisslos vorgeht, dass man ihn eigentlich dafür verabscheuen sollte.
Josh Safdie und Ronald Bronstein haben für diese Figur einen wahnwitzigen Plot entworfen, der seinem Protagonisten keine Minute Ruhe gönnt – auch dem Zuschauer bleiben wenig Verschnaufpausen – wenn er sich von Scharade zu Scharade hangelt. Dafür braucht es einen Schauspieler mit dem nötigen Quäntchen Charisma, der Marty einerseits als Identifikationsfigur, andererseits aber auch als abschreckendes Beispiel für zu viel Ambition anlegt. Ein wenig könnte man meinen, dass einige der Rollen im Film sogar das echte Leben imitieren, denn Timothée Chalamet erfüllt die Kriterien dieses Charakters mit fast schon erschreckender Präzision. Seit einem Jahrzehnt besticht der gerade erst 30 Jahre alt gewordene New Yorker mit einer starken Performance nach der anderen, aber alle seine bisherigen Rollen geraten beinahe in Vergessenheit, sobald er – mit Monobraue, Schnurrbart, Brille und Pickelgesicht aus dem Make-Up-Department – die Szenerie betritt. Chalamet spielt Mauser nicht, er wird zu Mauser. Er zieht mich als Zuschauer auf seine Seite, und das durch jede Eskapade. Ähnlich wie die Stars aus der klassischen Ära des Hollywood-Kinos, wie etwa ein Marlon Brando, der einen ähnlichen frühen Karriereweg wie Chalamet hingelegt hat, oder Al Pacino zum Beispiel als glückloser Bankräuber in „Dog Day Afternoon“ (1975).
Das heißt aber nicht, dass Chalamet hier eine One-Man-Show abzieht. Denn an seiner Seite überzeugen fast ausschließlich non-professionelle Akteure. Ein Comeback nach Maß gibt jedoch die Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow als – und auch das könnte man durchaus als „Leben imitiert Kunst“-Casting bezeichnen – alternde Schauspielerin, deren Glanzzeiten längst hinter ihr liegen und Martys Avancen zwar erliegt, aber eigentlich nicht sonderlich geschmeichelt ist. Die wahre Offenbarung des Films ist indes zweifellos Odessa A’Zion, die mit gerade mal 25 Jahren eine sehr herausfordernde und eindrückliche Performance als Rachel, Martys schwangere Freundin, gibt. Kevin O’Leary wiederum überzeugt als Antagonist Rockwell, der Marty einige demütigende Lektionen erteilt. In weiteren Nebenrollen bleiben Independent-Ikone Abel Ferrara als unberechenbarer Mobster Ezra, Influencer Luke Manley als Martys Kumpel Dion, der für ihn orange Pingpong-Bälle herstellen lässt und Rapper „Tyler, the Creator“, der als Taxifahrer in eine besonders abgefahrene Episode mit Marty gerät, im Gedächtnis. Sogar der legendäre Dramatiker und Filmemacher David Mamet hat hier einen Kurzauftritt als, no na, Theaterregisseur.
Das ist alles in allem ganz schön viel, was Safdie da im Köcher hat, aber mit einem bunten Figurenpersonal, viel erzählerischem Drive, einem pulsierenden Soundtrack, der zum Teil aus anachronistischen Pop-Songs der 1980er Jahre besteht, und einer zentralen Performance, die bereits jetzt das Zeug zum Kultstatus hat, legt Safdie eine gelungene Charakterstudie ab, deren neun Oscar-Nominierungen nicht von ungefähr kommen.