Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Gesehen im Gartenbaukino, 23:15 Uhr. Restlos ausverkauft.
Ich bin ohne Erwartungen ins Kino gegangen. Ich wusste kaum, wer Jeff Buckley war – nur dass der Saal voll war und draußen noch Menschen auf Resttickets hofften. Dieses typische Viennale-Gefühl: man spürt, dass gleich etwas passieren könnte, das einen überrascht.
Amy Bergs Dokumentarfilm „It’s Never Over, Jeff Buckley“ entfaltet sich leise, aber zieht einen hinein. Buckley erscheint hier als faszinierende Gegenfigur zur Grunge-Ära – verletzlich, ästhetisch, sensibel, aber ohne die selbstzerstörerische Aura vieler seiner Zeitgenossen. Kein Mythos des Leidens, sondern einer der Suche.
Berg zeigt ihn als Künstler zwischen Licht und Schatten: als Sohn eines abwesenden Vaters, als Musiker, der nur ein einziges Studioalbum veröffentlichte, und als Mensch, der spürbar auf der Schwelle stand. Seine Musik, besonders Grace, bekommt in der Doku wieder diese fast magische Bedeutung, die sie in den 90ern gehabt haben muss.
Was die Doku besonders schön einfängt, ist Buckleys unprätentiöse Art. Er war kein typischer Rockstar, kein Ego, kein Poseur. Er liebte kleine Clubs, kleine Bühnen – besonders das Café Sin-é im East Village, wo er regelmäßig spielte. Dort, zwischen Espressomaschine und Publikum, entstand etwas Echtes: eine Stimme, die ganze Räume still machte. Aus diesen Auftritten heraus wurde er überhaupt erst entdeckt. Buckley war neugierig, voller musikalischer Ehrfurcht. Seine Vorbilder reichten von Nina Simone bis Edith Piaf, von Nusrat Fateh Ali Khan bis Led Zeppelin. Besonders Robert Plant verehrte er – man spürt, dass er sich von dieser Leidenschaft tragen ließ, ohne sich je selbst für unantastbar zu halten. Diese Mischung aus Bescheidenheit und musikalischem Hunger macht ihn so greifbar.
Sein früher Tod – ein nächtliches Schwimmen im Mississippi, bei dem er spurlos verschwand – bleibt bis heute von einem leisen Rätsel umgeben. Kein Skandal, kein Absturz, sondern ein stiller, unbegreiflicher Moment, der zu seiner Legende wurde.
Was mir während des Films auffiel, war, dass die Mutter, Mary Guibert, sehr präsent ist. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Doku erzähle fast ebenso sehr von ihr wie von Jeff. Berg legt den Fokus stark auf diese Perspektive – was interessant ist, weil Guibert zwei Musiker geliebt und verloren hat: erst Jeffs Vater Tim Buckley, dann ihren Sohn. Dieses doppelte Schicksal verleiht dem Film eine zusätzliche Tragik und Tiefe, verschiebt den Mittelpunkt aber leicht. Vielleicht ist das kein Fehler, sondern einfach der Zugang, den Berg wählt: Jeffs Leben durch die Augen derer zu sehen, die ihn am längsten überlebt hat.
Trotzdem bleibt der Film ein feinfühliges Porträt eines Künstlers, der nie die Chance bekam, alt zu werden. In Momenten erinnert der Film an Brett Morgens „Moonage Daydream“, doch Berg bleibt bodenständiger, weniger experimentell. Bowie wurde zum Mythos – Buckley bleibt Mensch.
Als ich das Kino verließ, habe ich zum ersten Mal Grace gehört – nachts, auf dem Heimweg. Und plötzlich klangen all die Gesichter, Stimmen und Erinnerungen aus dem Film weiter. Kein großes Finale, nur dieses leise Gefühl, dass manche Künstler einem erst begegnen, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet.