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    Erklär' mir Russland

    Ob Wladimir Wladimirowitsch Putin, im Film des Öfteren oder fast immer als „Der Zar“ bezeichnet, diesen Film schon gesehen hat? Er könnte die Sichtung dessen damit begründen, seine Kenntnis darüber ausbauen zu wollen, wie denn der Westen über Russland denkt. Nun, im Grunde weiß er das sowieso. Unterm Strich sind sie alle unfair, außer die FPÖ oder Trump. Oder Karin Kneissl. Weil der Westen wiederum selbst Russland als missratenen Staat empfindet. Wieso sollte er sich das also antun, weil die anderen sowieso und eh nichts wissen?

    Die Macht der Macher

    Der Magier im Kreml ist aber kein Schwerter schwingendes und scharfzüngiges Aggressionskino gegen das diktatorische Russland, dessen Führer gerne so sein möchte wie seinerzeit Stalin, mit diesem riesigen russischen Reich unter seiner Fuchtel. Dieses stille Drama, das sich lediglich in Worten und damit dokumentierten Berichten weiterbewegt als sonst wie, hat kein Interesse daran, auf irgendeine Weise zu hetzen. In nüchterner, analytischer Methodik arbeitet sich Filmemacher Olivier Assayas durch die literarische Vorlage des Schriftstellers und Politikwissenschafters Guiliano da Empoli, der augenscheinlich gewusst haben muss, wovon er in seinem Bestseller berichtet, nämlich von Struktur, Konzeption und die Umsetzung dessen, was man bekanntlich als autoritäre Machtausübung bezeichnet.

    Als solch eine Aufdröselung diverser Mechanismen will Der Magier im Kreml gesehen werden, und dabei stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Putin wohl, würde er den Film sehen, all die Methoden nachvollziehen, sich selbst und seinen Stab als entlarvt oder ertappt ansehen oder nur überheblich lächelnd das Ganze als naiven Versuch ansehen könnte, das Geheimnis hinter dem Machtmonster Russland herausfinden zu wollen. Ist das Werk also damit gescheitert oder nicht? Und wer ist überhaupt dieser Wadim Baranow, die rechte Hand Putins oder dessen Schatten?

    Danos Figur gab es gar nicht

    Es gibt ihn gar nicht. Und gab ihn auch nicht. Wenn es jemanden gab, der so ähnlich taktierte, dann war das Wladislaw Surkow, und tatsächlich wurde der auch als Zauberer bezeichnet, als dritter Mann im Staat. Aber Baranow, den gab es nicht. Nicht so, wie ihn Paul Dano darstellt. Womöglich deswegen, weil es vermutlich selbst für Autor Empoli unmöglich war, näheres über die Biografie dieses Mannes namens Surkow herauszufinden. Und bevor man sich anhören muss, schlecht recherchiert zu haben und sich damit in die Nesseln setzt, lässt man Surkow weg und erfindet eine gänzlich neue Figur.

    Damit lässt sich auch besser erzählen, es lässt sich die politische Biografie dieses Machtmenschen Putin einfacher betrachten, wenn man mit einer Figur wie Baranow umgehen kann wie man will und diesen auch so platziert, dass er alles sehen kann, was hinter den Kremlmauern abgeht. Der Rest ist schließlich ohnehin Geschichte.

    All die anderen gab es ja wirklich, auch diesen Oligarchen und Fernsehmogul Boris Beresowksi (famos: Will Keen) oder Dmitri Sidorow („Sandman“ Tom Sturridge) – zwei Machtmenschen, die man mittlerweile auch nicht mehr befragen kann. Der Verdacht auf politische Sterbehilfe kommt nicht von irgendwoher, denn Putins Machtapparat, das wissen wir aus den Nachrichten, kann, wenn er denn will, weit über die Staatsgrenzen hinaus noch nachwirken.

    Schweigen ist silber, Reden ist gold

    Kehren wir zurück zu Paul Dano, den Quentin Tarantino kurzzeitig irgendwie nicht leiden konnte, der aber hier, unter Olivier Assayas Regie, das pausbäckige Milchgesicht eines emotionslosen Denkers abgibt, der zweieinhalb Stunden durchgehend und obendrein den Erklärbären gibt. Da lohnt es sich wieder, Der Magier im Kreml in der synchronisierten Fassung zu sehen, sonst würde man, wie schon bei Haugeruds Oslo-Trilogie, an den Bildern vorbei die Untertitel begaffen, sofern man nicht perfekt Englisch versteht. So aber ist die angenehm kindliche und streichelweiche deutsche Übersetzung problemlos und auf längere Zeit hörbar, schließlich lässt sich ohne der Stimme aus dem Off der halbe Film nicht verstehen, sind all die Etappen der Laufbahn eines Putin in ihrer recht gleichförmigen Beschaffenheit kaum auseinanderzuhalten.

    Für die nötige Abwechslung sorgt Alicia Vikander mit variablem Haircut, alle anderen ruhen in ihrem konsistenten Erscheinungsbild – und auch Jude Law, der die Herausforderung stemmen muss, weit jenseits einer aversiven Parodie den Mann bewusst vorurteilsfrei darzustellen, gelingt die reduzierte Annäherung mit lediglich einstudierter Mundpartie und schütter-blondem Haar.

    Wenig Vodka, dafür Winter

    Wie ein Film wie Der Magier im Kreml funktionieren kann, ausschließlich mit Dialogen, den Fokus starr auf die pulsierende Machtblase gerichtet, den Blickwinkel stets bei Paul Danos rezitierender Funktion belassend? Vielleicht ist die Beharrlichkeit in diesem Film genau das, was den Unterschied macht, was den eigenen Kopf anregt. Was das Unangreifbare zum kalkulierenden kleinen Menschen macht, der den Freibrief für alles ergattert. Assayas schafft einen speziellen Film zwischen McKays Vice und Oliver Stones Präsidentendramen, deutlich europäischer, samt Arthouse-Touch und unterkühltem Russlandwinter.



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    17.04.2026
    19:07 Uhr
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    Der Mann hinter Putin, den es nie gab

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Zu Anfang wird über eine Texttafel klar gemacht: die Hauptfigur, der wir die nächsten zweieinhalb Stunden folgen, hat in Wahrheit nie existiert. Dabei würde es einen nicht wundern. „The Wizard of the Kremlin“ ist der Versuch, den Aufstieg einem der politischen Aggressoren des Hier und Jetzt zu erklären: dem vom russischen Staatschef und Kriegstreiber Vladimir Putin (Jude Law). Drahtzieher sei laut der fiktionalisierten Nacherzählung, die auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli basiert, der auf den ersten Blick unscheinbare Vadim Baranov (Paul Dano) gewesen. Als studierter Theatermacher weiß es Baranov, die perfekte Show zu inszenieren. Seine bescheidenen Anfänge führen den Künstler ins Politikum – und lassen ihn zum Propagandist eines gefährlichen Regimes abheben. Jahre später sagt er einem Akademiker (Jeffrey Wright) gegenüber aus.

    Pseudopolitisches Kino der Oberfläche

    Über Rückblenden entführt Regisseur Olivier Assayas zurück zu den bescheidenen Anfängen des Reue fühlenden Spindoctors. Den berauschten Kunststudentenpartys, ersten Liebeleien (Alicia Vikander tritt immer wieder als eindimensional geschriebene „Ksenia“ ins Bild), dem Wunsch nach Ruhm, Reichtum und Respekt. Wie Assayas den Exzess visualisiert, macht Spaß zu verfolgen, die eurozentrische Arthouse-Erdung seiner bekanntesten Filme („Irma Vep“, „Personal Shopper“) wurde allerdings gegen effekthascherische Überinszenierung eingetauscht. Die Wandlung, körperlich wie moralisch, spielt Paul Dano gewohnt überzeugend und verzichtet, so dankenswerterweise alle Akteure im Film, auf einen aufgesetzten russischen Akzent. Wie glaubwürdig Jude Law als Putin-Karikatur den Habitus des Mannes, dem man in kaum einer Nachrichtensendung entkommen kann, nachäfft, ist erschreckend. Präzisere Beobachtungen zum politischen Kasperltheater der Sowjetunion gibt es aber wenige. So plausibel sich auch die Hauptfigur in die Historie einfügt. „The Wizard of the Kremlin“ ist glanzpoliertes Politpopcornkino, dem es an nachhaltiger Substanz mangelt. Nett anzuschauen, aber man bekommt das Gefühl nicht los, hier eine komprimierte Miniserie zu sehen. Dass Disney+ seine Finger im Spiel hatte, wie man eingangs erfährt, wundert nicht.
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    05.09.2025
    16:36 Uhr