Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Hat das Leben einen Sinn? Oder ist es nur der Wartesaal des Todes? Welche Bedeutung haben „Leben“, „Tod“ und „Mord“? Ein Mord! „I killed an Arab“ – mit diesen Worten ändert der französische Auteur François Ozon den Startpunkt in seinem neuen Filmkunstwerk. Er variiert damit die Vorlage von Albert Camus, dessen Novelle „Der Fremde“ (1942) als einer der wichtigsten französischen Literaturbeiträge des 20. Jahrhunderts gilt. Anders als Camus, der den Tod der Mutter an den Anfang setzt, fällt Ozon mit der Tür ins Haus und beginnt den mörderischen Spannungsbogen. Ohne Philosophie ist dieses Werk schwer zu erkunden, weshalb sie gleich eine wichtige Rolle einnimmt. Vorab ein Blick auf das Setting:
„Der Fremde“ ist ein junger Mann namens Meursault, wohnhaft in Algier Ende der 1930er-Jahre und ein eigenwilliger Zeitgenosse. Stoisch, wortlos, seltsam psychopathisch. Selbst nach dem Tod seiner Mutter: keine Regung im Gesicht, weder Schuld noch Schmerz, nur Ignoranz und Indifferenz. Zum Begräbnis fährt er eher erzwungen als erwünscht, hält eine Leichenwache am geschlossenen (!) Sarg und verliert weniger Tränen als die Kurzzeit-Bekannten aus dem Altersheim der Verstorbenen. Am nächsten Tag besucht er ohne sichtbaren Kummer ein Freibad und knutscht abends im Kino. Allen Konventionen und Gefühlen zum Trotz. Dass dieser Tod nicht verarbeitet wird, zeigt Ozon, indem er Meursault fortwährend mit Kindern und Familien konfrontiert, die seinen Weg kreuzen. Später führen allenfalls Kälte und Empathievakuum zum Mord, gefolgt von einer juristischen Aufarbeitung.
Ästhetisch scheint das Geschehen aus der Zeit gefallen – im positiven Sinn. Wir blicken auf Bilder voller Eleganz. Jede Einstellung gleicht einer musealen Schwarz-Weiß-Fotografie, das virtuose Handwerk Ozons ist in jeder Sekunde zu spüren. Dieser Regisseur kennt jeden Kniff, hat eine Klarheit in den Einstellungen, unterstreicht surreale Akte durch klerikale Tönen. Zeitlupen und Überblendungen erzeugen eine unzuverlässige, in der algerischen Hitze sengende Bildsprache, die optimal zum Erzählten passt. Oft zieht sich die Kamera in die Ferne zurück, um die Mickrigkeit des Menschen im Kontext der Welt zu zeigen. Und damit kommen wir unweigerlich zur Philosophie.
Der Blick Meursaults (eindringlich gespielt von Benjamin Voisin) ist es auch, dem das Publikum folgen muss. Ozon fährt hier die schweren Geschütze der existentialistischen Philosophie auf und ohne Vortheorie fällt die Betrachtung schwer. Wer blickt hier wen an? Blicken wir zusammen mit Meursault auf die Filmobjekte? Oder ist er selbst ein passives Objekt, angeschaut vom aktiven Subjekt-Publikum? Letztlich fällt die Identifikation genau wegen dieser Irritationen schwer – sicherlich intendiert, dennoch kaum zu verkraften. Ozon gelingt hier ein streng philosophischer Film. Und dann sehen wir durch Meursault nicht nur Familien, nicht nur toxisch-gewaltsame Freunde, nicht nur auf Hunde einschlagende Nachbarn, sondern vor allem die Lächerlichkeit eines Käfers, der wie ein Sisyphos der Insekten den Weg immer wieder entlangkrabbelt. Apropos: Albert Camus hat gleichzeitig mit „Der Fremde“ auch den „Mythos des Sisyphos“ geschrieben und seine Belletristik theoretisch begründet. Seiner Ansicht nach herrscht in Welt und Leben keinerlei Sinn, dessen einziger Ausweg die Annahme der Absurdität sein soll. Ohne zu tief einzutauchen, drängt sich bei Camus ein moralischer Nihilismus auf: die radikale Ablehnung jedes Lebenswillens, die Ozon präzise bebildert. (Das Sinnvakuum steht übrigens im Gegensatz zum Kollegen Jean-Paul Sartre, der durchaus einen Sinn in der Sinnlosigkeit gesehen hat.)
Mitunter geraten einige Charakterzüge zu grob gezeichnet, zu wenig subtil. Wenn Meursault auf ein „I love you“ seiner Geliebten mit „That means nothing“ antwortet. Oder als er tatenlos bei der häuslichen Gewalt des Nachbarn zuschaut. Es gibt einige Beispiele, bei denen Ozon die Camus-schen Ansätze mit dem Holzhammer formuliert. Ganz zu schweigen von einem erklärenden Intro, das dem Publikum misstraut. Ozon setzt zuweilen missliche, teils aber auch geistreiche Schwerpunkte: dieser Streifen ist auch ein Abbild der Gegenwart. Denn es ist nicht nur die existentialistische Linse, durch die Ozon/Camus/Publikum hier blicken: Der Fremde ist nicht nur innerlich fremd, er ist fremd im kolonialen Algerien. Soziologisch analysiert steht Meursault für die passive Mittelschicht, die in aller Stille die großen Probleme der heutigen Zeit – Klimakrise, Rechtsruck, Ungleichheiten – in totaler Lethargie über sich ergehen lässt oder mitträgt. Der Film ist auch ein Kommentar zur Migrationsdebatte, womit er eine neue Dimension dieses Stoffes eröffnet, wenn die Schwester des Ermordeten eine Rolle erhält und Kritik an der französischen Besatzung übt.
Fazit: François Ozons Adaption des Camus-Bestsellers ist eine philosophische Belastungsprobe. Handwerklich über alle Zweifel erhaben, erdrückt die Theorie das Filmemachen, erzeugt mehr Rätsel als Antworten, lässt Kafka, Lynch und Camus kollidieren. Wer sich auskennt und darauf einlässt, wird seine intellektuelle Freude haben. Am Ende spiegelt sich in Film und Buch die absurde und triviale Erkenntnis: Leben und Tod haben keine Bedeutung, überhaupt hat nichts Bedeutung, alles ist sinnlos. Ein Film wie ein metaphysischer Kloß im Hals: brillant inszeniert, schwer verdaulich.