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    Die Gleichgültigkeit der Welt

    The Cure haben darüber ein Lied geschrieben: Killing an Arab. Dieser äußerst provokante Titel bezieht sich auf den literarischen Klassiker von Albert Camus, der nun von François Ozon, dem man nicht wirklich nachsagen kann, immer nur dieselbe Art von Filmen zu drehen, neu aufgelegt wurde. Zuletzt war Luchino Visconti dran, mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, doch das ist schon einige Jährchen her, genauer gesagt lief der Film Ende der Sechzigerjahre in den Kinos. Diese Sechzigerjahre haben es Ozon allerdings angetan: Sein Film Der Fremde wirkt, als würde er sich hüten, als zeitgemäße Neuinterpretation verstanden werden zu wollen. Alles darin macht große Schritte zurück in der Zeit und tut mit ziemlich viel Erfolg gar so, als hätten wir es mit der Wiederaufführung von etwas längst Vergangenem und neu Entdecktem zu tun. Nicht unwesentlich ist dabei die Umsetzung in unexperimentellem, akkuratem Schwarzweiß – die einzige mögliche Methode, eine Geschichte wie die von Albert Camus darzustellen. Denn jede Farbe, jeder Effekt, jedes visuelle Geräusch würde diesem existenzialistischen Sozialhorror zuwiderlaufen. Doch was heißt Existenzialismus – Albert Camus treibt es in seiner Ich-Erzählung, gegliedert in zwei Teile, so dermaßen auf die Spitze, das nichts mehr bleibt, außer eben dem Nichts, einer nihilistischen Weltsicht, die sich, frei von jeglicher Emotion, mit der erbarmungslosen Gleichgültigkeit einer Welt bestens versteht.

    Ein unerträglicher Charakter

    Im Zentrum dieser eiskalten Gesamtsituation aus Zynismus und Empfindungsarmut steht die gespenstische Figur des jungen Meursault, den man schon in den ersten Minuten regelrecht verabscheut. Nichts im Gesicht von Schauspieler Benjamin Voisin (u. a. Die Tanzenden) regt sich, nicht mal dann, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Trauer, Schmerz, das Gefühl von Verlust? Fehlanzeige. Doch Meursault tut, was er tun muss, er imitiert die Kultur des christlichen Abendlandes in einem Land, das ihm nicht gehört, in dem er als Fremder im kolonialen Algerien seine Brötchen verdient, und verdient er sie mal nicht, beginnt er Affären mit Frauen, die sich nicht daran stoßen, dass Meursault nichts empfindet, zu nichts eine Meinung hat, weil nichts in der Welt als sinnvoll gilt.

    Das geht sogar so weit, dass unser Protagonist einen Mord begeht. Einmal vor Gericht, offenbart sich schließlich die ganze Schrecklichkeit einer belanglosen Existenz in einer langweiligen Welt, die Fatalität der Natur der Dinge, die in stoischer Regungslosigkeit all die Anstrengungen der menschlichen Spezies, um dort hin zu gelangen, wo sie sich aktuell befindet, gleichgültig reflektiert.

    Existenz hat keine Meinung

    Francois Ozons grimmiger Edel-Nihilismus seziert einen unerträglichen Charakter in ästhetischen Bildern – und findet: nichts. Die Gestalt des Meursault ist wie die Vorwegnahme einer künstlichen Intelligenz, eines Androiden, der nichts empfinden kann, nicht weil er nicht will, sondern weil die Welt nichts dafür übrig hat. Voisin ergibt sich seinem provokante Spiel, immer mehr wundert man sich, dass die soziale Isolation nicht als Konsequenz für dieses ignorante Leben eine gerechte Strafe wäre, doch isoliert ist er nicht, genauso wenig wie Patrick Bateman in Bret Easton Ellis‘ American Psycho, eine ähnlich gelangweilte, abgestumpfte, übersättigte Person, die den Reiz der eigenen Lebendigkeit nur anhand von Bluttaten empfindet. Camus‘ Der Fremde mag Inspiration gewesen sein für diesen Killer-Charakter, doch selbst ist er keiner. Am Ende des Films wird klar, das all die Sinnlosigkeit der Existenz niemals selbstgewählte Überzeugung war, sondern das Resultat einer epochalen Enttäuschung, die daraus resultiert, auf keine der Fragen an die Welt jemals eine Antwort bekommen zu haben.

    Resignativ, aber immer noch verzweifelt genug: So gelingt François Ozon, ohne uns selbst an dieser Figur verzweifeln zu lassen, eine messerscharfe, fast schon klinische Charakterstudie, oder besser gesagt, ein Psychogramm, abgestumpft und verdrossen, dass sich mit dem Dialog zwischen einem zum Tode Verurteilten und einem Geistlichen zu einem Crescendo aufbäumt, dass die Essenz des Existenzialismus als gewaltige emotionale Krise darstellt. Da haben wir es wieder, das Gefühl. Im Grunde war es immer da.



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    06.11.2025
    19:26 Uhr
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    Absurdität und Kolonialismus - Ein philosophischer Stresstest

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Hat das Leben einen Sinn? Oder ist es nur der Wartesaal des Todes? Welche Bedeutung haben „Leben“, „Tod“ und „Mord“? Ein Mord! „I killed an Arab“ – mit diesen Worten ändert der französische Auteur François Ozon den Startpunkt in seinem neuen Filmkunstwerk. Er variiert damit die Vorlage von Albert Camus, dessen Novelle „Der Fremde“ (1942) als einer der wichtigsten französischen Literaturbeiträge des 20. Jahrhunderts gilt. Anders als Camus, der den Tod der Mutter an den Anfang setzt, fällt Ozon mit der Tür ins Haus und beginnt den mörderischen Spannungsbogen. Ohne Philosophie ist dieses Werk schwer zu erkunden, weshalb sie gleich eine wichtige Rolle einnimmt. Vorab ein Blick auf das Setting:

    „Der Fremde“ ist ein junger Mann namens Meursault, wohnhaft in Algier Ende der 1930er-Jahre und ein eigenwilliger Zeitgenosse. Stoisch, wortlos, seltsam psychopathisch. Selbst nach dem Tod seiner Mutter: keine Regung im Gesicht, weder Schuld noch Schmerz, nur Ignoranz und Indifferenz. Zum Begräbnis fährt er eher erzwungen als erwünscht, hält eine Leichenwache am geschlossenen (!) Sarg und verliert weniger Tränen als die Kurzzeit-Bekannten aus dem Altersheim der Verstorbenen. Am nächsten Tag besucht er ohne sichtbaren Kummer ein Freibad und knutscht abends im Kino. Allen Konventionen und Gefühlen zum Trotz. Dass dieser Tod nicht verarbeitet wird, zeigt Ozon, indem er Meursault fortwährend mit Kindern und Familien konfrontiert, die seinen Weg kreuzen. Später führen allenfalls Kälte und Empathievakuum zum Mord, gefolgt von einer juristischen Aufarbeitung.

    Ästhetisch scheint das Geschehen aus der Zeit gefallen – im positiven Sinn. Wir blicken auf Bilder voller Eleganz. Jede Einstellung gleicht einer musealen Schwarz-Weiß-Fotografie, das virtuose Handwerk Ozons ist in jeder Sekunde zu spüren. Dieser Regisseur kennt jeden Kniff, hat eine Klarheit in den Einstellungen, unterstreicht surreale Akte durch klerikale Tönen. Zeitlupen und Überblendungen erzeugen eine unzuverlässige, in der algerischen Hitze sengende Bildsprache, die optimal zum Erzählten passt. Oft zieht sich die Kamera in die Ferne zurück, um die Mickrigkeit des Menschen im Kontext der Welt zu zeigen. Und damit kommen wir unweigerlich zur Philosophie.

    Der Blick Meursaults (eindringlich gespielt von Benjamin Voisin) ist es auch, dem das Publikum folgen muss. Ozon fährt hier die schweren Geschütze der existentialistischen Philosophie auf und ohne Vortheorie fällt die Betrachtung schwer. Wer blickt hier wen an? Blicken wir zusammen mit Meursault auf die Filmobjekte? Oder ist er selbst ein passives Objekt, angeschaut vom aktiven Subjekt-Publikum? Letztlich fällt die Identifikation genau wegen dieser Irritationen schwer – sicherlich intendiert, dennoch kaum zu verkraften. Ozon gelingt hier ein streng philosophischer Film. Und dann sehen wir durch Meursault nicht nur Familien, nicht nur toxisch-gewaltsame Freunde, nicht nur auf Hunde einschlagende Nachbarn, sondern vor allem die Lächerlichkeit eines Käfers, der wie ein Sisyphos der Insekten den Weg immer wieder entlangkrabbelt. Apropos: Albert Camus hat gleichzeitig mit „Der Fremde“ auch den „Mythos des Sisyphos“ geschrieben und seine Belletristik theoretisch begründet. Seiner Ansicht nach herrscht in Welt und Leben keinerlei Sinn, dessen einziger Ausweg die Annahme der Absurdität sein soll. Ohne zu tief einzutauchen, drängt sich bei Camus ein moralischer Nihilismus auf: die radikale Ablehnung jedes Lebenswillens, die Ozon präzise bebildert. (Das Sinnvakuum steht übrigens im Gegensatz zum Kollegen Jean-Paul Sartre, der durchaus einen Sinn in der Sinnlosigkeit gesehen hat.)

    Mitunter geraten einige Charakterzüge zu grob gezeichnet, zu wenig subtil. Wenn Meursault auf ein „I love you“ seiner Geliebten mit „That means nothing“ antwortet. Oder als er tatenlos bei der häuslichen Gewalt des Nachbarn zuschaut. Es gibt einige Beispiele, bei denen Ozon die Camus-schen Ansätze mit dem Holzhammer formuliert. Ganz zu schweigen von einem erklärenden Intro, das dem Publikum misstraut. Ozon setzt zuweilen missliche, teils aber auch geistreiche Schwerpunkte: dieser Streifen ist auch ein Abbild der Gegenwart. Denn es ist nicht nur die existentialistische Linse, durch die Ozon/Camus/Publikum hier blicken: Der Fremde ist nicht nur innerlich fremd, er ist fremd im kolonialen Algerien. Soziologisch analysiert steht Meursault für die passive Mittelschicht, die in aller Stille die großen Probleme der heutigen Zeit – Klimakrise, Rechtsruck, Ungleichheiten – in totaler Lethargie über sich ergehen lässt oder mitträgt. Der Film ist auch ein Kommentar zur Migrationsdebatte, womit er eine neue Dimension dieses Stoffes eröffnet, wenn die Schwester des Ermordeten eine Rolle erhält und Kritik an der französischen Besatzung übt.

    Fazit: François Ozons Adaption des Camus-Bestsellers ist eine philosophische Belastungsprobe. Handwerklich über alle Zweifel erhaben, erdrückt die Theorie das Filmemachen, erzeugt mehr Rätsel als Antworten, lässt Kafka, Lynch und Camus kollidieren. Wer sich auskennt und darauf einlässt, wird seine intellektuelle Freude haben. Am Ende spiegelt sich in Film und Buch die absurde und triviale Erkenntnis: Leben und Tod haben keine Bedeutung, überhaupt hat nichts Bedeutung, alles ist sinnlos. Ein Film wie ein metaphysischer Kloß im Hals: brillant inszeniert, schwer verdaulich.
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    01.11.2025
    21:47 Uhr